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Mehr als der „Herbergsvater“ der Literaten Sehnen nach Anerkennung: Hans-Werner Richters Tagebücher

Von Oliver Schmidt


Osnabrück. Es verfolgte ihn zeit seines Lebens: dieser Vorwurf, kein großer Schriftsteller zu sein, dafür aber jemand, dem es gelänge, die unterschiedlichsten Charaktere an einen Tisch zu führen. Ein „Herbergsvater“ der eigentlichen Literaten eben. Natürlich hat Hans-Werner Richter darunter gelitten. Aber er tat das still und für sich, davon gesprochen hat er selten. Nun aber, in den soeben erschienenen Tagebüchern, lässt er sich darüber aus. Nicht ohne dass man zwischen den Zeilen den Schmerz nachspüren kann, den ihm dieses Urteil zufügte.

Dabei bleibt doch festzuhalten, dass es ohne den 1908 geborenen Sohn eines Bademeisters und einer Wäscherin, der sich vor dem Krieg durch eine Buchhändlerlehre quälen musste, die deutsche Nachkriegsliteratur so nicht gegeben hätte. Zugegeben: Grass hätte seine „Blechtrommel“ auch ohne ihn verfasst, Lenz wäre mit seiner „Deutschstunde“ mithin berühmt geworden, Bachmann würde für ihre fragilen Satzgebilde auch ohne die Gruppensitzungen einen Verleger gefunden haben.

Aber wer, wenn nicht dieser Mann, hätte mit seiner „Gruppe 47“ ein solch einzigartiges Forum schaffen können, in dem sich nur zwei Jahre nach Ende des Krieges die Literatur auf sich selbst besinnen konnte? Dies bleibt Richters Verdienst – ungeachtet der Kritik, wie sehr er mit dem weitgehenden Ausschluss der Exilschriftsteller auch durchaus eigene ästhetische Vorstellungen zu verwirklichen suchte.

Dass Richter nicht schon in früheren Jahren ein Tagebuch führte, es erscheint bei der Lektüre, der nun erschienenen Chronik, die lediglich die Jahre 1966 bis 1972 abdeckt, umso schmerzlicher. War doch zu dieser Zeit das kunstvolle Gespinst der Gruppe bereits aufgeribbelt in einzelne intellektuelle Existenzfädchen, die zumeist jeder für sich ihren schriftstellerischen und politischen Ideen anhingen. Überhaupt die Politik. Liest man die Einträge, so scheint es, als sei sie der eigentliche Grund, warum die fruchtbaren, wenngleich für Außenstehende stets mit einem elitären Hauch umgebenen Zusammenkünfte nicht mehr fortgesetzt werden konnten. Mit der Studentenrevolte, von einer „Revolution“ wollte der frühere Kommunist und spätere Sozialliberale Richter in diesem Zusammenhang nichts hören, zerbrach das ästhetische Projekt. Es ist bedrückend nachzulesen, wie der großsprecherische Duktus der Studenten den Wunsch nach einer modernen Nachkriegsliteratur, der man sich verpflichtet fühlen konnte, zerbrechen ließ.

Und mit deutlicher Verachtung kommentiert Richter die politischen Ambitionen seiner einstigen Schützlinge – selbst jene von Günter Grass, dem er sich noch am ehesten parteipolitisch nahe fühlte. Früh erkannte Richter, welche Gefahren es für die Bindungskräfte der Gruppe bedeuten musste, wenn die politische Gesinnung dem literarischen Schaffen übergeordnet werden würde. „Die programmlose Entwicklung“, notierte er bereits im Herbst 1966, „war für mich entscheidend für den indirekten Einfluss. So blieb alles wandelbar, konnte den jeweiligen Gegebenheiten angepasst werden, ohne dass man Anpassung betrieb, aber auch der Nicht-Anpassungswillige muß der jeweilig veränderten literarischen und politischen Situation gerecht werden.“ Dass dies nicht mehr gelingen konnte mit einem Enzensberger, der sich in Kuba um einen Ministerposten bemühte und einem Walser, dessen rigiden revolutionären Ansprüche nicht nur Richter auf die Nerven gingen, braucht nicht diskutiert zu werden. Das kluge Nachwort von Dominik Geppert spürt diesen verschiedenen Phasen der Gruppe hierbei sehr detailliert nach.

Aber es ist nicht alles politisch in diesem Tagebuch. Was durchklingt, ist auch das Sehnen nach Anerkennung. So, wenn Richter sich weinerlich darüber auslässt, dass ein soeben gewählter Bundeskanzler Willy Brandt ihm auf einen Brief nicht handschriftlich deroselbst antwortet. Was hier durchscheint und einen nachsichtig lächeln lässt, ist das, was Richter an vielen seiner Schriftsteller immer wieder beklagt: eine Eitelkeit, die sie daran hindert, den Kollegen neben sich wahrzunehmen.

Trotz solcher Menschlichkeiten bleibt dieses Tagebuch eine wertvolle Quelle. Allein deshalb, weil es aufzeigt, wie sehr Richter mit sich selbst oft nicht im Reinen war und Ende der Sechziger immer wieder schwankte, ob er die Gruppe nun als Projekt für beendet erklären sollte oder nicht. Es zeigt ihn zugleich auch als jemanden, dem das eigene Andenken wichtig blieb, wichtiger als man gemeinhin denken sollte bei diesem „Genie der Freundschaft“, als der ihn Robert Jungk sicherlich zu Recht erkannte.

Hans Werner Richter: „,Mittendrin‘. Die Tagebücher 1966–1972“ , C. H. Beck Verlag, 383 Seiten, 24,95 Euro