Ausbau soll Fahrzeit verkürzen Bahnstrecke Osnabrück–Hannover: 190 Millionen für drei Minuten?

Spätestens ab 2030 sollen Züge bundesweit im sogenannten Deutschlandtakt fahren. In unserer Region 
könnte dazu ein Ausbau der Bahnstrecke Osnabrück–Löhne notwendig werden.Spätestens ab 2030 sollen Züge bundesweit im sogenannten Deutschlandtakt fahren. In unserer Region könnte dazu ein Ausbau der Bahnstrecke Osnabrück–Löhne notwendig werden.
Michael Gründel

Osnabrück. Der Bund erwägt, die Bahnstrecke Osnabrück–Löhne für 190 Millionen Euro auszubauen. Zugfahrten zwischen Osnabrück und Hannover könnten sich dadurch um drei Minuten verkürzen, heißt es. Die regionale Wirtschaft jubelt, Fahrgastvertreter bleiben skeptisch.

Zur Vorbereitung des sogenannten Deutschlandtakts fließt möglicherweise auch in unserer Region viel Geld in bessere Schienenwege. Denn ab sofort kommt auch die Bahnstrecke Osnabrück–Löhne für einen Ausbau ernsthaft in Betracht. Entsprechender Bedarf ist seit Mitte August im Bundesverkehrswegeplan (BVWP) als vordringlich vermerkt. Die Kosten werden mit 189,7 Millionen Euro beziffert. 

Stichwort Deutschlandtakt

Nach Angaben des Branchenbündnisses "Allianz pro Schiene" geht es beim sogenannten Deutschlandtakt im Kern um den gezielten Ausbau des Schienennetzes, damit Nahverkehr, Fernverkehr, Bahn und Bus deutschlandweit besser aufeinander abgestimmt werden können. An wichtigen Knotenbahnhöfen treffen die Züge künftig immer zur gleichen Zeit ein und fahren kurz danach wieder ab. So entstehen optimale Umsteigemöglichkeiten und leicht zu merkende Fahrpläne. Auch dichtere Takte gehören zum Konzept. Ziel des Deutschlandtakts, der nach Plänen der Bundesregierung bis 2030 umgesetzt sein soll, ist eine Verdoppelung der Fahrgastzahlen. Aber auch der Güterverkehr auf der Schiene soll profitieren.

Als verkehrliches Ziel nennt die von Schweizer Gutachtern vorgelegte "Infrastrukturliste Deutschlandtakt" eine Fahrzeit von 61 Minuten (nonstop) zwischen Hannover und Osnabrück. Das wären drei Minuten weniger im Vergleich zu heute. Um dies zu erreichen, ist den Angaben zufolge zwischen Osnabrück und Löhne eine Geschwindigkeitserhöhung auf bis zu 160 Kilometer pro Stunde (km/h) nötig.

Kosten und Nutzen wurden neu kalkuliert

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Osnabrück–Emsland–Grafschaft Bentheim begrüßt diese Entwicklung. "Nun besteht endlich Aussicht auf eine Beschleunigung der West-Ost-Achse zwischen Osnabrück und Hannover", sagt Hauptgeschäftsführer Marco Graf. Schon die geringe Fahrzeitverkürzung um drei Minuten erleichtere Fahrgästen den Umstieg in Osnabrück und in Hannover. 2018 habe der Bund einen Ausbau des Teilstücks Osnabrück–Löhne noch als unwirtschaftlich abgelehnt. Allerdings seien Kosten und Nutzen damals auf Basis einer Höchstgeschwindigkeit von Tempo 200 kalkuliert worden. Die nunmehr vorgesehene Anpassung von 140 auf 160 km/h lässt sich laut IHK "wesentlich kostengünstiger" realisieren, weil  Bahnübergänge nicht durch Brücken oder Unterführungen ersetzt werden müssten.

Nicht auf andere Highspeed-Strecke warten

Gleichwohl steht auch dieses Projekt noch unter Vorbehalt. So könnte gemäß Gutachten darauf verzichtet werden, wenn sich die gewünschte Fahrzeitverkürzung zwischen Osnabrück und Hannover auch durch eine Anbindung an die geplante Tempo-300-Neubaustrecke zwischen Bielefeld und Seelze bei Hannover erreichen lässt. Diese ist in der "Infrastrukturliste Deutschlandtakt" mit mehr als 5,1 Milliarden Euro veranschlagt. Was die Osnabrücker IHK wiederum zu folgender Rechnung veranlasst: Gemessen an den jeweiligen Investitionssummen, koste die Fahrzeitverkürzung zwischen Löhne und Osnabrück etwa 63 Millionen Euro pro Minute, zwischen Hannover und Bielefeld jedoch über 300 Millionen Euro pro Minute.

Hauptgeschäftsführer Graf fordert deshalb: 

„Die Neubaustrecke Hannover–Bielefeld wird kaum vor dem Jahr 2040 in Betrieb genommen werden. Bei dieser eindeutigen Kostenrelation muss die Beschleunigung auf der West-Ost-Achse jetzt auch unabhängig davon in Angriff genommen werden.“

Pro Bahn mag den Optimismus nicht teilen

Fahrgastvertreter hingegen können die Freude des heimischen Wirtschaftsverbands über erwähnte Planungsfortschritte nur teilweise nachvollziehen. So erklärt Pro-Bahn-Regionalsprecher Martin Sturm auf Anfrage unserer Redaktion: "Die drei Minuten Fahrzeitersparnis zweifle ich an." Zwei Minuten halte er angesichts enger Kurven und Gleisbögen etwa in Bünde, Melle und Wissingen für realistischer. 

In jedem Fall mache Tempo 160 Sinn, um kleine Verspätungen abbauen zu können, stellt der Experte fest. Allerdings seien wegen des neuen elektronischen Stellwerks in Osnabrück just die zuggesteuerten Bahnübergangssicherungen erneuert worden – für Tempo 140. "Ein paar Meter Kabel mehr", bemerkt Sturm, und die Strecke wäre in diesem Punkt für 160 km/h schnelle Züge vorbereitet gewesen.

Mit Blick auf mutmaßliche Vorteile, die sich durch einen Ausbau des Abschnitts Osnabrück–Löhne für Reisende insbesondere beim Umstieg ergeben würden, meint Sturm: 

„Woher die Anschlussverbesserungen in Osnabrück kommen sollen, bleibt das Geheimnis der IHK. Mit dem Fahrplan 2023 werden ja erst etliche jahrzehntelang bewährte und wichtige Anschlüsse zwischen Berlin/Hannover und dem Osnabrücker Nordkreis sowie dem Emsland aufgegeben.“

Hängt der neue ECx unsere Mittelzentren ab?

Hintergrund: In gut zwei Jahren will die Deutsche Bahn zwecks Zeitersparnis auf der Achse Berlin–Amsterdam alte Intercitys durch neue, schnellere ECx-Züge ersetzen. Halte unter anderem in Wolfsburg und Minden stehen dann auf der Streichliste. Pro Bahn fürchtet, dass dadurch auch Städte wie Bersenbrück und Quakenbrück sowie Lingen, Meppen und Papenburg vom Fernverkehr abgehängt werden. Denn für Fahrgäste aus diesen Gebieten verlängert sich laut Sturm mit Start des ECx die Reisezeit nach Hannover wie nach Berlin gegenüber heute um 30 bis 45 Minuten. 


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