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Umweltgerechte Herstellung Initiative „Fairphone“: Niederländer entwickeln fair produziertes Smartphone

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Osnabrück. Es gibt Kaffee aus fairem Handel, Kleidung aus ökologisch angebauter Baumwolle und sogar „faire“ Schnittblumen. Wer aber ein nach ökologischen und sozialen Standards produziertes Handy sucht, wird nicht fündig – bisher. Ein niederländisches Projekt will das ändern.

Fairphone “ nennen die Verantwortlichen ihr Android-Smartphone, mit dem sie denen eine Alternative bieten wollen, die Wert auf soziale und umweltgerechte Herstellung legen.

Noch existiert das Gerät nur virtuell, doch eine gewisse Nachfrage besteht. Die Zielmarke von 5000 Bestellungen zur Vorfinanzierung wurde schon am 4. Juni übersprungen, neun Tage vor Ablauf der viereinhalbwöchigen Bestellfrist. Die Zahl ist umso beeindruckender, als Käufer sich bis zum Herbst gedulden müssen, ehe sie ihr Handy auspacken können. Mit 325 Euro liegt das Modell preislich im Mittelfeld. Der Profit soll in die nächste Generation des Fairphones fließen, die noch fairer und umweltgerechter produziert werden soll. Doch um den Preis dürfte es den meisten Kunden nicht gehen.

Alltagsgegenstand

Binnen zweier Jahrzehnte ist das Handy zum Alltagsgegenstand geworden. Wer es zu Hause vergisst, fühlt sich oft „nackt“. Doch die Allgegenwärtigkeit der Geräte lässt schnell vergessen, dass ihre Herstellung ökologische und soziale Probleme verursacht, die bei der Rohstoffgewinnung anfangen und bei der Weiterverarbeitung nicht enden.

Ein Handy besteht zum großen Teil aus Kunststoffen. In den elektronischen Komponenten kommen jedoch diverse Metalle zum Einsatz. Neben Kupfer und Eisen stecken auch geringe Anteile an Kobalt, Gold, Silber und Platin im Handy, ebenso wie Tantal. Die Metalle im Handy werden zum Großteil in Entwicklungs- und Schwellenländern gefördert, wie aus einer Studie des kirchennahen Südwind-Instituts hervorgeht. Der Abbau findet unter einfachsten Bedingungen statt und zieht mitunter große Umweltschäden nach sich, etwa durch den Einsatz von Chemikalien. Fest steht auch, dass mit Einnahmen aus den Tantalminen im Kongo der dortige Bürgerkrieg mitfinanziert wurde.

Die Rohstoffversorgung ist daher einer der Ansatzpunkte des Fairphone-Projekts. Metalle wie Tantal und Zinn sollen aus dem Kongo bezogen werden. In einem ersten Schritt wollen die Projektleiter sicherstellen, dass die Einnahmen aus dem Abbau nicht in die Kriegsfinanzierung einfließen, wie Tessa Wernink berichtet, Kommunikationsmanagerin bei Fairphone. Deshalb beteiligt sich das Projekt, das sich als „soziales Unternehmen“ versteht, an einer Initiative des niederländischen Außenministeriums zum konfliktfreien Abbau von Zinn und am „Solutions for Hope“-Projekt (Lösungen für Hoffnung), das dasselbe für Tantal gewährleisten soll. „Wir können zugegebenermaßen nicht garantieren, dass es sich um 100 Prozent faire Rohstoffe handelt, weil wir etwa Kinderarbeit in den Minen nicht ausschließen können“, sagt Wernink. Ein zu 100 Prozent faires Produkt aus dem Stand zu erschaffen ist angesichts der Verhältnisse in den Produktionsländern kaum möglich. Das Projekt verfolgt daher einen schrittweisen Ansatz, wie Wernink unterstreicht.

Die Alternative, Rohstoffe wie Tantal etwa aus Australien zu beziehen, hat Fairphone bewusst verworfen und sich für den Kongo entschieden. „Würde man die Gegend komplett meiden, so würde man der Bevölkerung die Lebensgrundlage nehmen“, so die Überlegung von Wernink und ihren Kollegen. Ein vernünftiger Ansatz, findet Friedel Hütz-Adams, Studienautor beim Südwind-Institut: „Wenn sie Metalle aus der Region boykottieren und Hunderttausende Kleinschürfer ihren Job verlieren, besteht das Risiko, dass die sich zumindest zum Teil wieder einer Miliz anschließen.“

Bewegung bei Herstellern

Insgesamt sieht Hütz-Adams bei den großen Herstellern Bewegung in Sachen Rohstoffproduktion. Einerseits durch legislative Maßnahmen wie den Dodd-Frank-Act. Das US-Gesetz verpflichtet börsennotierte Unternehmen und deren Zulieferer, den Bezug der fraglichen Mineralien offenzulegen. Andererseits hat das Fairphone-Projekt Hütz-Adams zufolge eine Debatte in der Branche losgetreten. „Für die großen Hersteller ist das natürlich hochnotpeinlich, wenn eine kleine Klitsche in Holland zeigt, dass es geht.“

Die Probleme fangen bei der Rohstoffgewinnung aber erst an. Berichte über die schlechten Arbeitsbedingungen in den fernöstlichen Produktionsstätten sind immer wieder durch die Medien gegangen. Vor rund drei Jahren geriet der Elektronikkonzern Apple in die Schlagzeilen, nachdem es in den chinesischen Fabriken seines Zulieferers Foxconn eine Selbstmordserie gegeben hatte, die mit den Arbeitsbedingungen in Zusammenhang gebracht wurde. Apple und Foxconn gelobten Besserung und erstellten einen Aktionsplan zusammen mit der US-Organisation „Fair Labor Association“ (FLA), um die schlimmsten Missstände zu beseitigen. Die FLA hatte festgestellt , dass die Arbeiter bei Foxconn mitunter mehr als 60 Stunden in der Woche arbeiteten. Obwohl bei den Löhnen Verbesserungen erreicht wurden, bleiben die Arbeitsbedingungen hart.

Die Verantwortlichen von Fairphone wollen daher auch in der Produktion beispielgebend sein. „Wir haben einen kleinen Hersteller in China gefunden und uns mit Nichtregierungsorganisationen vor Ort und hier zusammengesetzt“, sagt Wernink. In einem ersten Schritt will Fairphone nun Management und Arbeiter an einen Tisch bringen, um über mögliche Verbesserungen zu diskutieren. Ein Sozialfonds soll für Löhne sorgen, die die Lebenshaltungskosten decken, wie Wernink berichtet.

Recycling im Blick

Auch den letzten Abschnitt im Leben eines Handys hat das Fairphone-Projekt im Blick: das Recycling. Fairphone will für sein erstes Modell ein Gehäuse aus recyceltem Plastik verwenden. Die Vision ist ein Handy, das komplett aus wiederverwerteten Materialien besteht. Bis dahin sollen drei Euro für jedes verkaufte Fairphone an die Stiftung „ Closing the Loop “ gehen, die in Entwicklungsländern Projekte zur fachgerechten Entsorgung von Elektroschrott durchführt.

Die Zielmarke von 5000 verkauften Handys hat das Projekt spielend übersprungen. Gut möglich, dass das Öko-Handy im Elektronikmarkt so normal wird wie die Bio-Milch im Kühlregal.


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