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1958: Der Hass von Göteborg und die bösen Folgen

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Weltmeister 1958: Brasilien (stehend, von links): Trainer Vicente Feola, Djalma Santos, Zito, Kapitän Luiz Bellini, Nilton Santos, Orlando und Gilmar sowie (hockend, von links) Garrincha, Didi, Pelé, Vavá und Mario Zagalo.Weltmeister 1958: Brasilien (stehend, von links): Trainer Vicente Feola, Djalma Santos, Zito, Kapitän Luiz Bellini, Nilton Santos, Orlando und Gilmar sowie (hockend, von links) Garrincha, Didi, Pelé, Vavá und Mario Zagalo.

In Deutschland sprachen alle vom Hass-Spiel gegen Schweden, der Rest der Welt schwärmte von Brasilien. Der Zauberfußball von Garrincha, Pelé und Co. eröffnete eine neue Dimension.

Selbst dort, wo die Liebe käuflich ist, lässt man sich den Hass etwas kosten. „Schweden unerwünscht“ verkünden ungelenke Buchstaben auf den Schildern in den Etablissements auf der Reeperbahn. Doch es ist nicht nur die Halbwelt, die in diesen Tagen des Spätsommers 1958 ein Fußballspiel in eine unrühmliche Verlängerung schickt. Nach dem 3:1-Sieg der schwedischen Mannschaft im Halbfinale gegen Deutschland verweigern Tankstellenbesitzer schwedischen Autofahrern den Service, Gastronomen durchkreuzen in ihren Speisekarten die „Schwedenplatte“ mit dicken Strichen, beim Reitturnier in Aachen reißen Fanatiker die schwedische Flagge vom Mast. „König Fußballs einfältigste Vasallen kämpften ein blamables Heckengefecht“, urteilt der Sportjournalist Horst Vetten.

Und eben diese Vasallen hatten den Grundstein für die Eskalation gelegt. Vier Jahre nach dem WM-Triumph von Bern war Schweden für die Fußballanhänger aus dem Deutschland des Wirtschaftswunders nicht nur eine Reise wert, sondern auch erschwinglich. Tausende fuhren nach Schweden, die meisten mit dem Wunsch, die Atmosphäre einer Weltmeisterschaft zu genießen. Doch das Interesse der schwedischen Zeitungen konzentrierte sich auf die Minderzahl derer, die lautstark, betrunken und grölend einfielen.

Hier der Weltmeister aus Deutschland, der sich besser schlug als erwartet und damit die Fans – damals Schlachtenbummler genannt – zu noch mehr Überschwang stimulierte. Dort die schwedischen Gastgeber, die sich von den arroganten Deutschen belästigt fühlten und den Erfolgsweg des eigenen Teams umso mehr unterstützten. Die Atmosphäre war vergiftet, als das Halbfinale Schweden und Deutschland am 24. Juni 1958 im Ullevi-Stadion von Göteborg zusammenführte. Auf der Laufbahn standen bezahlte Einpeitscher mit Fahne und Megafon, die schon Stunden vor dem Spiel die „Heja-Heja“-Sprechchöre dirigierten.

Die deutsche Mannschaft kämpfte und spielte bravourös; war aber am Ende dezimiert und der Cleverness der schwedischen Italo-Profis um Kurre Hamrin nicht gewachsen. Der große Fritz Walter, der mit 38 Jahren noch einmal seine ganze Klasse zeigte, wurde von Parling brutal gefoult und schied aus; Erich Juskowiak ließ sich von Hamrin zu einem Revanchefoul verleiten und flog vom Platz. Mit diesen Umständen einer ehrenvollen Niederlage wollten sich Teile der Öffentlichkeit und leider auch manch veröffentlichte Meinung nicht abfinden – der Chauvinismus brach sich Bahn, wie eingangs beschrieben; übrigens auch in Schweden.

Die deutschen Spieler und ihr Trainer Sepp Herberger fielen nicht aus der Rolle – wohl aber DFB-Präsident Dr. Peco Bauwens. Schon 1954 nach dem Triumph von Bern hatte der ehemalige Schiedsrichter mit seiner Lobrede auf das Führerprinzip für Kopfschütteln gesorgt, diesmal tobte er: „Was hier passiert ist, grenzt an Volksverhetzung. Nie mehr werden wir dieses Land betreten, nie mehr werden wir gegen Schweden spielen!“

Fußballgeschichte schrieben die Brasilianer, die die Schweden beim 5:2 im Finale mit tänzerischer Leichtigkeit lächerlich machten. Die Mannschaft um Garrincha, der Hexenmeister am rechten Flügel, und der 17-jährige Pelé eröffneten dem Fußball eine neue Dimension.

Die 6. WM: 8. bis 29. Juni 1958 in Schweden

Weltmeister: Brasilien (5:2 gegen Schweden)
Im Halbfinale gescheitert: Deutschland (1:3 gegen Schweden), Frankreich (2:5 gegen Brasilien).
Platz 3: Frankreich (6:3 gegen Deutschland)
Zuschauer: 868000 (Schnitt: 24800)
Finalstadion: Rasunda-Stadion, Göteborg, 49737
Tore: 126 in 35 Spielen (Schnitt: 3,6)
Torkönig: Just Fontaine (Frankreich), 13 Tore
Erstmals dabei: Wales, Sowjetunion, Nordirland
Höchster Sieg: Tschechoslowakei - Argentinien 6:1
Nicht qualifiziert (u.a.): DDR, Niederlande, Italien, Uruguay, Chile, Portugal
Torrekord: Bis heute schoss niemand mehr Tore bei einem WM-Turnier. Der Franzose Just Fontaine, ein gebürtiger Marokkaner aus Reims, traf 13-mal.
Argentinien entzaubert: Als haushoher Favorit reiste das Team an und wurde schon im Auftaktspiel von der deutschen Elf 3:1 besiegt.
Wenig Zuschauer: Die WM fand in 12 Stadien statt, kleine Städte wie Halmstad, Boras oder Örebro waren Schauplatz. Das Konzept ging nicht auf, 15 Spiele hatten weniger als 10000 Zuschauer.

Quelle: Fußball-WM-Enzyklopädie, von Hardy Grüne (Agon-Verlag)

Was 1958 sonst noch geschah

1. Januar: Die „Römischen Verträge“ über die Bildung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (EURATOM) treten in Kraft.
2. Januar: In Flensburg wird eine zentrale Kartei für Verkehrssünder eingerichtet.
17. April: In Brüssel eröffnet der belgische König Baudouin die erste Weltausstellung seit Ende des Zweiten Weltkrieges.
29. Juli: In Washington wird die nationale Luft- und Raumfahrtbehörde der USA, die NASA, gegründet.
5. September: Der Roman „Doktor Schiwago“ des sowjetischen Schriftstellers Boris Pasternak tritt seinen weltweiten Siegeszug an.
1. Oktober: Elvis Presley trifft in Bremerhaven ein, um seinen Wehrdienst in Deutschland abzuleisten.
21. Dezember: In Frankreich wird der Ministerpräsident Charles de Gaulle zum Staatspräsidenten gewählt.


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