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Seine Heiligkeit rührte zu Tränen

Für viele war es der Augenblick der Erleuchtung. Einige mussten vor Rührung weinen, als ihnen der Dalai Lama die Hand gab. Heute vor zehn Jahren kam der Friedensnobelpreisträger nach Osnabrück. Mehr als 6000 Menschen hörten bewegt zu, als er von der Rathaustreppe sprach.

1998 feierten die Nachbarstädte Münster und Osnabrück den 350. Jahrestag des Westfälischen Friedens. Zu den zahlreichen Veranstaltungen im Jubiläumsjahr gehörte eine internationale Friedenskonferenz in Osnabrück, die vom Dalai Lama eröffnet wurde. Unvergessen ist für viele Osnabrücker noch heute der Auftritt des tibetischen Würdenträgers vor dem Rathaus.

Warmherzig, charmant und weise klangen die Worte, die der Friedensnobelpreisträger an die Osnabrücker richtete, und immer wieder gab es etwas zu lachen. Etwa, als sich der Dalai Lama mit einer Mappe vor der grellen Sonne schützte und bekundete, er komme aus dem Land des Schnees. Da müsse er sich vor einem Sonnenstich schützen.

Nur durch inneren Frieden könne der Mensch zum äußeren Frieden finden, erklärte Seine Heiligkeit seinen Zuhörern, die er als „Brüder und Schwestern“ anredete. „Jeder von uns kann diese innere Stärke entwickeln, unabhängig davon, ob man religiös ist oder nicht“, rief der Dalai Lama. Diese innere Ausgewogenheit komme nur zustande, „wenn wir Mitgefühl und Anteilnahme für andere entwickeln“. Es gelte, dem Hass diese innere Abrüstung entgegenzusetzen.

Großer Beifall brandete auf, als sich der Friedensnobelpreisträger für die weltweite Ächtung aller Atombomben und chemischer Waffen aussprach. Zugleich bezeichnete er es als unrealistisch, „dass es auf diesem Planeten keine Meinungsverschiedenheiten mehr gibt“.

Konflikte ließen sich lösen, wenn sich beide Seiten mit dem Willen zum Kompromiss annäherten. Dieser Geist der Dialogbereitschaft habe sich beim Westfälischen Frieden von 1648 in Münster und Osnabrück durchgesetzt. Inzwischen sei die Menschheit reifer geworden, versicherte der Dalai Lama.

Zwei Tage lang hielt sich der tibetische Mönch in Osnabrück auf. Er wohnte im Hotel Walhalla, ließ sich dort heißes Wasser, Obsttorte und immer wieder Spargel servieren. Mehrmals nutzte er die Gelegenheit zu spontanen Erkundungen. So tauchte er überraschend in einem Bioladen an der Bierstraße auf und teilte sich mit Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip trockene Brotstangen. Ebenso spontan ergriff das geistliche Oberhaupt der Tibeter bei jeder Gelegenheit die Hände von Passanten, die zum Teil vor Rührung erstarrten und in Tränen ausbrachen. Für viele war der Besuch des Dalai Lama der Höhepunkt des Friedensjahres 1998.


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