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Die Stadt feiert 500 Jahre Rathaus Osnabrück: Symbol einer selbstbewussten Bürgerstadt

Von Frank Henrichvark



Osnabrück. Wenn Symmetrie, wie es in einem spöttischen Verdikt heißt, „die Kunst der Einfallslosen“ ist, dann lässt sich am Osnabrücker Rathaus zumindest auf den zweiten Blick erkennen, welch großen Zugewinn schon ein kleiner Einfall und eine kleine Abweichung von der symmetrischen Vorgabe bringen.

Denn Treppe und Eingangsportal, der schirmende Kaiser Karl über der Tür und das mittlere Türmchen markieren gar nicht die wahre Mitte der Front, sondern sind etwas nach rechts gerückt, während der große Kamin vielleicht um einen Meter weiter links von der Mitte aus dem Dachfirst ragt. Deshalb haben die Fenster und Dachgauben auf der linken Seite einen größeren Abstand zueinander, wie sich auch der ganze Marktplatz nach links zur Krahnstraße und Heger Straße hin öffnet. Die ganze wuchtige Ansicht mit ihrer klaren Gliederung – drei Fensterachsen links, drei Fensterachsen rechts, die verspielten Ecktürmchen und das gewaltige schwarze Schieferdach, genauso hoch wie die lebhafte Sandstein-Fassade darunter – bekommt damit rhythmischen Schwung.

Von 1487 bis 1512, volle 25 Jahre lang, wurde an diesem Haus gebaut. Wir wissen nicht, wer der Baumeister war. Aber eins ist seinem „neuen Rathaus auf der alten Stadt“ anzusehen: Er spielt bereits virtuos mit der Architektur. Nichts mehr von der Erdenschwere des Mittelalters. Stattdessen die kleine Asymmetrie, der Kunstgriff der Renaissance. Mag es auf den ersten Blick auch an den befestigten Landsitz eines westfälischen Adligen erinnern, mit einem gut zu verteidigenden Eingang, der nur über eine Außentreppe zu erreichen ist, und mit seinen Wehrtürmchen ringsum. In Wahrheit ist es das selbstbewusste Symbol einer Stadt an der Schwelle einer neuen Zeit. Der dreieckige Marktplatz mit der Bürgerkirche St. Marien auf der einen Seite, den Giebelhäusern der Kaufleute gegenüber ist ein steingewordenes Programm. An seiner Stirnseite steht dieses Rathaus, auf das jeder Blick unweigerlich zuläuft: Hier ist die Mitte dieser selbstbewussten Bürgerstadt Osnabrück.

Ein sicheres Datum ist nicht überliefert. Aber so viel ist den Stadtrechnungen abzulesen: Im Jahr 1512 jedenfalls war das neue Rathaus der Altstadt fertiggestellt. Es wurden noch die letzten zwei Fenster eingesetzt und die Decken vertäfelt, nachdem im Vorjahr 1511 immerhin noch 14 „Glasevenstere“ beschafft waren und Meister Heyne und seine Knechte „de veer Torneken boven den Raithuse“, die kleinen Ecktürmchen, mit Blei gedeckt hatten. Das große Werk war vor jetzt 500 Jahren vollendet, wenn auch der Innenausbau mit dem Gestühl und der Einrichtung sich noch Jahre hinziehen sollte.

Der Bau dieses „neuen Rathauses auf der alten Stadt“, sein Vorgängerbau stand auf der anderen Seite an der Ecke von Markt und Krahnstraße an der Stelle der heutigen Stadtbibliothek, dauerte lange, und er war mühevoll. Schon 1477, zehn Jahre vor dem eigentlichen Baubeginn, wurde mit den Vorbereitungen begonnen: Musste doch das „domus magna“ auf dem vorgesehenen Bauplatz abgerissen werden, ja eine ganze Gasse auf dem jetzigen Marktplatz verschwinden und der Marien-Kirchhof nach Norden hinter die Kirche verlegt werden. 1487 heißt es dann in der Stadtrechnung, „den Arbeitern, Zimmerleuten und Maurern, die dieses Jahr an den Fundamenten zum neuen Rathaus gearbeitet, sowie den Fuhrleuten, die die Erde wegfuhren“, seien bezahlt worden 142 Mark und zwei Schilling. Wobei erwähnt wird, in dieser doch stattlichen Summe seien auch Ausgaben für „Kost und Bier“ enthalten gewesen. Die Mark, gerechnet zu 12 Schilling oder 144 Pfennig, war eine reine Recheneinheit. Und der Tagelohn betrug acht Pfennig, für einen Meister vielleicht 12 oder 14 Pfennig, sodass allein diese Ausgabe zehn ganzjährig beschäftigten Handwerkern entspricht.

Die Historikerin Ilse Eberhardt hat die Osnabrücker Stadtrechnungen dieser Jahre ausgewertet. Sie ermittelt als belegte Ausgaben für den Rathausbau 5044 Mark und schätzt die Gesamtkosten, weil ein Teil der Stadtrechnungen nicht erhalten ist, auf ungefähr 6000 Mark. Die Löhne betrugen etwa zwei Drittel der Baukosten, beim Material entfielen 456 Mark (32,7 Prozent) auf Steine und Kalk, 396 Mark (28,4 Prozent) auf Bauholz und 536 Mark (38,4 Prozent) auf Eisen und Nägel, Kupfer und Blei. Immerhin 256 Mark waren Hand- und Zehrgelder, aber auch Ausgaben für den Ankauf von Häusern auf dem Marktplatz, die für diese erste „Stadtsanierung“ in der Osnabrücker Geschichte abgebrochen wurden. Die Materialkosten sind niedrig, auch weil die Stadt eigene Steinbrüche am Hüggel und in Melle hatte. Nur der Schiefer zum Dach musste für teures Geld gekauft und angefahren werden.

Wer die Tagewerke von damals in Handwerkerlöhne von heute umrechnet, kommt übrigens auf die atemberaubende Summe von 23 Millionen Euro, aufgebracht für dieses „Jahrhundertbauwerk“ der Osnabrücker Stadtgeschichte in über 25 Jahren. Die größten Aufwendungen fielen ins Jahr 1505, als das Dach gerichtet und gedeckt wurde: 1445 Mark oder volle 38 Prozent ihres Jahresetats gab die Stadt in diesem Jahr für das Rathaus-Projekt aus. Für „Karolus Swerde“, das Schwert zu dem Standbild Karls des Großen über dem Eingang, waren im selben Jahr gerade mal zehn Schilling bezahlt worden.

Finanziert wurde all das je nach Kassenlage aus dem laufenden Etat. Im Jahr 1487 wurde eine „Gütliche Kontribution“ erhoben, und auch 1503 ordnete der Rat eine Sondersteuer, eine Schatzung für den Rathausbau, an: Das Ergebnis waren 179 Mark, vier Schilling und siebeneinhalb Pfennig. Das war weniger als erwartet, weil einige Arme nur die Hälfte der angesetzten Summe zahlen konnten.

Auch Spenden und Vermächtnisse flossen immer mal wieder in das städtische Prestigeprojekt. Andererseits scheinen die doch erheblichen Ausgaben nicht sonderlich gedrückt zu haben. Denn als der Stadt 1486 sogar ein Schatz in den Schoß fiel, beim Abbruch des alten Rathauses kam eine Geldkiste mit 32 Mark darin ans Tageslicht, da wurde dieses Geld zwei Jahre später für die Anfertigung einer großen vergoldeten Silberkanne ausgegeben, die ihrerseits 116 Mark kostete.

Wer war die treibende Kraft hinter diesem Projekt? Wer gab der Stadt Osnabrück ein neues Zentrum, so selbstbewusst der Domimmunität entgegengesetzt? Wir wissen es nicht. Vielleicht war es Ertwin Ertman, der Sohn eines Bierbrauers, 1430 in der Neustadt geboren. Aus kleinen Verhältnissen kam er zu Macht und Einfluss, war studiert und rechtskundig, wurde Bischöflicher Rat, vertrat seine Heimatstadt bei der Hanse in Köln, Bremen und Lübeck. Ertwin Ertman saß unglaubliche 52 Jahre lang im Rat und war ebenso unglaubliche 23 Jahre lang Bürgermeister der Altstadt, unangefochten trotz sozialer Unruhen auch im so beschaulichen Osnabrück. Erst 1505, im Jahr seines Todes, legt er alle Ämter nieder. Und im selben Jahr nimmt die Stadt alle Kraft zusammen und feiert zumindest das Richtfest für dieses Rathaus: „Im Jahr 1505 wurde der mühselige Bau dieses neuen Rathauses endlich abgeschlossen“, heißt es auf einer Tafel über dem Eingang zum Friedenssaal. Man glaubt das Stöhnen noch zu hören.

25 Jahre hatte der Bau des „neuen Rathauses auf der alten Stadt“ vor jetzt 500 Jahren gedauert. 1945 war daraus, Folge nur einer Bombennacht, eine Ruine geworden. Aber schon 1947, als die Not der Nachkriegszeit noch lange nicht beseitigt war, begann die Stadt mit dem Wiederaufbau jenes Hauses, das unterdessen zum Symbol des Friedenswillens geworden war.

Wie ernst die Wirtschaftslage war und wie angespannt der städtische Haushalt, zeigen zwei Beobachtungen: Für die neue Heizungsanlage gab es zwar Leitungsrohre, aber die Heizkörper und wesentliche Teile der Heizungsanlage mussten die Monteure aus anderen zerstörten städtischen Gebäuden bergen. Und die Arbeiter und die Baufirmen, die auf dem Marktplatz ihre Baubuden errichten und die Decken und den neuen Dachstuhl aus Stahlbeton gossen, waren Heimatvertriebene aus dem Osten. Die einheimischen Firmen arbeiteten zu dieser Zeit nur mit Beziehungen und gegen Naturalien – eine Schattenwirtschaft vor der Währungsreform, zu der weder die Stadt als Bauherr noch die Flüchtlinge einen Zugang hatten. Gleichwohl: Zum Friedensjubiläum am 24. Oktober 1948 war das Rathaus des Westfälischen Friedens wieder hergerichtet. Auch das gehört zur Geschichte dieses Hauses.


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