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Vom Pflegefall zum Ironman Oliver Brendel zu Gast in Osnabrück: Ich habe vor nichts mehr Angst

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Osnabrück. Vom Ironman zum Pflegefall und zurück – das ist die Geschichte von Oliver Brendel. Der Fernsehmacher, der 2007 durch eine Autoimmunkrankheit innerhalb weniger Tage nahezu komplett gelähmt war, hat seinen Weg zurück ins Leben und in den Leistungssport jetzt im Medienzentrum der Neuen OZ vorgestellt.

„Ich bin dann mal gelähmt“ – der Titel des Hörbuches, in dem Oliver Brendel seine Erkrankung, aber auch seine Genesung schildert, erinnert unweigerlich an das Buch eines anderen deutschen Fernsehschaffenden. Doch während Hape Kerkelings Pilgererfahrung „Ich bin dann mal weg“ eine bewusst gewählte Auszeit beschreibt, war Oliver Brendel unfreiwillig ein Jahr weg vom Fenster. In Anbetracht der Schwere seiner Erkrankung erscheint der Buchtitel umso flapsiger. Es sei halt „ein extrem positives Buch“, erklärte der Autor hierzu. Dem ungläubigen Blick von Neue-OZ-Redakteur Stefan Alberti, der den Abend moderierte, begegnete Brendel lächelnd: „Aus einer schrecklichen Zeit ist Wunderbares entstanden – ich habe vor nichts mehr Angst.“

Guillain-Barré-Syndrom, kurz GBS, ist der Name der Krankheit, die den leidenschaftlichen Extremsportler im Frühjahr 2007 aus seinem gewohnten Leben riss. Brendel erinnert sich noch genau daran, wie er eines Samstagabends – tagsüber hatte er noch vier Stunden für den bevorstehenden Ironman-Wettkampf im österreichischen Klagenfurt trainiert – plötzlich ein Taubheitsgefühl in beiden Händen und Füßen wahrnahm. Als er am nächsten Morgen nicht mehr die Kraft hatte, seinen damals dreijährigen Sohn Jonas hochzuheben, klingelten bei Brendel die Alarmglocken. Noch am selben Tag ging es ins Münchner Uniklinikum Großhadern. Eine Lumbalpunktion brachte die Diagnose: GBS.

Diese Krankheit, vor der sich niemand schützen könne, befalle hierzulande jährlich etwa 1500 Menschen, berichtete Dr. Christian Kosubek, Neurologe im Medizinischen Versorgungszentrum am Franziskus-Hospital Harderberg, dem Publikum im Medienzentrum. Der typische Verlauf beginne mit Schmerzen und aufsteigenden Lähmungen. Die Krankheitsdauer liege bei etwa 40 Tagen. Bei den meisten Patienten habe ein etwa bis zu drei Wochen zurückliegender Infekt die Autoimmunreaktion ausgelöst, bei der sich die Nervenzellen des Rückenmarks entzündeten, was wiederum die Lähmungen bewirke, so der Mediziner. Auch bei Brendel war es so; er habe eine Woche vorher einen Magen-Darm-Infekt gehabt, erinnerte er sich.

Im Buch schildert Brendel den genauen Verlauf – die von furchtbaren Schmerzen begleiteten Tage im Krankenhaus, als er kaum sprechen, geschweige denn sich bewegen konnte. Dazu die Angst. Denn zu beobachten, wie die Lähmungen immer weiter zunahmen, und zu wissen, dass GBS gar zu Herzflimmern und Atemstillstand führen kann, löste auch bei dem sonst so zuversichtlichen jungen Mann Panikgefühle aus. Glücklicherweise war bei ihm jedoch schon nach zehn Tagen das Schlimmste vorbei, er konnte mit der Rehabilitation in Bad Aibling beginnen. „Hier musste ich mit 36 Jahren wieder das Laufen lernen“, sagte Brendel im Nachhinein schmunzelnd.

Dennoch: Brendels schnelle Genesung muss für die Ärzte wohl eine mittlere medizinische Sensation gewesen sein, schließlich regenerierten sich Nervenzellen mit einer Geschwindigkeit von nur einem Millimeter pro Tag, wie Kosubek erläuterte. Immunglobuline und starke Schmerzmittel seien die angezeigte Medikation beim akuten GBS, das immerhin bei fünf bis 15 Prozent der Erkrankten zu bleibenden Behinderungen führe.

Die Tatsache, dass er nach nur sechs Wochen die Reha erfolgreich beenden konnte, lässt heute noch den sportlichen Stolz in Brendels Augen aufblitzen. Und dieser Sportsgeist hat ihn auch weiter angetrieben. Sein Impuls: „GBS hatte mir 2007 den Ironman genommen. 2008 wollte ich teilnehmen – und zwar mit einer Zeit unter zwölf Stunden.“ Sobald wie möglich nahm Brendel sein Training wieder auf. Eine eingespielte Fernsehdokumentation zeigte dies, vor allem aber den Wettkampf in Klagenfurt, den Brendel in elf Stunden und 25 Minuten bestritt. Applaus nicht nur am Wörthersee, sondern auch vom Publikum am Breiten Gang in Osnabrück, für dessen Fragen Brendel und Kosubek anschließend zur Verfügung standen. Zuallererst: Warum tut man sich so einen Sport an? „Wissen Sie, den Ironman kann jeder schaffen, wenn er es wirklich will. Es ist nämlich eine reine Willens- und Trainingssache. Wenn man es geschafft hat, zehrt man davon ein Leben lang.“ Mit der Geschichte seiner Genesung wolle er anderen Patienten das Beispiel eines positiven Krankheitsverlaufs als Mutmacher an die Hand geben. Zum Schluss wurde der selbstbewusste Sportsmann fast ein wenig demütig: „Klar, der Ironman ist toll, aber er ist nichts gegenüber der Leistung derer, die mit den Folgen der Krankheit leben müssen.“


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