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Autonomer Rapper verärgert Osnabrücker Verwaltung gesteht Fehler ein und nimmt Bescheid zurück

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Osnabrück. Ein Rapper, der in Osnabrück auftreten will, erhält im Vorfeld Post von der Stadt: Ein bestimmtes Lied wird ihm untersagt. Für den Untersagungsbescheid soll er 150 Euro Verwaltungsgebühren berappen. Bezahlen muss er nun aber nicht mehr. „Die Verwaltung ist wohl übers Ziel hinausgeschossen“, sagt Stadtsprecher Sven Jürgensen zum Rückzieher.

Streitgegenstand ist das Lied „Flora bleibt“, das Rapper Johnny Mauser mit „Captain Gips“ 2010 geschrieben hatte. Darin geht es um den Erhalt des Autonomen Zentrum „Rote Flora“ in Hamburg, das seit 1989 besetzt wird. „Wenn sich nachts hundert Leute mit Motorradhelm und Knüppeln vor die Flora stell’n, heißt es endlich: Flashback, Ausnahmezustand. Scheiß-Gefühl in den Autos und Dienstwagen. Von den Seiten werden Fenster zu Schießscharten“, heißt es in dem Song unter anderem. Die Jugendschützer sehen in verschiedenen Teilen einen Aufruf zur Gewalt.

Kurz nach der Veröffentlichung des Titels auf dem Album „Neonschwarz“ wurde er von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert. Seither darf er nicht mehr öffentlich beworben und verkauft werden und nicht in Anwesenheit Minderjähriger gespielt werden.

„Das weiß ich doch. Und ich weiß auch, dass ich in Osnabrück in einem Jugendzentrum auftrete“, sagte Johnny Mauser auf Anfrage der NOZ. Er habe das Lied am Samstag im „Substanz“ gar nicht spielen wollen. Generell wolle er auf „Flora bleibt“ bei seinen Auftritten aber nicht verzichten: „Ich muss mir darüber noch mal Gedanken machen.“

Den vorbeugenden Unterlassungsbescheid der Stadt nennt der 28-jährige Student der Erziehungswissenschaften auf seiner Facebook-Seite einen schlechten Scherz: „Macht Ihr das jetzt vor jedem unserer Auftritte, bin ich arm!!“ Denn neben der Androhung eines Zwangsgeldes von 1000 Euro bei Zuwiderhandlung wurde Mauser aufgefordert, 150 Euro Verwaltungsgebühren plus 2,63 Euro Zustellkosten zu überweisen.

So etwas habe er bisher nicht erlebt, meint der Sänger, der in der Indizierung des Liedes politische Gründe sieht. Während „Flora bleibt“ als jugendgefährdend eingestuft wird, „touren irgendwelche nationalistischen Grauzone-Bands durch ausverkaufte Konzerthallen, rufen Dancehall-Artists zu Mord an Homosexuellen auf, oder Rapper feiern übelst Gewalt gegen Menschen ab“, schreibt Mauser auf Facebook.

Die Stadt sei nicht von alleine tätig geworden, sondern von außen auf den Auftritt Johnny Mausers beim „Fight Fascism Antifa-Soli-Konzert“ aufmerksam gemacht worden, erläuterte Jürgensen im Gespräch mit unserer Zeitung. Dabei hätten die Mitarbeiter im Fachdienst Ordnung und Gewerbe „im Alltagsgeschäft wohl nicht richtig hingeguckt“ und seien über das Ziel hinausgeschossen. Aber „wir sind eine moderne und flexible Verwaltung“, die ihren Fehler sofort korrigiert habe.

Im Zuge der Gefahrenabwehr sei es aber durchaus üblich, Gebühren nach dem Niedersächsischen Verwaltungskostengesetz zu erheben. Jürgensen nannte als Beispiel den Besitzer eines Kampfhundes, den die Stadt anschreibt, um ihn darauf hinzuweisen, dass er seinem Hund einen Maulkorb anlegen muss.

Die Gebühren sind nach Angaben des Pressesprechers abhängig vom Aufwand und würden mit 50 Euro pro Stunde berechnet. Drei Stunden habe es wohl gedauert, den Anschuldigungen gegen den Rapper und das indizierte Lied nachzugehen.


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