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Osnabrücker Sonderling hat Doppelgänger

Der Osnabrücker Der Osnabrücker "Mann im November" steht seit vier Jahren an der Ecke Nikolaiort/Große Straße.

"Im Urlaub trifft man halt allerhand Leute", dachten Gerd und Marianne Hahn aus Hasbergen, als sie in Schwäbisch Hall auf den "Mann im November" stießen. Sie nahmen an, dass es den "alten Osnabrücker" in den Süden verschlagen hat. Irrtum: Das Osnabrücker Original gibt es gleich siebenfach.

"Es ist doch ganz normal, dass ein Bildhauer mehrere Güsse macht", sagte gestern Professor Waldemar Otto, Schöpfer des beliebten Sonderlings, gegenüber der Neuen OZ. 1974 hatte er ihn erschaffen. Der so genannte Null-Guss steht immer noch vor Ottos Atelier in Worpswede. Weitere sechs Güsse wurden verkauft.

Der 77-jährige Otto ist einer der wichtigsten figürlichen Bildhauer der Gegenwart. 1978 kam der Eigenbrötler "Mann im November" als Leihgabe des Künstlers und der Galerie Clasing nach Osnabrück. Er war Teil der Ausstellung "Freiplastiken in Osnabrück" und wurde auf der Großen Straße vor der damaligen Kaufhalle heimisch.

Die Osnabrücker schlossen den Sonderling ins Herz, was sich an vielfältigen Dekorationen immer wieder zeigte: Bei Winterwetter wurde ihm schon mal ein Schal um den Hals geschlungen, im Sommer eine Sonnenbrille auf die Nase gesetzt. 1979 erwarb die Stadt die 1,70 Meter hohe Bronze zum Preis von 39000 Mark.

1980 hatte der Bildhauer der Stadt mit "Mann im Gerüst" eine weitere Skulptur ausgeliehen. "Ein unbequemes Stück Kunst", wie es damals hieß: "Ebenso unausweichlich wie einprägsam steht die Figur dem Betrachter gegenüber und verletzt ihn." 1984 wurde die Plastik, die auf dem Ledenhof stand, wieder abgebaut und fand in Ludwigshafen einen neuen Standort.

Der "Mann im November" dagegen war schon längst als Osnabrücker eingebürgert, als 1982 sein Doppelgänger auf die Reise nach Schwäbisch Hall ging. Anlässlich der Landesgartenschau fand die Aktion "Kunst im Stadtbild" statt - Ottos Skulptur blieb.

Der dritte "Mann im November" steht in einem der größten und berühmtesten Museen der Welt, das jährlich vier Millionen Besucher zählt: die Eremitage im Herzen St. Petersburgs. 1997 wurde dort eine Ausstellung mit Werken von Waldemar Otto gezeigt. Der Griesgram steht seither im Museum an der Newa, das seit gestern Schlagzeilen macht, weil mehr als 200 wertvolle Exponate verschwunden sind (siehe auch Seite 23).

Es ist nicht davon auszugehen, dass der schmächtige, gleichwohl schwere Novembermann gestohlen wurde, sondern weiterhin "einen der wohl schönsten Plätze" einnimmt, wie sein Erschaffer schwärmt: "Zwischen italienischen Gegenwartsplastiken und einer Sammlung von Caspar David Friedrich."

Die anderen drei Güsse haben nach Ottos Auskunft private Sammler gekauft. Einer dieser privaten Novembermänner hat es sogar einmal bis in einen "Tatort" geschafft. Der Künstler hat den Krimi zwar nicht selbst im Fernsehen gesehen, aber dennoch davon erfahren und nachgefragt: "Einer der Privatkunden stellt wohl seine Sammlung für Filmausstattung zur Verfügung."

Bei der Neugestaltung der Großen Straße im Jahr 2000 musste der Osnabrücker "Mann im November" seinen Stammplatz verlassen. André Lindhorst, Kustos der Kunsthalle Dominikanerkirche und zugleich zuständig für die Kunst im öffentlichen Raum, gewährte Asyl. Weil der Mann mit dem griesgrämigen Blick immer wieder Ziel von Sprayern war, wurde er während seines Urlaubs von der Großen Straße gründlich gereinigt und restauriert.

Seit Mai 2002 hat er einen neuen Stammplatz an der Ecke Nikolaiort/Große Straße. Das Ehepaar Hahn und seine Mitreisenden Martin Plogmann aus GMHütte und Hermann Leimkühler aus Hagen haben ihn am alten Platz vermisst und meinten im Urlaub, auf einen alten Bekannten zu treffen. Die hohe Stirn und die immer kalten Hände gehören aber seinem Doppelgänger.