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Radfahrer gestorben Abbiegespur am Wall in Osnabrück wird nach Unfall zum Radweg

Der Radfahrer starb noch an der Unfallstelle.Der Radfahrer starb noch an der Unfallstelle.
Jörg Sanders

Osnabrück. Nach dem Tod eines 28-jährigen Radfahrers am Montagabend auf dem Wallring in Osnabrück hat Oberbürgermeisterin Katharina Pötter angekündigt, möglichst schnell Abhilfe zu schaffen.

"Wir haben nun ad hoc eine sinnvolle Lösung gefunden", sagte Pötter unserer Redaktion am frühen Dienstagnachmittag. Die Rechtsabbiegespur in die Martinistraße soll kurzfristig wegfallen und zu einem Radweg werden. Mit Baken sollen Fahrspur und neu entstandener Radweg abgesperrt werden, sagte Pötter. Und wann? "Noch in diesem Jahr", sicherte sie zu.

Getrennte Ampelschaltungen für mehr Sicherheit

"Das allein würde aber nicht helfen", weiß Pötter; denn das Rechtsabbiegen bleibt dem motorisierten Verkehr weiterhin erlaubt. Eine getrennte Ampelschaltung für Radfahrer (und Fußgänger) sowie den motorisierten Verkehr soll Unfälle verhindern. Dazu müsse die Ampelsteuerung umprogrammiert werden, das dauere seine Zeit, so Pötter. Die rechte Fahrspur müssen sich Autofahrer künftig teilen, die geradeaus oder nach rechts fahren wollen.

Am Dienstagmittag war Pötter mit Experten aus der Verwaltung zusammengekommen, um nach kurzfristigen Lösungen zu suchen. An dem Gespräch nahmen Stadtbaurat Frank Otte sowie Mitarbeiter der Verkehrsplanung und -lenkung teil.

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Radfahrer unter Lkw gestorben

Am Montagabend war der 28-Jährige mit seinem Pedelec auf dem Heger-Tor-Wall in Richtung Schlosswall unterwegs gewesen. Links neben ihm fuhr der 43-jährige Lkw-Fahrer. Als dieser auf die Abbiegespur in Richtung Martinistraße fuhr, erfasste er mit seinem Auflieger den Radfahrer. Der Radfahrer starb noch an der Unfallstelle.

Gesamter Wall soll in den Fokus rücken

Bei der Überprüfung dieser einen Kreuzung soll es nicht bleiben, kündigte Pötter an. Sie versprach, alle Kreuzungen am Wallring unter die Lupe nehmen zu lassen. Zudem habe Pötter auch die großen Ausfallstraßen im Blick, versicherte sie. 

Kreuzung am Heger Tor soll bald entschärft werden

Ebenfalls sehr zeitnah soll die Kreuzung am Heger Tor für Radfahrer entschärft worden. Auch dort geraten Radfahrer, die in Richtung Schlosswall fahren, zwischen Fahr- und Abbiegespuren zwischen die Fronten. An dieser Stelle will Pötter die rechte der beiden Abbiegespuren bei der VHS kurzerhand zum Radweg umfunktionieren. Auch dort sollen getrennte Ampelphasen für Rad- und Autofahrer künftig für mehr Sicherheit sorgen, wie an der Ecke Johannistorwall und Kommenderiestraße.

Das sagt die Gruppe Grüne/SPD/Volt

Seit dem Jahr 2000 seien mehr als 30 Radfahrer auf Osnabrücks gestorben, rund die Hälfte bei Unfällen mit Lkw, teilte die Gruppe mit. "Das Sterben auf unseren Straßen muss endlich aufhören. Dafür müssen die schwächsten Verkehrsteilnehmer Maßstab der Verkehrspolitik sein. Mit einer Bundesstraße 68 mitten durch die Stadt auf dem Wall ist das nicht machbar. Hier muss sich das Verkehrsministerium in Hannover endlich bewegen und die B68-Streckenführung ändern", wird der radverkehrspolitische Sprecher der Grünen, Volkmar Seliger, in der Mitteilung zitiert.
Sein Kollege Heiko Panzer von der SPD wünscht sich Vorschläge aus der Verwaltung, wie sich der geplante Umbau des Walls schneller umsetzen ließe. Seliger und Panzer fordern "Sofortmaßnahmen", mit denen die Sicherheit der Radfahrer umgehend verbessert werden könnte. So ließe sich doch womöglich die Protected Bike Lane auf der Abbiegespur, wo der tödliche Unfall geschah, bis zum Helmut-Kohl-Platz verlängern. "Auch ein generelles Rechtsabbiegeverbot für Lkw auf dem Wallring muss erneut geprüft werden", so Seliger und Panzer.

Pötter holt Rat mit ins Boot

Schon in der nächsten Ratssitzung am kommenden Dienstag will Pötter dem Rat ihre Pläne vorstellen, zuvor dem Verwaltungsausschuss. Und obgleich sie für solch kurzfristige Verwaltungsmaßnahmen wie am Helmut-Kohl-Platz keinen Ratsbeschluss benötigt, wolle sie den Rat dennoch von Anfang an mit ins Boot holen, sagte sie. Sie sei sich ohnehin sicher, dass der Rat ihre Ideen mit großer Mehrheit mitträgt.

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An dieser Stelle starb der Radfahrer, als der Lkw-Fahrer von der rechten Fahrspur über den Radweg auf die Abbiegespur wechselte. Noch in diesem Jahr soll die Abbiegespur zum Radweg werden.

Das sagt BOB

Der Bund Osnabrücker Bürger fordert nun ein Durchfahrverbot für Lkw über 7,5 Tonnen im gesamten Osnabrücker Innenstadtbereich. "Fahrzeuge über 7,5 Tonnen, die im Stadtbereich keine direkten Ziele anfahren und nur abgekürzt fahren wollen, müssen aus dem Innenstadtbereich verbannt werden", wird BOB-Ratsherr Levin Bosche in der Mitteilung zitiert.
Ratsfrau Kerstin Meyer-Leive ergänzt: "Auch eine Protected Bike Lane bietet keine hundertprozentige Sicherheit für Radfahrer, wie wir jetzt wieder schmerzlich gesehen haben. Hier muss die Verwaltung dringend nachbessern." Der Unfall geschah allerdings wenige Meter nach dem Ende der Protected Bike Lane.
BOB spricht sich aber gegen Pop-up-Radwege aus, wie OB Pötter sie nun als eine Möglichkeit zur Entschärfung ins Spiel gebracht hat. "Statt den Berufsverkehr durch Pop-up-Radwege und fragwürdige Einspurigkeit von Hauptverkehrsstraßen auszubremsen, muss zunächst dem Durchfahrtsverkehr der großen Lkw Einhalt geboten werden", meint Meyer-Leive.
BOB kündigte an, Anfang kommenden Jahres ein "umfassendes Verkehrskonzept" vorzustellen.

Bekannte gefährliche Stelle für Radfahrer

Der Unfall am Montag war nur wenige Meter nach Ende der sogenannten Protected Bike Lane – dem relativ neuen breiten Hochbordradweg geschehen. Nachdem der motorisierte Verkehr an der Einmündung zur Katharinenstraße grün bekommt, ist auch die folgende Ampel am Helmut-Kohl-Platz grün. Der Verkehr nähert sich der Kreuzung in der Regel also mit vergleichbar hohem Tempo, Rechtsabbieger müssen dabei Radfahrer auf dem rot markierten Radweg im Blick haben. Mit Pötters kurzfristiger Lösung wäre diese Gefahr gebannt.

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Hinter diesem Lkw verläuft der Radweg für Radfahrer, die geradeausfahren wollen. Zum Abbiegen muss der motorisierte Verkehr den Radweg überfahren.

Das sagt der ADFC

Der ADFC Osnabrück kritisiert, die Unfallstelle sei ein bekannter Gefahrenpunkt. "In exakt der gleichen Verkehrssituation am Berliner Platz wurde im Oktober 2016 eine 59 Jahre alte Radfahrerin überfahren und getötet", teilte der ADFC mit.
Der Fahrradfahrerverband fordert die Stadt auf, "umgehend diese gefährlichen Radstreifen auf dem gesamten Wall zu entfernen und bis zum dauerhaften Umbau provisorische Radspuren in ausreichender Breite aufzubauen".
Auch der ADFC drückt den Angehörigen des Opfers sein "tiefstes Mitgefühl aus".

Lkw-Fahrer nach Unfall weitergefahren

Die Polizei ermittelt gegen den Lkw-Fahrer wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung, sagte Polizeisprecher Matthias Bekermann am Dienstag unserer Redaktion – und wegen einer möglichen Unfallflucht; denn nach dem Unfall war der 43-jährige Lkw-Fahrer weitergefahren. Er gab an, den Unfall nicht bemerkt zu haben. Erst einige Kilometer weiter, bei Kaufland am Kurt-Schumacher-Damm, stellte die Polizei den Fahrer und untersuchte den Lkw.

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Bei Kaufland zog die Polizei den Lkw-Fahrer aus dem Verkehr und untersuchte seinen Lkw.

Das sagt die UWG

Die UWG kritisiert abermals den Lkw-Verkehr in der Stadt – insbesondere den reinen Durchgangsverkehr. "Es ist offensichtlich und wir konnten durch unsere eigenen Zählungen bereits feststellen, dass sehr viele Lkw ohne Not durch unser Stadtzentrum fahren", lässt sich UWG-Ratsherr Wulf-Siegmar Mierke in einer Mitteilung wiedergeben. Hannes Janott, zweiter Vorsitzender der UWG, plädiert für ein Rechtsabbiegeverbot von Lkw auf dem Ring – auch diese Idee ist von der UWG bekannt.

Dieser Lkw war indes kein Durchgangsverkehr. "Er hat im Stadtgebiet abgeladen und nicht einfach durch die Stadt abgekürzt", sagte Bekermann.

Zeuge unter Schock

Die Polizei beschlagnahmte den Lkw, der Lkw-Fahrer selbst ließ sich abholen. Er habe auf einen Notfallseelsorger verzichtet, so Bekermann. Ein Radfahrer, der hinter dem getöteten 28-Jährigen mit seinem Rad auf dem Radweg gefahren war, erlitt hingegen einen Schock und wurde vor Ort in einem Rettungswagen behandelt. Dieser Radfahrer sowie ein Fußgänger und ein Autofahrer waren zuerst bei dem Unfallopfer.

Noch am Abend war ein Gutachter zur Unfallstelle gekommen. Die Polizei versucht darüber hinaus anhand des Datenschreibers, der gefahrenen Kilometer und der Uhrzeiten die gefahrene Geschwindigkeit herauszufinden, mit der der Lkw-Fahrer bei dem tödlichen Spurwechsel unterwegs gewesen war.

Das sagt der Radentscheid

Wieder sei ein Radfahrer unter einem rechts abbiegenden Lkw gestorben, ein "miserabler Radfahrstreifen in Mittellage" habe "den Unfall stark begünstigt", teilte der Radentscheid Osnabrück mit. "Da muss die Stadt umgehend ran." Die Stadt brauche eine Infrastruktur, die Fehler verzeihe, ohne dass Menschen dabei sterben. "Und wir brauchen sie heute, nicht morgen."
Den Angehörigen des getöteten 28-Jährigen sprechen die Köpfe hinter dem Radentscheid ihre Anteilnahme aus. "Worte können nicht trösten."
Der Radentscheid Osnabrück ist eine Initiative von mehreren Osnabrückern, die in diesem Jahr gegründet wurde. Ziel ist es, die Stadt mit einem Bürgerentscheid zu zwingen, mehr für den Radverkehr zu tun.

Mahnwache am Dienstagabend

In der Telegram-Gruppe der Critical Mass Osnabrück hatte sich der Unfall auch bereits am Montagabend herumgesprochen. Einige fuhren daraufhin zum Unfallort und stellten Kerzen für den 28-Jährigen auf.

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Am Dienstagabend hielt der ADFC um 18.30 Uhr eine Mahnwache vor Ort ab.

Unfall vor anderthalb Jahren wenige Meter weiter

Im Juli 2020 war eine Radfahrerin am Helmut-Kohl-Platz (damals hieß dieser noch nicht so) wenige Meter vom jetzigen Unfallort von einem Mann in seinem Lkw überfahren und getötet worden. Anfang September verurteilte das Amtsgericht Osnabrück den Mann zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr – ausgesetzt zur Bewährung.

Wall wird umgebaut – aber das dauert noch Jahre

Die Stadt plant, den gesamten Wall umzugestalten und Radfahrern mehr Platz einzuräumen. Doch das dauert Jahre. Mitte dieses Jahres hatte die Stadt 5,75 Millionen Euro aus Berlin für die Planung und den Umbau des nördlichen Teils erhalten. Damit sollen von 2023 bis 2026 2,2 Kilometer neugestaltet werden. Am Ende soll der gesamte Wall mindestens zwei Meter breite Radwege (plus Markierung) erhalten – ohne den Wegfall von Fahrspuren.

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