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„Spieltriebe“-Festival beginnt heute – Drei Tage lang 14 Produktionen in Osnabrück zu sehen „Theater muss Realität überwinden“

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Osnabrück. Drei Tage Theater und ein Thema: Der Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 dominiert in diesem Jahr das Festival „Spieltriebe“, das heute startet. Im Interview mit unserer Zeitung schildern die beiden Festival-Chefs Hilko Eilts und Ralf Waldschmidt ihren Ansatz.

Herr Waldschmidt, Herr Eilts, was verbirgt sich hinter dem Spieltriebe-Titel „Entsichert“?

Waldschmidt: Unser großes Thema heißt „Krieg und Frieden“, und zwar aus einem konkreten Anlass: zehn Jahre 9/11. Jugendunruhen in England, die Finanz- und Wirtschaftskrise, was in Libyen und Syrien vor sich geht – mittelbar und unmittelbar hat das alles mit den Anschlägen zu tun, weil sie ein scheinbar stabiles Polit- und Wertesystem ausgehebelt haben. „Entsichert“ beschreibt diesen Zustand im politischen und gesellschaftlichen Sinn. Gleichzeitig bedeutet „Entsichert“ Handlungsbereitschaft – eine Waffe ist erst funktionsfähig, wenn sie entsichert ist. „Entsichert“ steckt aber auch in jedem der Texte und Theaterprojekte. Und schließlich hat „Entsichert“ auch damit zu tun, dass hier 70 neue Leute im Kreis von 300 arbeiten, man also erst mal neues Terrain finden muss – wozu ein Festival wunderbar geeignet ist.

Eilts: Die soziale Entsicherung geht einher mit einer Entsicherung im durchaus militanten Sinne. In England etwa haben sich die Konflikte innerhalb einer Gesellschaft enorm dramatisiert, was auch in Gewalttätigkeit seinen Ausdruck finden kann. Diesen Zusammenhang von beiden Seiten zu beleuchten ist ein ganz besonderes Anliegen dieses Festivals. Der 11. September markiert einen tiefen Einschnitt: Seitdem sind die Verhältnisse, global gesehen, aber auch in jeder Gesellschaft für sich, entsicherter geworden, als sie vorher waren.

Es gibt viele Romane, die sich auf 9/11 beziehen, und Don deLillos „Falling Man“ ist unlängst inHamburg auf die Bühne gebracht worden. Wo aber sind die Bühnenstücke, die das Thema aufgreifen? Schließen die Spieltriebe hier eine Lücke?

Waldschmidt: Theater ist nicht da, um Lücken zu schließen; Lücken tun sich täglich neu auf. „Das“ Stück zum 11. September gibt es nicht. Das Festival liefert nicht die eine Sicht, die eine Wahrheit, sondern eröffnet in 14 Produktionen 14 verschiedene Perspektiven. Ich bin fasziniert, welch unterschiedliche, kraftvolle und individuelle Theatersprachen sich da entwickelt haben. Von dieser Heterogenität lebt das Festival. Den Lückenschluss aber gibt es nicht.

Es scheint ja auch von der Stückauswahl her eher eine Gegenwartsbeschreibung zu werden als eingeschichtlicher Rückblick auf den Jahrestag.

Waldschmidt: Es gibt ein Projekt, das hundertprozentig auf dem Thema „sitzt“: das Rechercheprojekt „Wo die Sonne so schön scheint“: Hier haben ein Journalist und ein Regisseur aus Interviews mit Osnabrücker Bürgern zu ihren Erinnerungen an den 11. September Theater destilliert.

Eilts: Die zentrale Aufgabe des Theaters ist aber nicht, Realität abzubilden, sondern Realität zu überwinden, Räume, Spielräume zu eröffnen. Das versuchen wir auch mit der Stückauswahl des Festivals. In den einzelnen Produktionen sehe ich eine unglaubliche Vielfalt, und diese Vielfalt eröffnet ja etwas: Horizonte, eben: Spielräume. Darum heißt es ja auch letzten Endes „Spieltriebe“.

Breiten Raum nehmenexperimentelle Theaterformen ein: „Projekte“, Stücke, die nicht von fertigen Texten ausgehen, sondern als eine Art „Work in Progress“ entstehen. Ist diese Form den Festivals vorbehalten oder wird sich das auch im regulären Spielplan niederschlagen?

Waldschmidt: Ein Festival hat natürlich besondere Möglichkeiten, so etwas Realität werden zu lassen. Auf dem Limberg zum Beispiel haben sich Künstler und Künstlerinnen geradezu eingenistet und dort Räume gestaltet. „Blogosphere Iraq“ ist da beispielhaft: Der Raum selbst ist als Installation schon unglaublich faszinierend und spannend, und dann wird die Internet-Welt der Blogs in Theater umgesetzt. So etwas wird man im normalen Spielbetrieb nicht eins zu eins weiterführen können – das wäre auch nicht sinnvoll. Aber ich bin mir sicher, dass einige der Regisseurinnen und Regisseure hier wieder auftauchen werden, weil sie einfach eine tolle Arbeit machen – und weil wir natürlich darüber nachdenken, wo man da anknüpfen kann. Vielleicht lässt sich ja das Emma-Theater temporär in so ein Umfeld verwandeln. Auf jeden Fall ist die Beschäftigung mit Projekten, die nicht von geschriebenen Texten ausgehen, im Theater wichtig geworden.

Im aktuellen Programm punkten Sie mit ganz vielen Ur- und Erstaufführungen, wie schon die früheren Spieltriebe-Festivals. Gleichzeitig verengen Sie den thematischen Fokus. Wird es da nicht immer schwieriger, indem man nur mit neuen Stücken arbeitet, gleichzeitig aber die Auswahl beschränkt?

Waldschmidt: Mir geht es nicht darum, mit irgendetwas zu punkten. Mein Ziel ist es herauszuarbeiten, was für die Gesellschaft, in der wir leben und arbeiten, wichtig und existenziell ist. Da gehört natürlich das Neue ganz essenziell dazu. Zeitgenössisches Theater hat aber ganz viele Aspekte: Die Uraufführung von Theresia Walser, sicher das prominenteste Stück, gehört genauso dazu wie der Brückenschlag beim „Tod einer Hündin“ auf der großen Bühne. Da verschränken wir Euripides mit einem neuen Text von Dea Loher, „Land ohne Worte“. Zehn Frauen aus Osnabrück bilden den Chor, sprechen aber nicht antike Texte, sondern die von Dea Loher. In diesem Projekt kommt das scheinbar ganz Alte mit dem ganz Aktuellen zusammen. Theater ist immer eine Zeitreise, wo Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenkommen müssen, damit an diesem Abend etwas passiert.

Eilts: Seit den 90er-Jahren ist der Stückemarkt quasi explodiert. Wir haben die analoge Entwicklung zu den Zehner- und Zwanzigerjahren, wo ebenfalls ganz neue Ästhetiken und Strategien des Schreibens entwickelt wurden. Das hatte auch einen Grund: Die gesellschaftlichen Gegebenheiten veränderten sich so stark, dass neue Ästhetiken notwendig wurden und sich förmlich aufdrängten. Ähnliches passiert seit den 90er-Jahren. Es gibt eine unglaubliche Mannigfaltigkeit an Ästhetiken und Menschen, die für das Theater schreiben. Da verhindert eine thematische Fokussierung, dass man in dieser Mannigfaltigkeit verloren geht. Und das Publikum erhält ein Band durch das Meer der Stücke.


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