Sehen und gesehen werden Das Moskaubad in der Wüste im Jahr 1969



Osnabrück. Freibäder mit großer Zuschauertribüne waren früher schwer in Mode. Schwimmer und Kunstspringer zogen zu ihren Wettbewerben auch auf lokaler Ebene große Zuschauermengen in die Bäder, Abendveranstaltungen beeindruckten mit prächtiger Illumination und Fackeln tragenden Kunstschwimmerinnen. Diese Zeit neigt sich im Sommer 1969 bereits dem Ende zu. Die Tribüne ist zur erweiterten Liegewiese geworden, wie unser historisches Bild zeigt.

Gleichwohl stand die Existenz der heute denkmalgeschützten Tribüne nie zur Debatte. Auch als der „Eisen-Beton“ aus den 1920er-Jahren rissig wurde und Einsturzgefahr bestand, hielten die Verantwortlichen in der Stadt an der Tribüne fest und griffen für ihre Sanierung 1989/90 tief in den Stadtsäckel. Damit entsprachen sie sicherlich den Wünschen des Publikums, denn Generationen von Osnabrückern ist das Bad nicht zuletzt wegen seiner Tribüne mit den markanten Ecktürmen ans Herz gewachsen. Von ihren Höhen aus verlor man nie den Überblick, konnte weit sehen – und gesehen werden.

Auf dem aktuellen Bild ist erkennbar, dass Sitzplanken inzwischen nur noch auf den unteren beiden Reihen der Tribüne montiert sind. Weiter oben hat man sie weggelassen, um ungestörte Liegeflächen zu erhalten. Auch sonst hat der letzte große Umbau 1996/97 tief greifende Veränderungen mit sich gebracht. Vielleicht am augenfälligsten: Der Zehn-Meter-Turm, Baujahr 1954, in der typischen Formensprache der Wirtschaftswunderzeit ist verschwunden. An seine Stelle setzte man eine bescheidene Drei-Meter-Sprunganlage. In Erinnerung an den Vorkriegs-Zehn-Meter-Turm in konstruktivistisch-kantiger Bauart hat man einen Kubus aus Betonbalken auf den alten Grundriss gestellt. Der Vorkriegsturm überlebte den Bombenangriff vom 6. Dezember 1944 nicht. Eine Luftmine zerriss ihn, die Trümmer krachten in das Sprungbecken.

Auch das neue Bademeisterhäuschen, mitten in das alte 100-Meter-Becken gesetzt, greift Stilelemente des „Neuen Bauens“ der Weimarer Republik auf, das die Architektur des 1926 eröffneten Moskaubades prägte. Seine Proportionen passen zu dem alten Schwimmmeister-Hochsitz, während das pagodenartige Dach auf die Tribünen-Ecktürme und das Kassenhäuschen verweist.

Übrigens erstaunlich: 1926 reichte eine Bauzeit von drei Monaten aus, vom ersten Spatenstich in dem sumpfigen Schrebergartengelände bis zur Eröffnung. 120 Arbeitslose spuckten in die Hände und hoben in reiner Handarbeit die Becken aus. Sie waren im Rahmen der „produktiven Erwerbslosenfürsorge“ dienstverpflichtet worden. Hacke, Spaten und Schiebkarre waren die einzigen Hilfsmittel. Der Umbau 1996/97 dauerte hingegen mehr als ein Jahr.

Freilich wurde auch dabei viel Erde bewegt. 100-Meter-„Kampfbahnen“ entsprachen nicht mehr der Olympianorm. Eine völlig andere Beckenaufteilung folgte dem vom Rat beschlossenen, neuen Bäderkonzept, dem zufolge Spaß- und Freizeitangebote zulasten des Sportes mehr Raum erhalten sollten. Seither gibt es mehrere kleine Becken, Regengrotte, Riesenrutsche, Wellenball, Whirlpool und Wasserkanone – und für den Ganzjahresbetrieb eine Kleinschwimmhalle. Die sollte die Osnabrücker für das aufgegebene Pottgraben-Hallenbad entschädigen. In alle Becken zusammengerechnet passten früher 6000 Kubikmeter Wasser, heute sind es noch 3000. Entsprechend weniger Wasser muss temperiert werden, wozu überwiegend die Kraft der Sonne herangezogen wird. Die alten Beckenausmaße sind heute an einem grünen Fliesenstreifen in den verbreiterten Beckenumläufen abzulesen.

Die Stadtwerke , seit 1958 Betreiber des Bades, sind mit den aktuellen Besucherzahlen zufrieden: 2012 waren es 251000. Das sind nicht viel weniger als in dem Vor-Umbau-Rekordjahr 1969, als 293000 Besucher kamen, bei damals noch viel geringerem Angebot an Freizeitgestaltungs-Alternativen.

Das „Traditionsfreibad im Herzen der Stadt“, wie Stadtwerke-Sprecher Marco Hörmeyer es nennt, werde weiterhin gut angenommen, das Konzept eines Multifunktionsbades in weitgehend erhaltener historischer Gesamtanlage funktioniere bestens.


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