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Die "Häuschen-Methode" macht‘s möglich: Lesen lernen ist so einfach

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"Wer Buchstaben lernt, kann beim Lesen und Schreiben Probleme bekommen." Prof. Dr. Christa Röber-Siekmeyer lächelt im Wissen um die verblüffte Reaktion auf ihre These. Die Osnabrückerin mit einer Professur an der Pädagogischen Hochschule Freiburg hat mit einer neuen Methode gute Erfolge erzielt.

"Alle Grundschulfibeln, so kindgerecht sie auch sein mögen, gaukeln die Regel vor, dass ein Buchstabe für einen Laut steht", sagt Röber-Siekmeyer und erläutert es an ihrem Lieblingsbeispiel "Retter". Das Wort hat sechs Buchstaben aber nur vier Laute, weshalb viele i-Männchen "Räta" schreiben. Lesen sie, dann Buchstabe für Buchstabe R-E-T-T-E-R. Damit haben sie das Wort zwar buchstabiert, den Sinn aber nicht verstanden. Dazu kommt der unterschiedliche Klang eines Buchstabens, je nachdem, an welcher Stelle er steht. Am Anfang des Wortes "Esel" klingt er wie ein "e", bei "Ente" schon eher wie ein "ä" und am Ende des Wortes wie ein fast verschlucktes "ö", weil die zweite Silbe des Wortes nicht betont wird. Beim herkömmlichen Lesen- und Schreibenlernen werde den Kinder nicht bewusst gemacht, dass "unsere Schrift silbisch orientiert ist, die deutsche Sprache einen Rhythmus hat", erläutert die Professorin für Grundschul- und Deutschdidaktik.

"Zweisilbige Wörter werden im Deutschen immer auf der ersten Silbe betont", macht Röber-Siekmeyer die Probe aufs Exempel. "Spleser", "Grelpe", "Peffen" - alle, die ihr diese erfundenen Wörter vorlesen, betonen sie richtig auf der ersten Silbe. Wogegen Grundschüler oft so lesen, dass sie jede Silbe gleich betonen. Dadurch erschließt sich ihnen nicht der Sinn - die Lust am Lesen vergeht.

Aber wie wurde bisher richtiges Lesen gelernt? "Wir sind früher mehr mit Texten umgegangen und haben 100 Prozent mehr geschrieben als heute", antwortet die Deutschdidaktikerin. Ein wenig ketzerisch fügt sie hinzu, dass in den vergangenen Jahrzehnten "zu viel Pädagogik und zu wenig Wissensvermittlung" in die Schulen gekommen sei. Für Röber-Siekmeyer ist es deshalb kein Wunder, dass deutsche Schüler bei der Pisa-Studie in Sachen Lesekompetenz so schlecht abgeschnitten haben.

Dass es auch anders und vor allem besser geht, zeigt ihre "Häuschen-Methode". Für die Wörter werden Häuser und Garagen gemalt (siehe Foto). In die Häuser kommen die betonten Silben, in die Garagen die unbetonten. Bei "Hüte" hat das "ü" ein eigenes Zimmer und wird breit gesprochen. Für die "Hüfte" muss sich das "ü" den Platz mit dem "f" teilen, beide werden zusammen zusammengefasst. Bei der "Hütte" quetscht sich ein "t" mit dem zweiten in der Garage ins Haus, so dass beide kurz wie ein "t" gesprochen werden. Die Wortenden sind stimmlos. "Die Kinder begreifen das sofort und kommen prima damit klar", erzählt Röber-Siekmeyer. Damit die Erstklässler die Wörter immer wieder hören und ihnen deren Betonung und Schreibweise ins Blut geht, haben Studierende der PH Freiburg in dem Projekt "Rechtschreibem im Rhythmus der Musik" Lieder getextet und komponiert. Auf der CD "Quasselliese" wurden Kinder- und Folklieder, Raps und Schlager veröffentlicht, die den Kindern Spaß beim Mitsingen machen und spielerisch die Melodie der Sprache verdeutlichen.

In Freiburg erforscht die Osnabrückerin derzeit die Ursachen für mangelhafte Lesekompetenz bei alemannisch-sprachigen Hauptschülern. "Schon jetzt zeichnet sich ab, dass es nicht am Dialekt, sondern an der schlechten Vorbereitung in der Grundschule liegt." Diese Forschung wird demnächst auf der Orientierungsstufe Schölerberg ausgedehnt. Für den kommenden Sommer plant die Professorin in Osnabrück einen Grundschultag mit dem Verein zur pädagogischen Förderung von Kindern aus Zuwandererfamilien und der Bezirksregierung. Dabei werden die "Qasselliese" und die "Häuschen-Methode" vorgestellt und Lehrerfortbildungen angeregt.

Messbare Erfolge der "Häuschen-Methode" hat Röber-Siekmeyer schon bei einem Projekt mit einem 2. Schuljahrgang in Freiburg gemacht. Dabei ging es um Schärfungswörter mit Doppelkonsonanten wie "ll" oder mit "ck" und "tz" in der Mitte. Zwei Klassen schrieben diese Wörter nach einem Jahr zu 85 und 90 Prozent richtig, in den Parallelklassen waren es 32 und 36 Prozent. Die Professorin hofft nun auf eine groß angelegte wissenschaftliche Auswertung ihrer Methode. Daran könnte auch die Grunschule Gellenbeck mitwirken, in der seit acht Jahren mit den Häuser und Garagen gearbeitet wird. Vor zwei Jahren wurde ihr Antrag von der Deutschen Forschungsgesellschaft noch abgelehnt: "Nach den Ergebnissen der Pisa-Studie sieht die Sache vielleicht anders aus".


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