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„Im Angesicht des Bösen“ Spannender als jeder Krimi: Profiler Axel Petermann liest im Medienhaus Neue OZ aus seinem Buch

Das „Tatortzimmer“ ist der Arbeitsplatz von Axel Petermann, Profiler der Bremer Polizei. Der Raum wird von den Fallanalytikern für Besprechungen und zur Rekonstruktion des Tathergangs genutzt. Foto: Daniel PilarDas „Tatortzimmer“ ist der Arbeitsplatz von Axel Petermann, Profiler der Bremer Polizei. Der Raum wird von den Fallanalytikern für Besprechungen und zur Rekonstruktion des Tathergangs genutzt. Foto: Daniel Pilar

Osnabrück. Kein Krimi ist spannender als die Wirklichkeit. Das weiß niemand besser als Axel Petermann, der am Donnerstag (24. Mai, 18.30 Uhr) zu einer Lesung aus seinem Buch „Im Angesicht des Bösen“ und einer Diskussion mit dem Publikum ins Medienhaus Neue OZ kommt.

Lange Jahre war Petermann Leiter der Mordkommission bei der Bremer Kripo, heute arbeitet er als Profiler, erstellt nach den schaurigsten Verbrechen Täterprofile und trägt dazu bei, Mörder und Totschläger hinter Schloss und Riegel zu bringen. Zwei Bücher hat Petermann darüber geschrieben – so spannend und fesselnd, dass der Hessische Rundfunk vier Episoden daraus als „Tatort“-Folgen mit Nina Kunzendorf und Joachim Król verfilmt. Am 22. April zeigte die ARD bereits „Es ist böse“ – einen der besten, aber auch härtesten Krimis dieses Jahres. „Faszinierende Einblicke in den Alltag eines Profis. Absolut lesenswert!“, schwärmten die beiden Hauptdarsteller über Petermanns neues Buch. Dem sei nichts hinzuzufügen, konstatierte der „Stern“.

Noch nie, so erzählt der Profiler im Gespräch mit unserer Zeitung, sei es ihm bei seinen eigenen Fällen passiert, dass er gedacht habe: Das verkrafte ich jetzt nicht. Aber: „Das Interview mit dem Kindermörder Jürgen Bartsch, in dem er ganz genau beschrieben hat, wie er die Kinder tötete und quälte – das konnte ich nicht lesen. Da habe ich dichtgemacht. Mir wurde zu deutlich, was die Opfer empfunden haben müssen, als sie merkten, dass sie sterben müssen.“

Auf der Suche nach der Wahrheit kennt der 59-Jährige keine Tabus oder Berührungsängste: Auch Mörder seien „Menschen wie du und ich“, sagt Petermann. „Es wird kritisch bei gefühlskalten Tätern, die alles genau geplant haben. Und trotzdem versuche ich immer noch, sie zu nehmen, wie sie sind. Ich will ja herausfinden, was wirklich passiert ist. Wenn ich jemandem in einer Vernehmung nur Vorwürfe mache und suggeriere, wie böse und schlecht er ist, werde ich nichts von ihm erfahren.“

Mitgefühl für einige Täter

Auch ein gewisses Mitgefühl ist ihm nicht fremd: „Es kommt immer auf das Tatgeschehen an. Die Mutter, die ihren autistischen Sohn tötete, weil sie sich selbst schwer krank wähnte und nicht mehr in der Lage sah, ihn zu versorgen, die nicht wollte, dass er ins Heim kommt – für eine solche Frau empfinde ich durchaus Mitleid. Sie hat ihren Sohn damals aufgebahrt, seine Verletzungen versorgt und das Tatgeschehen damit symbolisch zurückgenommen. Auch bei einer Marianne Bachmeier, die den Mörder ihrer Tochter im Gerichtssaal erschießt, kann ich denken: Ist das nicht irgendwie menschlich? Aber für jeden, der frei verantwortlich handelnd andere tötet und sich daran vielleicht noch ergötzt, habe ich kein Verständnis.“

Eine Geschichte hänge ihm bis heute nach, berichtet Profiler Petermann. Sie handelt von einem russischen Vater und seinem toten Kind: „Es war ein Sonntagmorgen, Vater macht Frühschoppen, die Mutter ist in der Küche, die Kinder nerven und werden nach oben ins Kinderzimmer geschickt. Unter der Dachschräge steht ein Sofa, die beiden spielen Verstecken. Das kleinere Kind, gerade drei Jahre alt, will sich unter dem Sofa verstecken, bleibt mit dem Hals zwischen Lehne und Wand stecken und erhängt sich. Als wir kommen, schneidet die Mutter völlig apathisch und in einer Tour nur Gemüse, weil sie sich ablenken muss, und der Vater, der schon völlig betrunken ist, trinkt immer mehr und weigert sich das Kind zur rechtsmedizinischen Untersuchung herauszugeben.“

Er habe zunächst nicht gewusst, wie er die Situation habe lösen sollen, habe mit dem Mann geraucht und Wodka getrunken, „bis ich auch irgendwann blau war. Und dann hatte ich die Idee, dass der Vater sein Kind zum Leichenwagen trägt. Das hat er dann tatsächlich getan, hinter ihm diese ganze russische Gemeinde der Spätaussiedler. Und ich habe nur gedacht: Das möchte ich kein zweites Mal erleben.“

Es sind keine Kriminalromane, die Axel Petermann schreibt. „Die Sprache ist analytisch, fast wissenschaftlich, korrekt“, analysierte „Die Zeit“. Und befand: „Es ist nicht der Schreibstil, der diese Art Bücher so faszinierend macht. Es ist die Tatsache, dass sie echt sind. Petermann will verstehen, warum jemand mordet. Er will verstehen, warum Menschen Böses tun. Und wer will das nicht?“ In der Lesung geht es um das Geheimnis eines abgeschnittenen Ohrs und um das Rätsel einer Gasmaske. So spannend kann kaum ein Krimi sein.

Axel Petermann aus „Im Angesicht des Bösen“, Medienhaus Neue OZ, Donnerstag, 24. Mai, 18.30 Uhr (Einlass 18.00). Eintritt kostenlos, Anmeldung von montags bis donnerstags unter Telefon 0541/310288.


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