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Sadtteilserie Sturzflieger Gustav Tweer begeisterte die Osnabrücker für die Fliegerei

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Osnabrück. Im Stadtteil Kalkhügel gibt es seit 1929 die Gustav-Tweer-Straße. Der Osnabrücker Kunstflieger lieh dem Verbindungsstück zwischen Park- und Sutthauser Straße seinen Namen. Er blieb dann längere Zeit der einzige Flieger auf den Straßenschildern des Kalkhügels.

Wenn es heutzutage über unseren Köpfen brummt und eine „Einmotorige“ ihre Kreise über der Stadt zieht, haben wir keine Ahnung, wer dort oben drinsitzt. Das war vor hundert Jahren anders. „Do flüg wier eener, dat is sicher de Tweer!“, sagten unsere Urgroßväter, und sie hatten fast immer recht.

Am 5. Juli 1893 kam Gustav Tweer als Sohn einer Putzmacherin in der Iburger Straße 29 zur Welt. Er besuchte die Johannisschule und für einige Jahre das Carolinum, bevor er eine kaufmännische Lehre in dem Modegeschäft Finkenstädt und Breusing (heute Holthaus) absolvierte. Das Kaufmännische und gar die Damenmode waren jedoch nicht sein Lebenstraum. Er war von der noch ganz am Anfang stehenden Fliegerei angesteckt worden und hatte wohl jedes Buch zum Thema verschlungen. Als er 18 war, reichte es ihm nicht mehr, kleine Flugmodelle zu basteln. Er besuchte die Fliegerschule in Münster-Loddenheide und lernte die Fliegerei von der Pike auf. Von dort zog es ihn nach Bork bei Magdeburg, wo der Flugpionier Hans Grade seineersten selbst konstruierten Flugapparate ausprobierte. Grade war ein guter Lehrmeister, auch was die Kunst des Fliegens anbetraf. Am 2. April 1912 hatte Tweer den Pilotenschein in der Tasche. Er kehrte in seine Heimat zurück, den zerlegten „Grade-Eindecker“ seines Lehrmeisters und Mentors im Gepäck.

Ein Jahr zuvor war das Manövergelände Netter Heide zu Osnabrücks erstem „Flugfeld“ bestimmt worden. Die Stadtoberen standen aber der Fliegerei und speziell Tweers Flugkünsten, die sie in der Nähe von Zirkusakrobatik sahen, eher skeptisch gegenüber. Tweer war darauf angewiesen, mit „Schauflügen“ auf Flugtagen Geld für den Lebensunterhalt, für die Abzahlung des Fluggeräts und allfällige Reparaturen zu verdienen. Weil die Offiziellen in Osnabrück ihm allerhand bürokratische Schwierigkeiten in den Weg legten, wich Tweer in das Umland aus.

Das Schaufliegen in Melle brachte 10000 Menschen auf die Beine. Am Pfingstsonntag startete er auf der Wiese des Gastwirts Heuer am Lüstringer Bahnhof, am nächsten Tag in Bünde. Weitere Stationen waren Münster, Verden und Lengerich. Tweer mobilisierte jedes Mal Menschenmassen im fünfstelligen Bereich. Das Überwinden der Schwerkraft, das vogelgleiche Abheben in die Lüfte muss auf unsere Vorfahren ähnlich sensationell gewirkt haben wie 60 Jahre danach die ersten Mondlandungen auf spätere Generationen.

Vor hundert Jahren, im Juni 1912, überflog Tweer als erster Osnabrücker mit einem „Fluggerät schwerer als die Luft“ den Teutoburger Wald. Aufgestiegen „zum kühnen Überlandflug“ war er in Lengerich. Bereits eine Viertelstunde später führte er über Osnabrück, wie die Zeitung schrieb, „in Höhe von 600 bis 700 Metern zwei Schleifenfahrten aus, um dann allmählich zu einer geringeren Höhe hinabzusteigen, sodass er in der Lage war, über dem Klushügel den Zuschauern freundlich und deutlich vernehmbar ‚Guten Tag‘ zu sagen. Er hatte wohl die Absicht, auf der Netter Heide zu landen, verlor die Orientierung und vollzog deshalb in der Nähe des Angelaklosters Haste eine glatte Landung in der Wiese.“

Nach diesem spektakulären Ereignis wurde Tweer in der Bevölkerung von einer solchen Welle der Begeisterung getragen, dass auch die Stadt sich „ihrem Flieger“ nicht mehr verschließen konnte. Die Netter Heide wurde sein Heimatflughafen. Mit Plakat-Ankündigungen „Tweer fliegt in...“ veranstaltete er bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs zahlreiche Schauflüge in ganz Deutschland. Tweer hatte Kunstflugfiguren bei seinem französischen Vorbild Adolphe Pégoud einstudiert und wurde fortan als „Deutschlands erster Sturz- und Schleifenflieger“ angekündigt.

Im Krieg meldete sich Tweer zur Fliegertruppe. Nach Einsätzen an der Ostfront holte man ihn zur Hannoverschen Waggonfabrik, die Militärmaschinen baute und erfahrene Piloten zum Einfliegen der Geräte brauchte. Beim Testflug mit einem neuen Typ stürzte Tweer am 1. November 1916 durch Bruch einer Tragfläche über der Vahrenwalder Heide ab. Der erst 23 Jahre alte Pilot war sofort tot. Vier Tage später wurde er auf dem Johannisfriedhof beigesetzt.

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