zuletzt aktualisiert vor

Das Museum im Blockbuster-Zeitalter: Neue-OZ-Redakteur Stefan Lüddemann im Nussbaum-Haus „Von der Schatzkammer zum Flugzeugträger der Großereignisse“

Im Nussbaum-Haus: Stefan Lüddemann. Foto: H. PentermannIm Nussbaum-Haus: Stefan Lüddemann. Foto: H. Pentermann

Osnabrück. Bei diesem Thema regiert die große Zahl: 1,2 Millionen Besucher lockte die Berliner MoMA-Schau 2004. An einem einzigen Tag erreichte die Neue Nationalgalerie den Spitzenwert von fast 12000 Gästen. Der geduldigste Zuschauer blieb zehn Stunden im Haus; in der Schlange vor dem Haus wartete der Ausdauerndste nicht weniger als zwölf Stunden. Ausstellungskataloge erscheinen üblicherweise in 1000er-Auflagen; das MoMA-Buch verkaufte sich 182000-mal. Mit einer imposanten Statistik eröffnete Stefan Lüddemann, Kulturchef unserer Zeitung, seine Ausführungen über das Phänomen Blockbuster-Schau. Der Vortrag im Nussbaum-Haus ist Teil der Reihe „Zeitgenössische Museumsarchitektur“.

Seit der MoMA-Schau prägt das Mega-Format den Ausstellungsbetrieb – nur die Kuratoren selbst scheuen vor dem Wort Blockbuster zurück. Zu stark ist offenbar der Beiklang des Populistischen. Gerade auf diese Ambivalenz hob Lüddemann ab: Einerseits provoziere die Event-Schau regelmäßig Kritik – an der Kanonisierung immer gleicher Kunststars, an der Umdeutung von Werken zu Marken, an der Verflachung von Kultur zur Ware. Zugleich bewirke das Format unbestreitbar positive Effekte – indem es ein breites Interesse für eine vermeintliche Kenner-Materie wecke.

So zwiespältig der Ruf des Blockbusters sei, so komplex wirke sich seine wachsende Bedeutung auf den Kunstbetrieb aus: Lüddemann beschreibt eine Dynamik der permanenten Selbstübertreffung, eine Museumsszene, die als Standortfaktor und Image-Bringer für Stadtmarketing und Tourismus in Dienst genommen wird. Fazit des Vortrags: „Das Museum wird von der Schatzkammer zum Flugzeugträger der Großereignisse.“

Im Schlussexkurs demonstrierte Lüddemann, wie der Blockbuster die Museen sprichwörtlich umkrempelt: An- und Neubauten der großen Häuser in Bremen, Düsseldorf und Essen bilden die neuen Anforderungen dabei in ihrer Architektur greifbar ab: in gewaltigen Anlieferungszonen genauso wie in Shops, Lounges – und in breiten Zugängen, die den wachsenden Besucherstrom kanalisieren können.

Buchtipp: Stefan Lüddemann: „Blockbuster. Besichtigung eines Ausstellungsformats“. Hatje Cantz. 150 Seiten, 14,80 Euro.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN