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Drei Jahre nach der Insolvenz Was aus den Karmännern geworden ist


Osnabrück. Als am 8. April 2009 der Automobilbauer Karmann in die Insolvenz ging, brach für viele Beschäftigte eine Welt zusammen. Zum offiziellen Start der Porsche-Produktion haben wir mit ehemaligen Karmännern gesprochen. Sie sagen, wie es war und was aus ihnen geworden ist.

Von einem, der sich selbstständig machte.

Jörg Dilge begann als 16-Jähriger 1982 eine Ausbildung zum Kfz-Polsterer, bekam das Studium zum Textilingenieur von Karmann finanziert, arbeitete für die technische Entwicklung, ging zu Recaro nach Bremen und wurde von Ludger Teeken, der damals Leiter der technischen Planung war, zurück nach Osnabrück geholt. Teeken ist heute Leiter der Technik-Abteilung von VW-Osnabrück, Jörg Dilge Chef des Cabrio-Zentrums in der Teufelsheide.

An die Kündigung kann er sich gut erinnern. Die E-Mail kam morgens um 9 Uhr an einem Tag im Sommer 2009. „Kurz, nachdem Michael Jackson gestorben war“, sagt Dilge. Er stand auf der Liste derer, die gehen mussten. Dilge haderte nicht und gründete das Cabrio-Zentrum.

Mittlerweile arbeiten acht ehemalige Karmänner für ihn. Einer von ihnen ist Norbert Felgenhauer, nach 42 Jahren bei Karmann. Er musste mit dem letzten Schwung im Frühjahr 2010 gehen. Seit Mai 2012 ist der 62-Jährige bei Dilge – davor war er fast zwei Jahre arbeitslos. „Das Werkstor ging auf – und tschüss“, so sei das gewesen, sagt Felgenhauer. „Einfach Feierabend.“

Etwa vier Fünftel der Ex-Karmann-Mitarbeiter haben nach Angaben von Heidrun Moronga von der Bundesagentur für Arbeit einen neuen Job gefunden.

Von einer, die heute als Minijobberin arbeitet.

Zehn Jahre arbeitete sie in dem Unternehmen. „Ich bin eine von Karmann – damals war ich stolz darauf“, sagt die frühere Sekretärin, die ihren Namen nicht in der Zeitung sehen will. Die Flucht nach vorne habe sie nicht gewagt, sondern auf ein gutes Ende gehofft. Vergebens. Nach der Insolvenz gab es nichts mehr für sie zu tun. Dennoch plante ihr Chef mit ihr die Zeit bis Ende Januar 2010. Eine Woche später dann ein Brief: Sie ist freigestellt – sofort. „Das war ein Schlag in die Magengrube“, erzählt sie. Einen Tag später sollte sie ihre Sachen holen. Von ihrem Chef verabschiedete sie sich nicht mehr. „Ich halte ihm zugute, dass er selbst nicht mit der Situation umgehen konnte.“ Danach fiel sie in ein Loch, wie sie sagt. „Man hat nicht damit gerechnet, dass sie kein Interesse an der Firma mehr haben würden“, sagt sie. Mit „sie“ meint sie die ehemaligen Eigentümer – Karmann, Battenfeld und Boll. Heute arbeitet die Mittvierzigerin auf 400-Euro-Basis in einem kleinen Unternehmen.

Von einem, der sich noch einmal bewerben will.

Für Thorsten Rheis (56) begann nach Karmann eine Zeit der Übergänge: Transfergesellschaft, Hartz IV, Zeitarbeitsfirmen. Am Ende arbeitete er mit drei Karmann-Kollegen bei einer Logistikfirma. Knapp einen Monat war Rheis dort. Dann wurde ihm gekündigt. „Das Alter“, vermutet Rheis. Das hat ihn alles sehr mitgenommen, aber aufgeben will er nicht. Thorsten Rheis wird sich im Herbst noch mal bei Porsche und Audivision bewerben. „Ich will es noch mal wissen“, sagt er.

Von einem, der den Wiedereinstieg schaffte.

Wilfried Klaiber fing am 3. Oktober 1977 bei Karmann an. Sein Vater Arthur, der selbst bei Karmann im Karosseriebau arbeitete, holte ihn ins Unternehmen. Er stieg vom Maler und Lackierer zum Leiter der Nahtabdichtung und Lacknacharbeit auf, reiste für das Unternehmen nach Japan, in die USA und Europa. Acht Jahre war er Mitglied des Betriebsrates.

Klaiber erinnert sich an eines der Kamingespräche, bei dem Peter Harbig – letzter Sprecher der Geschäftsführung – verkündete, dass BMW die Zusage für den Bau des Mini gegeben habe. „Dann kam die Unterschrift doch nicht“, sagt der 53-Jährige. „Ich habe bis zum Schluss daran geglaubt, dass noch ein Auftrag reinkommt.“ Bis zuletzt habe er sich auf dem Gelände Arbeit gesucht, als es schon keine mehr in der Lackiererei gegeben habe. Das letzte Auto, das dort von der Rampe rollte, war ein silberner Mercedes CLK. „Das war ein Sterben auf Raten.“ Klaibers Augen werden wässrig.

Er überlässt die Kündigungen nicht seinen Meistern. Jedes Mal habe er in einer solchen Phase drei bis vier Kilogramm abgenommen, sagt Klaiber. „Der Frust war sehr hoch, die Leute haben schon auf die Wände geschmiert“, sagt Klaiber.

Vom Hof habe man auf die Empore im Hauptgebäude gucken können und die Mitarbeiter gesehen, die schon zur Geschäftsführung gerufen wurden. „Wieso war der da und ich nicht?“, diese Frage habe ihn fertiggemacht. Er rief bei der Personalabteilung an. Und erfuhr nichts Genaues.

Von der Insolvenz erzählte man Klaiber am Vorabend des 8. April in einer Sitzung des Betriebsrates. Bis zum 28. Februar 2010 lief sein Vertrag bei Karmann. Eine Woche vor Ablauf erhielt er die Nachricht, dass es für ihn weitergehe. Am 1. März unterschrieb er bei VW.

In seinem Büro gegenüber von Tor 2 steht ein Spind aus Karmann-Zeiten, darauf ein lindgrüner Ventilator. Beides hat er bei Aufräumarbeiten auf dem Gelände gefunden. Klaiber ist ein Nostalgiker und hofft, die Sachen mitnehmen zu können, wenn er in Rente geht. Von der neuen Arbeit zeugt ein schwarzer Kotflügel aus Carbon, der an der Wand lehnt. Klaiber arbeitet als Betriebsingenieur für den Bereich Prototypen und Sonderfahrzeuge. Auch sein Sohn Andreas wurde von VW übernommen. „Der stand auf der Liste –ohne meine Hilfe“, sagt Klaiber.

Von einer, die bei Volkswagen aufstieg.

Elke Hermeling sitzt in einem Besprechungsraum im zweiten Stock des Haupthauses am Tor 1. „Als ich bei Karmann angefangen habe, war das ein blühendes Unternehmen“, sagt sie. Am 1. April 1976 fing die damals 20-Jährige als Abteilungssekretärin des Werkzeugbaus an. „Ich bin ein realistischer Mensch und saß immer an Stellen, wo man Interna aufschnappt.“

Auch wenn es in der Autobranche immer Berg-und-Tal-Fahrten gegeben habe, es sei irgendwann klar gewesen, wo die Reise hingehe. Erst der Verkauf der Beschichtungstochter Heywinkel im Jahr 2007, dann das Abstoßen des Werkes in Brasilien 2008. „Gefühlt hat es zehn neue Sozialpläne gegeben, und gute Mitarbeiter wurden entlassen“, sagt sie. Als sie sah, wie am Tag der Insolvenz die Geschäftsführer über die Straße liefen, habe sie gewusst: „Es ist so weit.“ Diese Endgültigkeit sei schon heftig gewesen.

Elke Hermeling wurde bei VW Chefsekretärin der Geschäftsführung Technik. „Ich war stolz, als ich gefragt wurde, da die Positionen schon sehr rar waren“, erzählt sie. Viele Dinge von damals habe sie aber verdrängt. Sie gehört auch zu den mehr als 7000 Karmann-Gläubigern und wartet auf einen fünfstelligen Betrag. Mit vielen von ihnen hat sie noch Kontakt. „Die Karmänner, das ist ein feststehender Begriff“, sagt Hermeling und fügt an: „Und das wird noch lange so bleiben.“


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