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Bezaubernde Katastrophen Kein Kaffee, aber viele Zigaretten: In „Oh Boy“ streift Tom Schilling durch Berlin


Osnabrück. Witz, Tragik, Timing: Jan Ole Gersters Langfilmdebüt „Oh Boy“ über einen Berliner Tagträumer überzeugt auf ganzer Linie.

Bitte keine Sojamilch. Und auch kein Stück selbst gebackenen Biokuchen inklusive. Niko (Tom Schilling) will einfach nur einen normalen Kaffee trinken. Doch an einem Tag, an dem nichts so läuft wie bisher, gibt es eben nur Zigaretten und Alkohol im Leben des Mittzwanzigers, der sich durch Berlin treiben lässt. Davon aber reichlich.

Denn eine Katastrophe folgt der anderen: Die Freundin macht Schluss, der psychopathische Psychologe bei der MPU verweigert ihm den Führerschein, und der Vater stoppt die monatliche Zahlung von 1000 Euro, da Niko das Jurastudium schon vor zwei Jahren ohne sein Wissen abgebrochen hat.

Auch der Ausflug mit dem besten Freund Matze (Marc Hosemann), einem verkrachten Schauspieler, endet in absurden Begegnungen: Erst landen sie auf dem Set eines fürchterlich sentimentalen Nazi-Dramas und später bei der Aufführung einer vom Gekreische der Darsteller untermalten Theaterperformance, in deren Anschluss sich gleich eine hitzige Diskussion mit dem sich arg wichtig nehmenden Regisseur anbahnt. Als dann das Wiedersehen mit der früher ob ihrer Dicke gemobbten Klassenkameradin „Julika Schwulika“ (wunderbar hysterisch: Friederike Kempter) nach vielversprechendem Anfang zum Fiasko gerät, verwandelt sich Niko endgültig zu einem einsamen Nachtschwärmer am Tresen. Nur dass er dort natürlich auch nicht allein bleibt.

Alles in allem also kein guter Tag für den jungen Mann. Allerdings ergeben all diese Episoden einen umso besseren Film für die Zuschauer. Und wenn man erst noch denkt, dass die nächste kleine Geschichte bestimmt nicht noch besser werden kann, wird sie es dann doch. Denn „Oh Boy“ ist so traurig wie lustig und so anrührend wie brachial.

Das liegt einerseits an Tom Schilling, der den zurückhaltenden Großstadt-Drifter mit einer Präsenz darstellt, dass ihn die großartigen Gaststars – unter anderen Ulrich Noethen als Karrieremann und verbitterter Vater des eigenen unehrgeizigen Sohnes – nicht an die Wand spielen.

Andererseits liegt es aber auch an den Episoden selbst. Schon für sich genommen würden die meisten von ihnen als gelungene Kurzfilme taugen. Doch aneinandergereiht sind sie noch hübscher anzuschauen. So entwickelt das Langfilmdebüt von Jan Ole Gerster, der neben Regie auch das Drehbuch schrieb, einen regelrechten Sog und ist trotz all der irgendwo schon einmal gesehenen Impressionen von Berlin weder abgeschmackt noch albern.

Dank des Schwarz-Weiß und der leichten Jazzmusik wirkt sein Film stattdessen, als ob die Macher des Berlin-Kultfilms „Menschen am Sonntag“ aus den 30er-Jahren Jim Jarmuschs „Coffee and Cigarettes“ und Woody Allens „Stadtneurotiker“ zusammengerührt hätten und dabei etwas ganz Eigenes entstanden ist. Etwas, das viel zu schnell zu Ende geht.

„Oh Boy.“ D 2012. R: Jan Ole Gerster. Mit Tom Schilling, Marc Hosemann, Friederike Kempter, Ulrich Noethen, Justus von Dohnányi, Michael Gwisdek, Katharina Schüttler. Ab 12 Jahren. 88 Minuten. Filmtheater Hasetor.


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