zuletzt aktualisiert vor

Warum Thomas Gottschalk nicht im Bundestag reden darf

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

gottschalkgottschalk

Showmaster Thomas Gottschalk wollte einmal wegen einer verlorenen Fernsehwette im Parlament eine Rede halten. Doch der „Wetten dass..?“-Moderator durfte nicht ans Rednerpult. Warum nicht, erklärt der Historiker Michael F. Feldkamp in seinem Taschenbuch „Der Deutsche Bundestag – 100 Fragen und Antworten“.

Wird im Bundestag anders gelacht? Darf dort Unsinn geredet werden? Seit wann gibt es weibliche Saaldiener? Auch dazu liefert Feldkamp ebenso knappe wie erschöpfende Antworten. Der aus Osnabrück stammende Wissenschaftler arbeitet in der Verwaltung des Bundestages und versorgt Studenten, Journalisten, Abgeordnete und deren Mitarbeiter mit Auskünften.

Zugleich dokumentiert er die Parlamentsgeschichte und erstellt statistische Handbücher über den Bundestag. Bei dieser Arbeit machte der Historiker die Erfahrung, dass seine Werke immer dicker wurden. Statt eines Datenfriedhofs mit nüchtern-trockenen Zahlen wollte Feldkamp die Angaben auf höchstens 200 Seiten „eindampfen“ und verbinden mit witzigen Fragestellungen. „Das war meine Grundidee.“

So entstand ein Werk, das so etwas wie die vom Internet bekannten FAQ (frequently asked questions – häufig gestellte Fragen) beantwortet. Es klärt etwa auf über die Zahl aller Abgeordneten seit 1949, über den Frauenanteil die Höhe der Diäten und darüber, warum manchmal so wenig Abgeordnete im Parlament sitzen und dies trotzdem ganz in Ordnung ist (weil sie anderen Verpflichtungen wie Sitzungen nachkommen).

„Bleifreier Hanswurst“ Thomas Gottschalk durfte übrigens nicht im Bundestag sprechen, weil das Parlament nur wenigen Personenkreisen ein Rederecht zugesteht: Abgeordneten sowie Mitgliedern des Bundesrates und der Bundesregierung. Ein Privileg, das auf besondere Einladung auch ausländischen Gästen zukommt – das waren zum Beispiel Südafrikas Präsident Nelson Mandela, US-Präsident George Bush oder UNO-Generalsekretär Kofi Annan. Gottschalk hingegen sollte keine Gelegenheit erhalten, nur einen Gag auf Kosten des Bundestages zu machen – das hätte der Würde des Hohen Hauses widersprochen.

Für seine Recherchen über die ganz eigenen Regeln des Bundestages kontaktierte Feldkamp die Stenografen und sammelte dreieinhalb Jahre lang Fakten, Daten, Zahlen: Wie viel Gesetze, Petitionen und Abgeordnete gab es bisher, welche Aufgabe hat der Wehrbeauftragte, was macht der Bundestagspräsident?

Joschka Fischer als Auslöser für das Buch

Ein Auslöser für das Buch war für den Historiker die Nachfrage nach einem bekannten Zitat von Joschka Fischer: „Herr Präsident, Sie sind ein A...loch, mit Verlaub“ vom 18. Oktober 1984. Im Parlamentsprotokoll sucht man den Ausspruch des Grünen-Politikers vergeblich. Er steht nicht drin, weil der von Fischer angesprochene Bundestagspräsident Richard Stücklen (CSU) die Sitzung unmittelbar zuvor unterbrochen hatte.

Für das Frage-und-Antwort-Buch über das deutsche Parlament konnte Feldkamp auf veröffentlichte Materialien über den Bundestag zurückgreifen. Doch geschrieben hat er das Werk in seiner Freizeit, als Privatmann – was ihm mehr Freiheiten eröffnete. So hätte in einer offiziellen Veröffentlichung des Deutschen Bundestages wohl niemand die „Freundlichkeiten“ aufgelistet, die sich Abgeordnete in Wortgefechten an den Kopf geworfen haben. Eine kleine Auswahl (Namen sind im Buch bewusst weggelassen): „Beamtenkiller“, „bleifreier Hanswurst“, „Hasch-Ministerin“, „bundesdeutsche Atomkanone Franz Josef Strauß“, „Weihnachtsgans“, „alternder Lümmel“, „Kasper vom Dienst“ und „wild gewordener Gartenzwerg“. Dafür gab es Ordnungsrufe vom Bundestagspräsidenten oder seinen Vertretern.

Hitliste der Zwischenrufe

Die Hitliste der Abgeordneten, die sich am meisten Ordnungsrufe, Rügen und Zurückweisungen unparlamentarischer Äußerungen einhandelten, führt der KPD-Abgeordnete Heinz Renner an, gefolgt von Herbert Wehner und Otmar Schreiner (beide SPD). Frauen hielten sich bei den Verbalinjurien stärker zurück. Doch Bundestagsabgeordnete beschimpfen sich nicht nur und tauschen Argumente aus – oft genug lachen sie auch. Die Stenografen protokollieren das auf drei Arten: Als einfaches „Lachen“, beim Mitlachen als „Heiterkeit“ – und als Drittes mit der Notiz „Heiterkeit und Beifall“. Recht auf Unsinn Beim Beifall kennt das amtliche Protokoll Steigerungsmöglichkeiten, je nach Dauer und Stärke der Zustimmung: vom einfachen „Beifall“ über „anhaltenden Beifall“ und „lang anhaltenden Beifall“ bis zum „lang anhaltenden lebhaften Beifall“.

Und darf nun ein Abgeordneter im Parlament Unsinn reden? Ja, er darf. Der Unionsabgeordnete Hans Dichgans (1907–1980) machte sich dafür sogar ausdrücklich stark: „Ich möchte hier leidenschaftlich für das Recht des Abgeordneten eintreten, Unsinn zu reden“, sagte er 1967 in einer Rede. „Es ist eines der Grundrechte des Parlaments.“

Michael F. Feldkamp: „Der Deutsche Bundestag – 100 Fragen und Antworten“, 208 S., 19,90 Euro.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN