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Symbol des Wiederaufbaus Osnabrücker Kinogeschichte(n), Teil 6: „Ritz“

Von Reinhard Westendorf

Reklame für das „Ritz“-Filmtheater, einen echten Musentempel. Foto: ArchivReklame für das „Ritz“-Filmtheater, einen echten Musentempel. Foto: Archiv

Osnabrück. Mit der Eröffnung des „Ritz“-Filmtheaters an der Ecke Lotter Straße/ Bergstraße begann am 13. Januar 1950 auch in Osnabrück der bundesweite Kinobau-Boom der Fünfzigerjahre. Der repräsentative Filmpalast nahe dem Heger Tor war bis zu seinem Abriss im Februar 1972 Osnabrücks beliebtestes und berühmtestes Kino.

Für den Chronisten der Osnabrücker Kinogeschichte(n) stellt das „Ritz“ das erste Kino dieser Reihe dar, das er nicht aus eigener Anschauung kennt. Deshalb stützt er sich bei der Beschreibung des 1000-Platz-Filmtheaters ausschließlich auf Zeitzeugen und schriftliche Quellen wie Anne Paechs Buch „Kino zwischen Stadt und Land“ (Jonas Verlag, 1985).

„Fragt man Osnabrücker Bürger nach ihren Kinoerinnerungen, dann spielt das Ritz in vielen Erzählungen immer wieder die Hauptrolle“, schreibt die Autorin zu Beginn ihres Kapitels über das damals „modernste Kino von Westdeutschland“, wie das „Osnabrücker Tageblatt“ am 13. Januar 1950 urteilte.

Bevor Osnabrücks umtriebiger Kinopionier Josef Struchtrup im August 1949 den Grundstein für den Neubau auf einem Trümmergrundstück an der Lotter Straße legte, hatte er bereits zwei Jahre zuvor Filmvorstellungen für die Zivilbevölkerung im „Ritz Cinema“ der englischen Besatzungsmacht organisiert. Der Besuch des in einer Karmann-Fabrikhalle in der Adolfstraße untergebrachten Kinos war bis dato ausschließlich den Engländern vorbehalten.

Die frühe Kinokonzession erhielt Struchtrup, der etwas später mit dem „Rosenhof“ und dem „Roxy“ noch zwei weitere „R“-Kinos“ in Betrieb nahm, weil ihm seine ständigen Schwierigkeiten mit den Nationalsozialisten positiv bescheinigt wurden.

Zur Eröffnung des vom Osnabrücker Architekten Fritz Stahlenburg entworfenen „Ritz“ überschlug sich die Presse vor Begeisterung. Die Besucher der Erstaufführung des englischen Ballettfilms „Die roten Schuhe“ von Regisseur Michael Powell „versanken in eine Atmosphäre der Behaglichkeit“, die ihnen „ein sanftes Hinübergleiten aus der Welt der Wirklichkeit in die Traumwelt des Films“ ermöglichte. An der portikusartigen Giebel-Frontseite des frei stehenden Kinobaus prangten bis zu fünf Meter hohe Kinotransparente, die der Plakatmaler Rolf Hähnel nach Motivvorlagen von Hand anfertigte.

Als am 16. September 1971 das „Ritz“ mit Walt Disneys „Dschungelbuch“ seine traurige Abschiedsvorstellung gab, hatten sich in 21 Jahren über 160 Stars und Prominente auf der Bühne vorgestellt.

„Das Ritz-Kino war ein echter Musentempel, weder ein billiges Vorstadtkino noch ein Puschenkino. Und erst das Innere des Ritz. Es war eine heile, schöne Welt ringsum, denn in der Stadt ragten damals noch viele rauchgeschwärzte Ruinen empor.

„Lebewohl, du altes Ritz, eine Zeit ist mit dir dahingegangen, wo noch kein Fernsehen deine Polsterreihen lichtete.“ Weihevoller und wehmütiger als in diesem von einem treuen Fan in der NOZ vom 5. Februar 1972 verfassten Nachruf kann Osnabrücks legendärer Kinopalast nicht beschrieben werden.


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