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Ohne Gegenwehr wurde Osnabrück besetzt

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Sie waren auf der Hut – die Briten und Kanadier, die am frühen Morgen des 4. April 1945 in Osnabrück einmarschierten. Immerhin hatten die Nazibonzen erklärt, die strategisch wichtige Stadt nicht kampflos preiszugeben. Doch auf nennenswerte Gegenwehr stießen die Alliierten nicht. Was hätten die nicht ausgebildeten Volkssturmmänner auch ausrichten sollen?

Montag vor 60 Jahren ging in Osnabrück der Zweite Weltkrieg zu Ende – fünf Wochen vor der Kapitulationdes Deutschen Reiches am8. Mai. Die Bevölkerung hatte die Stunden bis zum Einmarsch gezählt, sich nichts sehnlicher gewünscht als das. Am Jahrestag rufen die damaligen Ereignisse noch einmal heftige Erinnerungen bei den letzten Zeitzeugen hervor, während jüngere Generationen in die Zukunft blicken und nach neuen Formen des Gedenkens suchen.

Günter Heinemann, der als 15-Jähriger an der Lotter Straße auch die verheerenden Luftangriffe am Palmsonntag miterlebt hatte, kann sich an das Kriegsende in Osnabrück noch gut erinnern. Nach seinen Beobachtungen besetzten die Alliierten binnen weniger Stunden eine „leere“ Stadt, denn die letzten deutschen Truppen waren eilig abgezogen worden. Das konnten Briten und Kanadier nicht wissen und gingen daher systematisch vor. Sie zündeten Nebelgranten, um Straßenkreuzungen gefahrlos überqueren zu können. Auf der Suche nach Feinden, durchkämmten sie Hinterhöfe und Gärten, befragten Kinder, ob sich noch irgendwo deutsche Soldaten aufhielten. Später schauten sie in alle Räume und zogen dann weiter. Alles ging sehr schnell. Kriegsberichterstatter sprachen in der britischen Presse von einem „Spaziergang“.

Im Nachhinein findet es Günter Heinemann erstaunlich, dass es nicht zu größeren Plünderungen gekommen ist: „Außer ein paar Uhren fehlte nichts.“ Auch andere Zeitzeugen haben die Engländer auf Grund des in Kriegszeiten ungewöhnlich guten Benehmens nicht als Feinde empfunden.

Der Besetzung Osnabrücks folgte der Durchmarsch. Unendlich viele Panzer und nicht abzusehende Kolonnen von Motorfahrzeugen zogen weiter nach Norden und Osten. Berlin war das eigentliche Ziel der Briten. Die Osnabrücker staunten, dass es für die Fahrzeuge offenbar keinen Treibstoffmangel gab, Ersatzteile nicht knapp waren. Jetzt erst realisierten sie die Übermacht des Gegners, sahen ein, wie verlogen die Durchhaltepropaganda der Nazis war.

Sofort nach der Einnahme wurde Osnabrück unter Kriegsrecht gestellt. Die britische Militärbehörde verhängte ein Ausgehverbot von 17 Uhr bis 8 Uhr morgens.

Die städtische NSDAP-Führung hatte bereits am Vortag Hals über Kopf die Stadt verlassen. „Die lautesten Rufer setzten sich am leisesten ab“, schrieb später Karl Kühling über die Flucht von Kreisleiter Fritz Wehmeyer, seinem Vorgänger Wilhelm Münzer und Oberbürgermeister Erich Gaertner. Die braunen Uniformen hatten sie zwar abgelegt, aber auch in Zivil waren sie noch Vollstrecker: Unterwegs wurde von einem von ihnen am Schinkelberg die Bäuerin Anna Daumeyer hingerichtet, weil sie ein weißes Tuch aus dem Fenster gehängt hatte. Wer den Mord begangen hat, wird wohl immer ungeklärt bleiben. Eine späte Zeugenaussage hat vor zweieinhalb Jahren den Verdacht auf Erich Gaertner gelenkt. Gauinspektor Wehmeyer kam bereits am 4. April nach einem Feuergefecht ums Leben. Münzer und Gaertner wurden später festgenommen.


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