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Kein Weg zurück nach Ostpreußen „Irgendwannbrachen die Lügen zusammen“

Von Frank Henrichvark

Dokumente der Zeitgeschichte (zu sehen im Kulturgeschichtlichen Museum in Osnabrück): Hertha Hesse hatte ihre Wohnungsschlüssel aus Königsberg gerettet. Foto: Elvira PartonDokumente der Zeitgeschichte (zu sehen im Kulturgeschichtlichen Museum in Osnabrück): Hertha Hesse hatte ihre Wohnungsschlüssel aus Königsberg gerettet. Foto: Elvira Parton

Osnabrück. Fünf Schlüssel an einem Ring. Sie gehörten einmal zu ihrer Wohnung in Königsberg. Hertha Hesse hat sie im Winter 1945 mitgenommen, als sie auf der Flucht vor der Roten Armee ihre Heimat verließ. Was einmal als Rückversicherung des eigenen Lebens gedacht war, liegt heute als Dokument der Zeitgeschichte im Museum: „Irgendwann konnte ich nicht mehr immer noch an Ostpreußen denken“, sagt Hertha Hesse heute, „das war dann auch das Ende der Melancholie.“

Die alte Dame mit den grauen Haaren und den hellblauen Augen ist heute 80 Jahre alt. Im Januar 1945, auf der Flucht aus Königsberg, war sie noch ein Kind: „Ich habe doch an Adolf Hitler und die Wunderwaffen geglaubt.“ Aber irgendwann auf dem Treck, in den überfüllten Eisenbahnzügen, zwischen Leichen und Verwundeten, „da brachen diese Lügen alle zusammen.“

Hertha Hesse und ihre Eltern landeten damals in Celle. 300 Kilometer von der Front im Osten und 300 Kilometer vom Rhein entfernt. Das sei ihrem Vater als eine strategisch sichere Position zum Überleben erschienen. Und weil die Familie zwar in drei Rucksäcken nur das Notwendigste – aber eingeschlossen die Wohnungsschlüssel – und doch immerhin die Zeugnisse der Tochter gerettet hatte, konnte Hertha Hesse damals gleich wieder zur Schule gehen: „Die Lehrerin kam aus der Bekennenden Kirche. Sie hatte uns etwas zu sagen, weil wir doch nach Orientierung suchten.“ So sei sie dann christlich geworden und deshalb auch bis heute in der Gemeindearbeit aktiv geblieben.

Das Flüchtlingskind machte bittere Erfahrungen: Abgestempelt als „Mensch zweiter Klasse“, gab es nur 24 Quadratmeter als Wohnung für drei Personen. Der Vater schwer krank und noch auf die Heimat Ostpreußen fixiert. Erst das Lehrerstudium an der Pädagogischen Hochschule in Celle, später die eigene Familie in Osnabrück habe diesen Zustand beendet. Und in den 60er-Jahren habe sie auch aufgehört, an Ostpreußen zu denken, und die damit verbundene Melancholie abgeschüttelt.

Der Osten, die damalige DDR, blieb dennoch immer präsent. Es gab Verwandte in Stralsund, und zusätzlich vermittelte die evangelische Kirche damals Adressen von Familien, die mit Päckchen und Paketen unterstützt wurden. Später fuhr sie selbst über die Grenze: „Beschämend“ seien die Kontrollprozeduren durch die Volkspolizisten gewesen und die Lebensumstände der Menschen „so kümmerlich“. Geradezu bedrückend habe sie die Enge dieses Staates empfunden, sagt Hertha Hesse rückblickend: „Nie gab es dort ein Aufatmen.“

Nach der Wende sind manche der Kontakte, die Hertha Hesse in die DDR aufgebaut und gepflegt hatte, abgebrochen. Auf den ersten Blick angesichts der Reisefreiheit ein Paradox, aber dennoch kein Einzelfall. Wem plötzlich die ganze Welt offensteht, der fährt nicht unbedingt nach Osnabrück.

Sie selbst war später in Leipzig („die Nikolaikirche hat mich angezogen“), und sie plant derzeit eine Reise zu den frühromanischen Kirchen der Altmark. Vor Kurzem hat Hertha Hessedie Fernseh-Dokumentation über die friedliche Revolution in der DDR 1989 gesehen: „Völlig aufgewühlt“ sei sie danach gewesen, wie sonst nur vor einer Reise in die alte Heimat. Diese Fahrt zur Kurischen Nehrung habe sie deshalb sogar wieder abgesagt, weil die Erinnerung sie zu sehr belastet hätte.


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