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Nationalpark spaltet den Kreis Lippe Die Revolte des Prinzen im Teutoburger Wald

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Osnabrück. Im Kreis Lippe tobt ein erbitterter Streit um den geplanten Nationalpark „Teutoburger Wald“. Landrat Friedel Heuwinkel (CDU) kämpft Seite an Seite mit der rot-grünen Landesregierung in Düsseldorf und Umweltgruppen für das Millionen-Projekt. Dagegen laufen Tausende Bürger Sturm. Ein Anführer der Revolte residiert in Detmold fürstlich: Stephan Prinz zur Lippe.

Auf der Homepage der Kanzlei Prinz zur Lippe fällt der Satz sofort ins Auge: „Ein Kompromiss ist die Kunst, den Kuchen so zu teilen, dass jeder meint, er habe das größte Stück bekommen.“ Das Bonmot des legendären Wirtschaftsministers Ludwig Erhard ist auch Jahrzehnte nach dessen Tod aktuell. In der Causa „Nationalpark Teutoburger Wald“ geht es jedoch nicht um Kuchenstücke, sondern um Waldflächen. Und da zeigt Stephan Prinz zur Lippe keinerlei Kompromissbereitschaft. In seiner Ablehnung der Nationalpark-Idee bleibt er so standhaft wie eine Lipper Buche. Denn der Prinz befürchtet bei Verwirklichung der Pläne von Land und Landrat eine „kalte Enteignung“ des Familieneigentums, das seit Jahrhunderten einen Großteil der Einnahmen der Lippes ausmacht.

Schon mehr als 800 Jahre ist der südöstliche Teil des Teutoburger Waldes im Besitz des Fürstenhauses. Die Edelherren Bernhard II. und dessen Sohn Hermann II. bauten 1190 die Falkenburg. Die Herrschaft zur Lippe erlangte den Titel der Reichsgrafschaft, galt dann als Fürstentum und während der Weimarer Republik als Freistaat. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Region in dem neu gegründeten Bundesland Nordrhein-Westfalen auf. All die Kriege, Revolutionen und Umbrüche vermochten jedoch nicht, was Stephan Prinz zur Lippe nun befürchtet: den faktischen Verlust des gesamten Waldschatzes.

Nach den jetzigen Planungen sollen die gesamten Flächen in den angedachten Nationalpark übergehen. Die Waldflächen des Prinzen stellen dabei das Filetstück dar und machen rund 20 Prozent des gesamten Planungsareals aus. Zwar soll NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) dem Prinzen eine weitere forstwirtschaftliche Nutzung in Aussicht gestellt haben, doch daran glaubt das Haus Lippe nicht. Ein Rechtsgutachten belege, dass die Zusage des Ministers unzulässig sei, sagt Prinz zur Lippe. Die Regelungen zu Nationalparks im Bundesnaturschutzgesetz seien im Kern eindeutig: Der Mensch solle sich ganz aus dem Wald herauszuhalten. Eine nachhaltige Forstwirtschaft sehe ein Nationalpark nicht vor.

Und der Adel rebelliert im Schatten des Detmolder Hermannsdenkmals nicht allein. Teile der CDU fallen ihrem Parteifreund Heuwinkel öffentlich in den Rücken. Bei einer Protestkundgebung mit 2000 Park-Gegnern vor gut einer Woche in Detmold war der Europa-Abgeordnete und CDU-Bezirksvorsitzende Elmar Brok der Hauptredner. Die Bürgerbewegung „Unser Teutoburger Wald“ hat nach eigenen Angaben bereits über 24000 Unterschriften gegen den Nationalpark gesammelt, die den Wegfall vieler Stellen in der Forstwirtschaft befürchtet. Fünf von acht Kommunen opponieren ebenfalls. Und auch die Industrie- und Handelskammer Lippe zu Detmold läuft Sturm. Die geplante Kulisse bringe Risiken für die Regionalwirtschaft mit sich, deren Folgen nicht hinreichend abgeschätzt worden seien, wettert die IHK. Außerdem würden erhebliche Kosten auf die Steuerzahler zukommen, denen nur marginale Einnahmen durch mehr Tourismus gegenüberstünden. Deshalb ließe sich ein Nationalpark ökonomisch nicht rechtfertigen, urteilt die Kammer. Allein die laufenden Kosten betrügen über vier Millionen Euro pro Jahr. Diese dürften nicht einfach als regionale Erträge deklariert werden, nur weil das Geld aus Düsseldorf komme. Sämtliche Kosten addierten sich in 30 Jahren auf weit über 200 Millionen Euro Steuermittel. Angesichts der hohen Staatsverschuldung in NRW sei das nicht zu rechtfertigen.

Für ihr Votum hatte die Vollversammlung der Kammer zwei Studien des Unternehmensberaterbüros Roland Berger unter die Lupe genommen. Der Gutachter geht davon aus, dass die Risiken für die Regionalwirtschaft und deren Beschäftigte sehr gering seien, wie auch Landrat und Park-Befürworter argumentieren. Das Berger-Gutachten erwartet im Tourismussektor jährlich eine Wachstumsrate von zwei Prozent. Die Projektgegner nehmen diese Prognose als Beispiel, um die Studie als Gefälligkeitsgutachten abzuqualifizieren.

So liegen die Emotionen bloß. Prinz zur Lippe unterstellte dem Landrat einen „Blackout“, als dieser erklärt hatte, er habe mit dem Prinzen persönlich über die Flächen verhandelt, was der Betroffene strikt zurückweist. Heuwinkel gibt trotz der „Wutbürger“ nicht auf. „Im Notfall machen wir den Nationalpark ohne den Prinzen“, sagt der Landrat.


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