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Mai 1911: Das Hotel Schaumburg im alten Bahnhofsviertel ging in Konkurs Aus für Osnabrücks erste Adresse

Von Christiana Keller

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Standortnachteil: Das Hotel Schaumburg (rechts) an der Schillerstraße musste im Mai 1911 Konkurs anmelden.Standortnachteil: Das Hotel Schaumburg (rechts) an der Schillerstraße musste im Mai 1911 Konkurs anmelden.

Osnabrück. Eine Zeit lang galt es in Osnabrück als erste Adresse. Doch im Mai 1911 musste das renommierte Hotel Schaumburg Konkurs anmelden. Sein Standort an der Schillerstraße im alten Bahnhofsviertel war zum Nachteil geworden, nachdem der Hauptbahnhof 1895 eröffnet hatte.

Die Direktorin äußerte sich im Osnabrücker Tageblatt zu der Insolvenz und begründete den Umsatzverlust auch mit der Einführung der Nachtzüge und der Erweiterung der Speisewagen. Immer weniger Gäste blieben über Nacht in der Stadt und speisten während der Fahrten direkt im Coupé.

Auch der Weinkonsum der Gäste im Schaumburg entsprach nicht den garantierten Erwartungen, die bei Übernahme des Hauses gegeben worden waren. Die von städtischer Seite üppig erhöhte Gebäudesteuer und die hohen Anliegergebühren beim Kanal- und Straßenbau hatten offenbar weitere Löcher in die Kasse gerissen.

Ein Dauerthema war schon vor 100 Jahren die Einhaltung der Sonntagsruhe. Händler aller Sparten wollten sonntags öffnen, denn die Kirchgänger aus dem Umland nutzten die Gelegenheit vor oder nach den Gottesdiensten, um Besorgungen zu machen. Nun war es aber das Bekleidungsgewerbe, das die Zuschneider zur Anwesenheit zwingen wollte. Der Minister für Handel und Gewerbe hatte das bereits 1910 verboten. Durch mehrere Instanzen hatten sich die Arbeitgeber geklagt und erwirkten im Mai, dass Zuschneider in Betrieben, die Maßanfertigungen herstellten, um die Mittagszeit anwesend sein durften, allerdings nur zum Maßnehmen. Um 14 Uhr musste das Geschäft wieder geschlossen sein, damit die Sonntagsruhe gewahrt blieb.

Nach höheren Löhnen riefen die Walzwerkarbeiter im Mai 1911. Ein Vorarbeiter bekam 30 Pfennig Stundenlohn. Noch gab es keine Sonn- und Feiertagszuschüsse für die Ofenarbeiter. Die Wortführer wiesen darauf hin, dass es den Stahlarbeitern im Osnabrücker Land nicht gelungen sei, die Löhne den Teuerungsraten der Lebensmittel anzugleichen. Sie waren auf Überstunden angewiesen, um einen Ausgleich zu erzielen.

Für höhere Löhne kämpften auch die Tischler. Im Mai schlossen Arbeitgeber und Tischler einen Vergleich. Zwischen 1911 und 1915 sollte sich der Lohn um 6 Pfennig pro Stunde erhöhen, 2 Pfennig rückwirkend ab Februar 1911, im Oktober sollte noch ein Pfennig folgen und eine Stunde Arbeitszeitverkürzung in Kraft treten. 1912 würde der Lohn abermals um 2 Pfennig erhöht, ebenso 1914. 1913 winkte keine Lohnerhöhung. Erst 1915 sollten ein weiterer Pfennig und eine weitere Arbeitszeitverkürzung folgen. Die Arbeitgeber wünschten ein rasches Ende des Streiks, denn die Auftragsbücher waren voll.

Die Rehmstraße und die Parkstraße wurden vor 100 Jahren zur weiteren Bebauung aufgeschüttet. Ein Leser schrieb dem Osnabrücker Tageblatt, das Terrain werde mit „übel riechendem Unrat“ erhöht. Anwohner mussten Türen und Fenster geschlossen halten. Der Leser mutmaßte, dass der Stadtarzt, wenn er denn hinzukäme, den Zustand als „unhaltbar“ bezeichnen würde.

Ärzte und Krankenschwestern berichteten von Kinderimpfungen im Hümmling, bei denen die Impfstellen am Arm zuerst mit Alkohol von Dreck und Schmutzkrusten befreit werden mussten. Eine Reinigung finde bei vielen Menschen dort meist nur zweimal im Leben statt, hieß es, unmittelbar nach der Geburt und bei Männern am Tage vor der Rekrutenaushebung. Das wenige Geld, das vorhanden sei, werde in Alkohol statt in Hygiene investiert.

In der Tat war der Alkoholkonsum ein ernst zu nehmendes Übel. Statistisch verzehrten die Bauern im Regierungsbezirk Osnabrück im Jahr 40 bis 50 Liter Branntwein pro Kopf.


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