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Zorn anstelle von Resignation Überzeugend interpretierte „Winterreise“ von Jan Friedrich Eggers und Adrian Pavlov

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Scharf artikulierter Schmerz: Jan Friedrich Eggers. Foto: Theater OsnabrückScharf artikulierter Schmerz: Jan Friedrich Eggers. Foto: Theater Osnabrück

Osnabrück. Nach einem langen Winter wie diesem meint man Trostlosigkeit zu kennen. Doch es geht wohl noch um etwas mehr in der „Winterreise“, Wilhelm Müllers Gedichtzyklus, vertont von Franz Schubert. Kein Wunder, dass seine Thematik zur Umformung inspiriert, sei es als eine „Osnabrücker“ Winterreise oder ein Schauspiel von Elfriede Jelinek, das hier gerade Premiere hatte.

Doch eine ergreifendere Wirkung als die des fast 200 Jahre alten Liederzyklus Müllers/Schuberts, eines der umfangreichsten und der vielleicht schwärzeste der Musikgeschichte, lässt sich kaum erreichen. Wenn die Interpreten ihr Handwerk verstehen. Der Bariton Jan Friedrich Eggers stellt sich dieser Aufgabe, sein Partner am Flügel ist Adrian Pavlov. Im mehr als nüchternen und akustisch nicht wirklich störungsfreien oberen Foyer des Theaters haben es die beiden zwar nicht leicht, doch selbst hier „funktioniert“ die Musik. Schon nach kurzer Zeit lauscht das Publikum äußerst konzentriert.

Jan Friedrich Eggers beginnt erst einmal sehr direkt. „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“. Bei ihm klingt es unbekümmert, und so singt er die ersten vier Strophen. Die fünfte beginnt: „Was soll ich länger weilen, daß man mich trieb hinaus?“ Hier geht es los, zornig klingt diese Frage, und fast im Übermaß lässt Jan Friedrich Eggers fortan von Phrase zu Phrase die Stimmung umschlagen. Dabei stemmt er sich gegen eine zu resignative Deutung, der Zorn kocht bei ihm immer wieder hoch. „Was fragen sie nach meinen Schmerzen?“, so harsch wie hier ist man die Frage nicht gewohnt.

Auch nicht das Lied „Erstarrung“. Der Atem wird scharf eingesogen, die Augen funkeln als schmale Schlitze, der Buchstabe R wird stark gerollt, auch am Wortende, die Stimme klingt hart, Worte und Silben werden heftig ausgespuckt. Hier ist der Schmerz wohl doch noch frischer, als es der Text vermuten lässt: „Mein Herz ist wie erstorben, kalt starrt ihr Bild darin: Schmilzt je das Herz mir wieder, fließt auch ihr Bild dahin.“

Ein erster Höhepunkt ist hier ganz richtig gesetzt, bevor Schubert mit dem „Lindenbaum“ dem Hörer wenigstens so etwas wie eine halbe Verschnaufpause auf der Reise gönnt. Doch sie währt nicht lang: Das „heiße Weh“ im folgenden Lied spürt man förmlich. Eine schöne Farbe für die sanften Abschnitte findet Jan Friedrich Eggers an diesem Abend zwar nicht immer, doch hier wirkt er umso glaubhafter. Adrian Pavlov erweist sich als vorzüglicher Partner. Klar sind die Konturen des Klavierparts, stets greift er die Stimmung des Sängers auf oder bereitet sie vor.

Der zweite Teil ist weniger zornig. Wie auch? Immer finsterer wird die Stimmung. Von einer Krähe wünscht sich der Sänger endlich einmal „Treue bis zum Grabe“ zu sehen, seufzt „wie weit noch bis zur Bahre“, will bei einem Friedhof einkehren wie im Wirtshaus und findet schließlich im Leiermann die Gesellschaft eines anderen Außenseiters. Danach Applaus und frische, blühende Blumen für die Künstler.


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