Vulkan auf La Palma erloschen Das war knapp: Lava strömt haarscharf an Haus von Osnabrücker Paar vorbei

Das Haus Jürgen und Doris Bitter aus Osnabrück blieb verschont. Der Lavastrom drehte wenige Meter vorher ab.Das Haus Jürgen und Doris Bitter aus Osnabrück blieb verschont. Der Lavastrom drehte wenige Meter vorher ab.
Jürgen Bitter

La Palma/Osnabrück. Es kommt ihnen vor wie ein "Weihnachtswunder": Der Lavastrom auf La Palma hat das Haus von Doris und Jürgen Bitter aus Osnabrück um wenige Meter verfehlt. In ihre Erleichterung mischt sich die Sorge um die Nachbarn, die ihren Besitz verloren haben.

Drei Monate bangten die Bitters um ihr kleines Paradies in Todoque auf der Kanareninsel. Den Ort gibt es nicht mehr, er liegt begraben unter einer meterhohen, schwarz-grauen Gesteinsschicht. Doch das Haus der Bitters blieb durch eine seltsame Fügung verschont. "Als der Vulkan von den Behörden offiziell am 1. Weihnachtstag als erloschen erklärt wurde, haben wir eine Flasche Sekt geöffnet", sagt Jürgen Bitter, ehemaliger Chef der „NOZ“-Sportredaktion. 

Das kleine Paradies mit Meerblick

Jürgen und Doris Bitter haben sich vor gut 25 Jahren eine Parzelle auf der kanarischen Insel gesichert. Das Haus mit Meeresblick ist den beiden ein zweites Stück Heimat geworden neben ihrem Hauptwohnsitz in der Osnabrücker Dodesheide. 

Fast auf den Tag genau drei Monate lang spuckte der Feuerberg Cumbre Vieja Asche und Lava. Es war die längste Eruption eines Vulkans in der Geschichte der Insel La Palma. Zerstört oder beschädigt wurden durch die Lavamassen etwa 2800 Häuser in den Ortschaften Todoque, La Laguna und Las Norias. Rund 1200 Hektar sind jetzt mit Lava bedeckt, die nur langsam auskühlt. Teile der Insel wirken wie eine Mondlandschaft, aus der Asche ragen hier und da nur noch die Schornsteine verschütteter Häuser heraus. Mehr als 7000 Bewohner mussten in Sicherheit gebracht werden. Der Schaden beläuft sich nach vorsichtigen Schätzungen auf knapp eine Milliarde Euro.

Alexandre Diaz
Wie ein Mondlandschaft

50 Meter oberhalb des Hauses passierte es

Das glühende Gestein hielt in den ersten Wochen Abstand vom Bitterschen Haus an der Camino Marta etwas außerhalb der 1300-Einwohner-Gemeinde Todoque. Auf einer Karte, die die spanische Zeitung "El Pais" im Internet veröffentlichte, konnten Doris und Jürgen Bitter gleichsam in Echtzeit den Lauf der Lava verfolgen. Der Abstand zwischen Haus und Todeszone: nur 500 bis 600 Meter. Doch die Gefahr rückte näher. Der letzte Lavastrom, der vom Vulkan ins Aridane Tal geschickt wurde, zerstörte Teile des Friedhofs von Las Manchas und bewegte sich immer weiter auf das Haus der Bitters zu.

Emilio Morenatti/dpa
Ein Bild vom 29. Nevember 2021.

Der frühere Sportjournalist hat uns geschrieben, was dann passierte: "Wir haben durch Drohnen-Aufnahmen verfolgen können, wie sich die tausend Grad heiße Masse auf uns zubewegte. Im Haus über uns (keine 50 Meter entfernt) – es gehört einem Gebäudereiniger aus Gießen – verzweigte sich der Lavastrom und erwischte einen Teil unseres Nachbarhauses. Nach dem Brand des Dachs blieben dort nur noch die Seitenmauern stehen. Das Haus gehört einem Theater-Intendanten und seiner Frau, einer Schauspielerin. Am gleichen Abend haben wir sie angerufen und ihnen den Totalschaden mitgeteilt. Weitere Freunde und Nachbarn von uns erlitten Teilschäden. Ob deren Häuser wieder bewohnbar sind, ist derzeit noch unklar. Das große Haus unseres Freundes, eines Arztes, der uns bei unserem letzten Aufenthalt auf La Palma noch einen Corona-Test abgenommen hat, ist komplett zerstört."

Giftige Gase und verschwundene Straßen

Das gesamte Gebiet um den Vulkan ist Sperrzone und zurzeit nicht erreichbar. Alle Zugangsstraßen sind durch Lava blockiert, die sich zum Teil mehr als zwanzig Meter hoch auftürmt. Außerdem ist die Luft vergiftet, die Emissionswerte haben vielerorts noch nicht den erträglichen Bereich erreicht. Weil stellenweise Gas ausströmt, herrscht in einigen inneren Zonen sogar Lebensgefahr. "Wir könnten unser Haus an der Camino Marta 33 derzeit nur mit dem Hubschrauber erreichen", sagt Jürgen Bitter. "Aber natürlich betrachten wir das Überleben unseres Eigentums als größtes Weihnachtsgeschenk."

JORGE GUERRERO/dpa

40 Zentimeter Asche auf der Terrasse

Am Tag nach Weihnachten begannen in La Laguna die ersten Aufräumarbeiten, wie Jürgen Bitter berichtet. Vorrang habe, die Zufahrtsstraße zum wichtigen Touristenzentrum Puerto Naos und zu den dortigen Bananenplantagen möglichst schnell wieder herzustellen. "Da unsere palmerischen Freunde größtenteils nicht versichert sind, werden wohl der Staat und die Europäische Union einspringen", sagt Bitter. Der Ort Todoque soll nach seinen Worten komplett samt Kirche an anderer Stelle wieder aufgebaut werden. 

"Wir gehen davon aus, dass wir erst in ein paar Wochen nach La Palma fliegen werden, um dort mit dem Aufräumen zu beginnen", sagt Bitter. Die Drohnen-Bilder ließen erkennen, dass sich auf der Terrasse und im Garten der Lava-Staub etwa vierzig Zentimeter hoch aufgetürmt hat. "Allerdings haben wir auch nette Freunde, die auf der Insel wohnen und die uns dabei helfen werden."


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