Falsche Polizisten schocken Senioren Landgericht Osnabrück muss Callcenter-Verfahren wieder aufrollen

Welche Rolle spielte der Angeklagte in den Callcenter-Betrügereien zulasten mehrerer Seniorinnen? Damit muss sich das Landgericht Osnabrück jetzt zum zweiten Mal beschäftigen.Welche Rolle spielte der Angeklagte in den Callcenter-Betrügereien zulasten mehrerer Seniorinnen? Damit muss sich das Landgericht Osnabrück jetzt zum zweiten Mal beschäftigen.
Michael Gründel

Osnabrück. Bereits zum zweiten Mal muss sich das Landgericht Osnabrück mit dem Fall eines 51-Jährigen befassen, der als "Logistiker" für ein Callcenter in der Türkei daran beteiligt gewesen sein soll, Senioren um ihr Erspartes zu bringen.

Schon im Jahr 2020 hatte der in der Türkei geborene Angeklagte mit deutscher Staatsangehörigkeit in Osnabrück vor dem Richter gestanden. Zweieinhalb Jahre wegen Beihilfe zum Betrug lautete damals das Urteil – ein Spruch, den die Staatsanwaltschaft so nicht akzeptieren wollte.  Der Bundesgerichtshof gab dem Anklagevertreter Recht und verwies das Verfahren zur Neuverhandlung an das Landgericht Osnabrück zurück.

Als Logistiker beteiligt?

Die Polizeiberichte sind voll davon: Immer wieder nutzen Betrüger die Gutgläubigkeit oder die Ängste älterer Menschen aus und bringen sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dazu, ihnen Geld oder andere Wertgegenstände zu überreichen. So auch in dem verhandelten Fall. An mindestens vier solcher Fälle soll der 51 Jahre alte, in Duisburg wohnhafte Mann als sogenannter "Logistiker" beteiligt gewesen sein. Er habe "Abholer" angeworben und die Verteilung des ergaunerten Geldes organisiert. Gegen seine mutmaßlichen Mittäter laufen oder liefen gesonderte Verfahren.

Die Betrügereien spielten sich, so die Anklageschrift, immer auf die gleiche Art und Weise ab. Von einem Callcenter in der Türkei aus riefen Frauen und Männer, die einwandfrei Deutsch sprachen, im verhandelten Fall bei vier alten Damen zwischen Mitte 70 und hoch in den Achtzigern an und gaben sich als Polizisten oder Mitarbeiter von LKA und BKA aus. In einem Fall, der sich in Villingen-Schwenningen abspielte, gaben sie an, bei einer Festnahme nach einem Einbruch sei der Name der alten Dame auf einem Zettel als nächstes Opfer einer Bande notiert gewesen. Außerdem müsse sie Geld von der Bank abheben, damit das BKA Bankverläufe überprüfen und die Scheine auf Echtheit überprüfen könne. Ein Kommissar werde das Geld abholen. 

Alte Dame bedrängt

Der Anrufer bedrängte die alte Dame offenbar derart, dass sie einem angeblichen Polizisten schließlich 19.000 Euro in einem Briefumschlag überreichte. Auch bei einer weiteren Seniorin, ebenfalls aus Süddeutschland, funktionierte der Trick. Auch hier verlangten und bekamen die Betrüger rund 19.000 Euro. In zwei weiteren Fällen, unter anderem bei einer 81-jährigen Belmerin, hatten die Betrüger dagegen keinen Erfolg. Die Seniorin wandte sich an die Polizei, ging auf deren Anraten zum Schein auf die Übergabe ein und überreichte dem "Abholer" ein Paket, in dem sich nur Papierschnipsel befanden. Die Falle schlug zu, der Mann wurde inzwischen zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.

So kam die Staatsanwaltschaft auch auf die Spur des 51-Jährigen, gegen den jetzt zum zweiten Mal verhandelt wird. Er soll den "Abholer", einen ebenfalls türkischstämmigen Mann, angeworben haben und ihn mit den nötigen Informationen versorgt haben. Das lief in der Regel über den Messenger-Dienst Whatsapp. Auf den Handys stellte  die Polizei unter anderem Screenshots von den Adressen und dem Wohnumfeld der Opfer sicher. Außerdem habe der Beschuldigte das erbeutete Geld an sich genommen, den Abholer bezahlt und nach Abzug seines eigenen Vermittlungsanteils an den Betreiber des Callcenters weitergeleitet. Soweit die Staatsanwaltschaft.

Die Sicht des Angeklagten

Der Angeklagte, der als gelernter Maschinenschlosser zunächst lange Jahre in Deutschland arbeitete, später aber in die Türkei wechselte und dort unter anderem wegen Betrügereien mit Antiquitäten insgesamt zehn Jahre im Gefängnis saß, stellte das naturgemäß ganz anders dar. Er habe lediglich dem späteren "Abholer" einen Gefallen tun wollen und ihm den Kontakt vermittelt zu dem Callcenter-Betreiber, gegen den inzwischen ebenfalls ermittelt wird. Man kannte sich aus dem Gefängnis. Mit den Betrügereien selbst habe er nichts zu tun: "Das schwöre ich beim Leben meiner Kinder." Aus der Haft in der Türkei entlassen kehrte der 51-Jährige 2016 nach Deutschland zurück und lebt inzwischen, abgesehen von einigen mehr oder weniger erfolglosen Ausflügen in die Selbstständigkeit, vor allem "vom Jobcenter". Zwei Häuser, die er in Duisburg besessen hatte, wurden inzwischen zwangsversteigert. Der Mann musste Insolvenz anmelden.

"Ich neige dazu, nicht von Beihilfe, sondern von Mittäterschaft auszugehen", gab der Vorsitzende Richter schließlich eine Tendenz vor. Die Rechtsprechung sehe mittlerweile selbst die in dem "streng hierarchisch organisierten" System der Betrügereien weit unter den "Logistikern" stehenden "Abholer" als Täter und nicht als Helfer. 

Wenn der Angeklagte allerdings im Sinne eines Täter-Opfer-Ausgleichs dafür sorgen würde, dass die Seniorinnen ihr Geld zurückbekämen, könne sich das vielleicht positiv auf das Strafmaß auswirken. Damit konnte sich der 51-Jährige allerdings nicht unmittelbar anfreunden. Sein Mandant wolle den Eindruck vermeiden, dass er etwas zugebe, was er nicht getan habe, erklärte sein Anwalt.

Die Verhandlung wird am 20. Dezember fortgesetzt.


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