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Seit 14 Jahren Streit am Knappsbrink Kinderladen: Der Störenfried von nebenan

Von Michael Schiffbänker


Osnabrück. Für die einen ist es „die Hölle“. Die anderen sagen, dass sie nicht mehr können. Aber trotzdem streiten die Betreiber eines Kinderladens und dessen Nachbarn immer weiter. Seit nunmehr 14 Jahren.

Morgens um halb zehn ist die Kampfzone ein Idyll aus gestutzten Hecken und kleinen Rasenflächen vor Häusern mit hellen Fassaden. Ein Besen schabt mit harten Borsten über Betonplatten, irgendwo hinter der Garage mit dem Schild „Wachsamer Nachbar“. Die Luft ist klar und kalt. Die A 30 ist hier am Knappsbrink ein fernes Rauschen. Irgendwo meckert ein Vogel, der nicht in den Süden gezogen ist, wo es warm ist.

Zum Kinderladen geht es über Steinplatten und Treppen hinauf. Vor der Eingangstür hängen Hosen und Jacken in Orange und Pink und Gelb und Blau. Alle sind dick gepolstert, und wenn die Kinder darin stecken, sehen sie ein bisschen aus wie Astronauten auf dem Weg nach Woodstock.

Torsten Schettulat leitet den Kinderladen seit fast drei Jahren. Mit der Leitung hat er auch einen Nachbarschaftsstreit übernommen. „Unvorstellbaren Vorwürfen“ sehe er sich ausgesetzt, sagt Schettulat. Zu laut seien die 17 Kinder, beschwerten sich Anwohner. Der Kindergarten halte sich nicht an die Ruhezeiten. Eine Schallschutzmauer müsse her, der Eingang auf die andere Seite des Hauses. Man sei nicht gesprächsbereit, und immer wieder werde die Aufsichtspflicht verletzt. Im Sommer 2008 haben die Nachbarn einen Anwalt eingeschaltet.

Seit 1996 schwelt der Streit, seit der Kinderladen von der Limberger Straße an den Knappsbrink zog. Kinder, Eltern und Erzieher wechselten im Laufe der Jahre, die Belastung des täglichen Kampfs blieb. „Wir können nicht mehr“, sagt Schettulat. „Irgendwann bleibt man auf der Strecke.“ Eltern, Erzieher – und die Kinder.

Feiert der Kindergarten ein Sommerfest, spielt eine Band auf dem Flohmarkt oder treffen sich Eltern abends zu Sitzungen, kann es sein, dass plötzlich die Polizei vor der Tür steht. „Zu laut! Ruhestörung!“ lauten die Vorwürfe. Doch bislang hätten die Beamten nichts zu beanstanden gehabt, sagt Elternvertreterin Jördis Bunse. Beschwerdebriefe folgten. Einige Nachbarn haben unterschrieben. Dazu komme der tägliche Terror: Rufe, Pfiffe, Drohungen über den Zaun hinweg. „Ruhe! Wir holen die Polizei!“ Den Eingang des Kindergartens haben die Eltern mit Bastmatten abgeschirmt. Die Nachbarn hatten gegenüber eine Kamera angebracht. Eine Mutter berichtet, dass die Nachbarn auf ihrem Kaminsims die Spielsachen horten, die auf ihrem Grundstück landen – eine Trophäengalerie von Wurfgeschossen. Manchmal klingelt abends im Kinderladen das Telefon, und wenn niemand abhebt, zetert die Nachbarin auf den Anrufbeantworter, dass besoffene Eltern grölend durch die Straße zögen, dass anständige Kinderfeste anders aussähen und dass das alles ein Jammer für die Kleinen sei. „Die Kinder haben Angst vor den Heidemanns“, sagt Bunse.

Die Heidemanns von nebenan, das ist das Ehepaar Margret und Theodor. Ihr Grundstück liegt in einer kleinen Senke zwischen Kindergarten und Bahngleis. Seit 1971 leben sie dort in einem Haus, von dessen Bau Theodor Heidemann sagt, er habe jeden Stein selbst in der Hand gehabt. Damals, als er noch jung war und für den Baudienst der Bahn arbeitete. Als er noch keine Herzoperationen hinter sich hatte. Im Wohnzimmer der Heidemanns stehen cremefarbene Sessel und Sofas auf weichen Teppichen, im Kamin knackt Holz, die Wanduhr tickt. Auf dem Kaminsims stehen zwei rote Kerzen in vergoldeten Haltern, daneben Thermometer, Uhr und ein kleiner brauner Elefant aus poliertem Holz. Wurfgeschosse stehen dort nicht. Darüber hängt eine Platte aus geschwärztem Metall an der Wand, darauf ein springendes Ross mit ungebändigter Mähne und ein lateinischer Spruch: Nec aspera terrent – nicht einmal das Raue fürchten sie.

Bevor sie etwas sage, möchte sie klarstellen, dass ihr Anwalt alle Zitate vor der Veröffentlichung überprüfen müsse, sagt Margret Heidemann. Man bekomme doch so schnell etwas in den falschen Hals. Dann spricht ihr Mann. Vorab wolle er sagen, dass er nicht gegen die Kinder rede. „Ich pfeife nur, damit die wissen, dass ich meine Ruhe brauche.“ Eine Ausnahme habe es gegeben. Vor Jahren. Damals, als die Kinder mit ihren Bobbycars an der Grundstücksgrenze entlangratterten seien. „Stundenlang“, sagt Heidemann. Tagein, tagaus. Dieses Rollern und dieses Jauchzen! Irgendwann sei er rübergelaufen und habe gewütet, dass er die Dinger kaputt schlage, wenn das nicht aufhöre. „Das hätte ich natürlich nie getan“, sagt er. Die Bobbycars bekamen Flüsterreifen, später landeten sie im Keller.

Aber das Problem seien nicht die Kinder. Es seien die Eltern. Die parkten die Einfahrt zu, pöbelten, feierten Familienfeste und Elternzusammenkünfte bis in die Nacht. Alkoholisiert würden sie oft spät das Haus verlassen. Geräuschlos laufe das nie ab. „Wir haben schon nächtelang wach gelegen“, sagt Theodor Heidemann. Auch aus Angst. Gerade im Sommer. Da würden die Eltern nämlich immer wieder Grillabende veranstalten und Lagerfeuer entzünden. Nachts blieben die glimmenden Scheite einfach liegen. Heidemann steht immer wieder aus seinem Sessel auf, wenn er „von denen da oben“ spricht und deutet mit seinen kräftigen Fingern aus dem Terrassenfenster, direkt auf den Eingang des Kinderladens. Jahrelang seien sie nicht in den Urlaub gefahren aus Angst. Und dann die Vorwürfe, man bedrohe und filme die Kinder. „Das ist Kindergarten! Lächerlich“, sagt Heidemann und zeigt Macken an der Terrassentür. Einbrecher hatten sich versucht – daher die Kamera.

Vor ihm auf dem Tisch ruht eine Kugel aus glänzendem Metall. Sie liegt schwer in der Hand. „Die hat mich nur knapp verfehlt“, sagt Heidemann. Silvester kamen die Böller. „Wir haben hier schon die Hölle erlebt.“ Seit vierzehn Jahren währt ihr Kampf. Ein Ende sehen sie nicht. „Die versprechen alles und halten nichts“, sagt Heidemann. Er ist 73 Jahre alt, seine Frau 78. „Für uns geht es um jede Stunde. Wir haben nicht mehr lange zu leben.“

Die Fronten sind verhärtet. Miteinander sprechen die Nachbarn nur über Anwälte. Eine ehemalige Mieterin, die in der Etage über dem Kinderladen wohnte, zog 2008 nach zehn Jahren aus. Zu viel Lärm, kaum Kompromisse, das waren ihre Argumente. „Wenn es nur ein Kindergarten gewesen wäre, wäre es anders gelaufen. Aber die Eltern nutzen das als Schrebergarten und Vereinsheim“, sagt die Frau. Feste Zeiten habe es nie gegeben. Sie hätte sich verlässliche Absprachen gewünscht, „denn eigentlich ist die Lösung ganz einfach: Aufeinander zugehen, Entschuldigungen von beiden Seiten, feste Regeln und die einhalten.“

Schon einmal gab es einen ähnlichen Fall in Osnabrück. Bevor der Kindergarten der Matthäuskirchengemeinde 1991 gebaut wurde, liefen die Anwohner Sturm. Nach einem Jahr des Streits einigten sich die Parteien auf einen Schallschutz und feste Ruhezeiten. Seitdem herrscht Friede – für die Anwohner und den Kindergarten.