Statt Behindertenwerkstatt nun Hausmeister Inklusion: Wenn Chefs behinderten Menschen in Osnabrück eine Chance geben

Holger Joerges (im Bild vorne), der jahrelang in der Behindertenwerkstatt in Sutthausen gearbeitet hat, hat seit 2019 einen Job als Hausmeister im Katharina-von-Bora-Haus in Osnabrück.Holger Joerges (im Bild vorne), der jahrelang in der Behindertenwerkstatt in Sutthausen gearbeitet hat, hat seit 2019 einen Job als Hausmeister im Katharina-von-Bora-Haus in Osnabrück.
David Ebener

Osnabrück. Oft haben es Menschen mit Behinderung schwer, auf dem Arbeitsmarkt einen Job zu finden. Holger Joerges hat es in Osnabrück geschafft. Warum Arbeitgeber ihm eine Chance gegeben haben und welche Vorteile Chefs haben, wenn sie Schwerbehinderte einstellen, erklärt Oscar Hubrich vom Integrationsfachdienst der Caritas.

Holger Joerges wollte aus der Behindertenwerkstatt in Sutthausen raus und auf dem Arbeitsmarkt eine Stelle finden. Erst hat er in einem großen Möbelhaus in Osnabrück vor allem den Verpackungsmüll wegsortiert, aber die Arbeit hat ihm nicht zugesagt. Zusammen mit der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück (HHO) hat er sich auf die Suche nach einer neuen Tätigkeit gemacht – und das mit Erfolg.

Seit 2019 arbeitet der 27-jährige Osnabrücker als Hausmeister im Katharina-von-Bora-Haus. Dass er als Schwerbehinderter mit dem Status "volle Erwerbsminderung" auch auf dem ersten Arbeitsmarkt einen Job gefunden hat, hat er seinem eigenen Einsatz, aber auch dem Integrationsfachdienst der Caritas, der HHO und seinem neuen Arbeitgeber zu verdanken.

David Ebener
Hausmeister Holger Joerges arbeitet am liebsten mit der Bohrmaschine.

"Budget für Arbeit" hilft Arbeitgebern und Schwerbehinderten

Der Integrationsfachdienst der Caritas (IFD) hilft schwerbehinderten Menschen bei der beruflichen Eingliederung und Teilhabe. Der wiederum arbeitet mit dem Landkreis Osnabrück zusammen, der als eine von fünf Modellkommunen in Niedersachsen an dem bundesweit geförderten Projekt "Budget für Arbeit" teilnimmt. Das Ziel: Schwerbehinderten Menschen, die meist in einer Behindertenwerkstatt arbeiten, zu ermöglichen, einen sozialversicherungspflichtigen Job zu bekommen. Dahinter steckt auch der im Bundesteilhabegesetz verankerte Rechtsanspruch.

Die Vorteile für den Arbeitgeber: Er bekommt einen Lohnkostenzuschuss, der bis zu 75 Prozent des Bruttogehalts betragen kann, Hilfe durch den Integrationsfachdienst, Begleitung durch externe Kräfte wie die HHO und je nach Berufsfeld auch Gelder, damit der Arbeitsplatz behindertengerecht ausgestattet werden kann.

Behinderten-Quote in Firmen

Die gesetzlichen Vorgaben sind klar: Unternehmen in Deutschland mit mehr als 20 Mitarbeitern müssen mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Menschen mit Behinderung besetzen. Tun sie das nicht, müssen sie eine Ausgleichszahlung zahlen.

Praktikum zum Kennenlernen

Damit Jorges den Job als Hausmeister bekommt, hat er 2019 erst ein normales Vorstellungsgespräch gehabt, und dann ein über mehrere Wochen verteiltes Praktikum in dem Altenheim absolviert. Zur Einarbeitung gehört auch die Unterstützung durch externe Kräfte wie zum Beispiel Nadine Herkenhoff, Integrationsbegleiterin im Bereich Arbeit der HHO. So sieht es das Konzept "Budget für Arbeit" vor. Während des Praktikums können Arbeitgeber und -nehmer schauen, ob es passt. 

Schnell war klar, dass Joerges den Job gut macht, berichtet Kai Wiese, Heimleiter des Altenheims, und findet: „Holger ist ein absolut loyaler und toller Mitarbeiter.“ Selbst im Schneechaos im Februar sei er zu Fuß zum Heim gestapft, um als Hausmeister auch am Sonntag da zu sein und Wege frei zu räumen. 

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Kai Wiese leitet das Altenheim Katharina-von-Bora-Haus in Osnabrück.

Arbeitnehmer mit Stärken und Schwächen

Wie andere Arbeitnehmer habe Joerges Stärken und Schwächen. Seine Angst auf Leitern zusteigen, habe er aber überwunden, indem er mit der HHO viel geübt habe. Schließlich leistet er als Hausmeister verschiedenste kleine Reparaturen, wechselt auch kaputte Glühbirne in dem Altenheim aus, das mehr als 100 Zimmer für Bewohner hat, oder hängt Weihnachtsdeko auf.

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Glühbirnen wechselt Holger Joerges als Haustechniker im Altenheim.

Zu seinen Lieblingswerkzeugen gehören Hammer und Bohrmaschine. Was er noch gerne macht? Rasenmähen auf dem Aufsitzmäher. 

Seit Oktober diesen Jahres hat der 27-Jährige eine unbefristete Stelle – und darauf ist der ruhige Mann sehr stolz. 30 Stunden die Woche arbeitet er. „Er ist ein korrekter Mitarbeiter“, sagt Hausmeister Wolfgang Merrath, der erst seit einem halben Jahr im Altenheim arbeitet. Er habe zwar schon mehr Berufserfahrung als Joerges, aber weil dieser sich vor Ort gut auskenne, habe auch er etwas von ihm gelernt. Und: „Holger vergisst nie irgendwas“, sagt Merrath und lacht.

Lohn wird teils über "Budget für Arbeit" gezahlt

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Nadine Herkenhoff, Integrationsbegleitung Arbeit Inklusiv der Heilpädagogische Hilfe Osnabrück (HHO).

Einmal im Monat kommt die HHO-Integrationsbegleiterin Herkenhoff vorbei und tauscht sich mit Joerges aus. Die fast 75-prozentige Förderung zum Lohn, die vom "Budget für Arbeit" kommt, ist jeweils zeitlich auf ein oder zwei Jahre befristet. „Wenn Holger so arbeitet wie andere, dann kann die Förderung geringer werden“, erklärt Oscar Hubrich vom Integrationsfachdienst der Caritas. Er koordiniert das Modellprojekt im Landkreis mit. Der Osnabrücker Joerges fällt in das Förderprojekt des Landkreises, weil er bei der Antragstellung noch im Landkreis gewohnt hat.

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Oscar Hubrich vom Integrationsfachdienst für schwerbehinderte Menschen der Caritas.

Das "Budget für Arbeit" gibt es seit 2018. Rund 35 Schwerbehinderte im Landkreis Osnabrück gehören dazu und „jeder einzelne ist ein Erfolg“, sagt Hubrich. Er und auch Heimleiter Wiese hoffen, mit diesem Bericht mehr Menschen mit Behinderung und Arbeitgeber auf das Projekt aufmerksam zu machen. „Holger ist ein schönes Beispiel und ich hoffe, er macht anderen Mut", sagt Wiese.


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