"Man funktioniert in so einer Situation" Herausfordernder Einsatz: Was DLRG-Helfer aus der Region Osnabrück im Flutgebiet erlebten

Die Einsatzkräfte der DLRG bergen Autos auf der überflutet B265.Die Einsatzkräfte der DLRG bergen Autos auf der überflutet B265.
DLRG Landkreis Osnabrück / Philipp Schwab

Osnabrück. Die Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz bewegt Deutschland. Freiwillige aus dem ganzen Land reisten an, um zu helfen. Auch DLRG-Mitglieder aus dem Landkreis Osnabrück waren darunter. So erlebten die Helfer ihren Einsatz.

Während andere die Flutkatastrophe in den Nachrichten verfolgten und erst nach und nach mehr Bilder aus den betroffenen Gebieten sahen, waren sie schon auf dem Weg, um vor Ort selbst mit anzupacken. 19 Freiwillige der DLRG-Ortsgruppen im Landkreis Osnabrück ließen alles stehen und liegen und bereiteten sich auf den Einsatz vor. 

Zuvor noch an der Ostsee

Malte Schneider und Philipp Schwab von der DLRG-Ortsgruppe Georgsmarienhütte mussten dafür erstmal zurück in den Landkreis Osnabrück, erzählt Schwab: „Wir waren am Mittwoch noch als Wasserrettungsdienst an der Ostsee im Einsatz und hatten auch unser hochwassertaugliches Boot dabei. Als sich Donnerstag dann die Meldungen häuften, war klar, dass wir uns auf den Weg machen.“

Innerhalb weniger Stunden sammelten sich also die Freiwilligen. Schneider erinnert sich: „Wir kennen Hochwassereinsätze unter anderem noch von 2013, aber dieses mal war der Zeitraum zwischen Alarmierung und Einsatz deutlich kürzer.“ Betroffene, Behörden und Einsatzkräfte wurden in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag trotz vorheriger Warnungen durch den Deutschen Wetterdienst von den Niederschlägen überrascht. Entsprechend war auch die Informationslage bei der DLRG dünn, so Schneider: „Wir haben auf der Fahrt versucht, uns über die Medien zu informieren. Wir wussten aber selbst noch nicht, wo es genau hingeht und was wir vor Ort vorfinden.“ 

DLRG Landkreis Osnabrück / Philipp Schwab
Aus dem gesamten Landkreis kamen Rettungskräfte der DLRG zusammen, um im Flutgebiet zu helfen.

Stefanie Wessel von der Ortsgruppe Obere Hunte beschreibt die Stimmung am Tag des Aufbruchs ins Einsatzgebiet: „Es ging um Organisatorisches. Man funktioniert in so einer Situation, den emotionalen Teil haben wir erstmal von uns weggeschoben.“ Dennoch sei das bei der Nachrichtenlage zu diesem Zeitpunkt nicht so leicht gewesen, erzählt Schwab: „Wir haben die Videos gesehen, in denen Autos weggespült wurden und wussten, dass bereits Einsatzkräfte ums Leben gekommen waren.“ Aber auch wenn ihm bewusst gewesen sei, dass das auch ihnen hätte passieren können, habe ein Gedanke klar im Vordergrund gestanden: „Wir können helfen!“

Die richtigen Experten für diese Situation

Das dafür Nötige Fachwissen habe die Gruppe aus dem Landkreis mitgebracht, sagt Christian Meinecke von der DLRG Quakenbrück: „Wir haben Taucher dabei, haben Erfahrung mit Fernerkundung und Strömungsrettung. Wir wussten also, dass wir für die Situation gut ausgerüstet und ausgebildet waren.“ Meinecke gehörte zur Stabführung der DLRG Landkreis Osnabrück im Flutgebiet und fing schon vor der Abfahrt an, den Einsatz zu koordinieren: „Da hat alles super ineinander gegriffen. Wir mussten einige Aufgaben umverteilen, aber alle haben sich schnell auf die Situation eingestellt.“

Video: Osnabrücker Videoreporter schildert eindrücklich seinen Einsatz im Hochwassergebiet

Vor Ort standen die Freiwilligen zunächst erstmal in Erftstadt bereit. Hier drohte ein Damm zu brechen. Wäre dies eingetroffen, hätten die Rettungskräfte schnelle Hilfe leisten müssen. Somit hieß es zunächst abwarten, schlafen, wann immer es möglich war, Abläufe durchgehen und Equipment überprüfen. Dabei musste viel improvisiert werden, so Schwab: „In Erfstadt haben wir in der Nacht auf Samstag in einem Kampfsportstudio geschlafen, das uns vom Eigentümer kurzfristig zur Verfügung gestellt wurde.“ 

Autos tief im Wasser

Samstag ging es dann zur B265 bei Erftstadt. Hier hatte sich das Wasser auf der Straße mehrere Meter hoch gestaut, Menschen mussten ihre Autos stehen lassen und zu Fuß flüchten. Stefanie Wessel erinnert sich an das Bild vor Ort: „Auf dem Hinweg hat man wenig gesehen, ein großer Teil des Wassers war schon wieder weg. Als wir dann auf der Brücke über der B265 ankamen, standen aber plötzlich Autos tief im Wasser, und das Ausmaß der Katastrophe wurde uns allen nochmal deutlich bewusster.“

DLRG Landkreis Osnabrück / Philipp Schwab
Wo vorher eine Straße war, ist bei Einsatz auf der B265 nur Wasser zu sehen.

Kaum vermeiden lässt sich in einem solchen Moment der Gedanke, dass es vielleicht nicht alle aus ihren Autos geschafft haben. Doch auch auf ein solches Szenario waren die Freiwilligen eingestellt, so Meinecke: „Vor Ort arbeitet man einen Auftrag ab, trotzdem standen überall auch Seelsorger zur Verfügung und wir achten auch darauf, unseren Einsatzkräften nicht zu viel zuzumuten.“ Dieser schlimmste Fall traf aber für die Rettungskräfte aus dem Landkreis Osnabrück nicht ein. 

Positive Reaktionen im Überflutungsgebiet

Dafür gab es auch im Einsatzgebiet immer wieder positive Momente, sagt Stefanie Wessel: „Wir haben viel Dankbarkeit erlebt. Leute haben bereitgestellt, was sie zu Verfügung hatten, ob geschmierte Brötchen, Getränke oder Schlafplätze.“ Dennoch, so Malte Schneider, hofften sie, dass auch Konsequenzen aus der Katastrophe gezogen würden: „Ich denke, die Menschen werden Unwetterwarnungen jetzt ernster nehmen.“ Das sei wahrscheinlich auch nötig, denn extreme Wetterereignisse und damit auch Katastrophenfälle werden sich in den nächsten Jahren häufen, so Philipp Schwab.

André Havergo
Philipp Schwab (von links), Malte Schneider, Stefanie Wessel und Christian Meinecke waren im Hochwassergebiet im Einsatz.

Damit werde auch die Rolle von Rettungsorganisationen wie der DLRG immer bedeutender, der sich derzeit aus Spenden finanziert, so Schwab: „Einen großen Teil der Ausrüstung können wir nach diesem Einsatz entsorgen, da das Wasser derart kontaminiert war.“ Für Ersatz müsse die DLRG nun vor allem selbst sorgen, öffentliche Gelder stünden kaum zur Verfügung. Auch deshalb ist sie nun auf Spenden angewiesen. Für die Freiwilligen, die ihre Tätigkeit bei der DLRG in ihrer Freizeit ausüben, steht trotzdem fest, dass sie jederzeit wieder helfen würden. Malte Schneider von der Ortsgruppe Georgsmarienhütte weiß: „Wenn jetzt die nächste Meldung käme, säßen wir ein paar Stunden später wieder im Fahrzeug Richtung Einsatzgebiet.“

Spenden auf das Konto der DLRG Ortsgruppe Georgsmarienhütte e.V.: Verwendungszweck: Ausstattung Hochwasser Sparkasse Osnabrück; IBAN: DE12 2655 0105 1633 1087 56.


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