Umstrittener Vortrag mit Egon Flaig Netzwerk Wissenschaftsfreiheit unterstellt Osnabrücker Uni-Asta „Verleumdungskampagne“

Ist auch an der Universität Osnabrück die freie Meinung bedroht? Davon geht das bundesweite Netzwerk Wissenschaftsfreiheit aus.Ist auch an der Universität Osnabrück die freie Meinung bedroht? Davon geht das bundesweite Netzwerk Wissenschaftsfreiheit aus.
Michael Gründel

Osnabrück. Ist die Wissenschaftsfreiheit an deutschen Universitäten und Hochschulen bedroht? Davon geht das kürzlich gegründete bundesweite „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ aus, das sich nun auch in die Debatte um den umstrittenen Vortrag des Historikers Egon Flaig an der Uni Osnabrück eingeschaltet und Vorwürfe gegen den Uni-Asta sowie die Fachschaft Geschichte erhoben hat.

In einer Stellungnahme, die von etwa 125 Mitgliedern des Netzwerkes unterzeichnet wurde, begrüßt dieses ausdrücklich die Entscheidung der Osnabrücker Uni-Leitung, trotz eines nicht unerheblichen Gegenwinds daran festzuhalten, dass Flaigs Vortrag stattfinden konnte.

Vortrag an Universität im Vorfeld intensiv diskutiert

Der auf Einladung des Lehrstuhls für Alte Geschichte offenbar ohne nennenswerte Zwischenfälle über die Bühne gegangene Termin, bei dem Flaig zu einem eher theoretischen, fachlichen Thema gesprochen hat, war im Vorfeld heiß diskutiert worden. Insbesondere die Studierendenvertretung empfand die Einladung des emeritierten Rostocker Professors als nicht akzeptabel, da Flaig eine politische Einstellung vertrete, die ihn in die Nähe der AfD rücke, von deren Bundestagsfraktion er auch schon als Sachverständiger benannt worden war. Der Asta machte in einer langen Stellungnahme seine Position klar. Demnach ist es aus Sicht der Studierenden "unverantwortlich, Rechtsintellektuellen wie Egon Flaig im Wissenschaftsbetrieb eine Bühne zu bieten“. Uniintern wurde auch vonseiten der Fachschaft deutliche Kritik an der Einladung des Althistorikers geäußert.

Trotz dieser Interventionen hielt die Geschichtsprofessorin Christiane Kunst als Veranstalterin an dem Vortrag fest und bekam dafür Unterstützung von Uni-Präsidentin Susanne Menzel-Riedl, die auf Nachfrage unserer Redaktion deutlich machte: "Als Universität fühlen wir uns der Wissenschaftsfreiheit verpflichtet. Wo sollten kritische Diskurse geführt werden, wenn nicht an einer Universität? Ein Diskurs verschwindet schließlich nicht, wenn man ihn verbietet."

"Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit"

Während das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit diese Entscheidung Menzel-Riedls ausdrücklich begrüßt, geht es mit dem Uni-Asta hart ins Gericht. Dessen gegen Flaigs Auftritt gerichtete Aktivitäten werden als "Verleumdungskampagne" bezeichnet, „initiiert vom Asta der Universität Osnabrück, mitgetragen von der Fachschaft Geschichte“. Dies gehe deutlich über "Kritik, die Wissenschaftler auszuhalten haben", hinaus. 

Die Wissenschaftler, die die Stellungnahme unterzeichnet haben, wenden sich entschieden "gegen diesen Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit" und sprechen von "aktivem Canceln". Wörtlich heißt es in dem Schreiben: „Gemeinsam mit dem Inhaber des Lehrstuhls für Neueste Geschichte und Historische Migrationsforschung, Professor Christoph Rass, wollten Asta und Fachschaft verhindern, dass Professor Flaig [...] einen fachwissenschaftlichen Vortrag hält.“

Das englische Verb „canceln“ bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie „absagen, annullieren“. In der zunehmend hitzigen Diskussion um politische Korrektheit wird es aber vor allem im Sinne von „zensieren“ verwendet: Angeblich werden Personen, die eine missliebige Meinung vertreten haben, gezielt mundtot gemacht, indem man sie zu unerwünschten Personen erklärt und fortan aus dem politischen oder wissenschaftlichen Diskurs ausschließt. Dem wird regelmäßig entgegengehalten, dass gerade die vermeintlich „gecancelten“ Personen eine höhere Aufmerksamkeit genießen als zuvor, beispielsweise durch die Einladung in Talkshows.

Das Netzwerk, das im Februar dieses Jahres erstmals öffentlich auftrat, besteht laut Onlineauftritt mittlerweile aus 451 Mitgliedern (Stand: 26. April 2021) unterschiedlicher akademischer Disziplinen. Zu den Mitgliedern gehören der medial stark präsente Militärhistoriker Sören Neitzel, aber auch der Freiburger Historiker Ronald Asch, der selbst vor einigen Jahren noch als Professor für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Osnabrück tätig war. 

In der Pressemitteilung zur Gründung beschrieb das Netzwerk die Sorge "einer zunehmenden Verengung von Fragestellungen, Themen und Argumenten in der akademischen Forschung". Vielerorts sei an den Universitäten ein Klima entstanden, "in dem abweichende Positionen und Meinungen an den Rand gedrängt und moralisch sanktioniert werden". Hauptziel des Zusammenschlusses sei es, "die Voraussetzungen freiheitlicher Forschung und Lehre an den Hochschulen zu verteidigen und zu stärken".

Um die Frage, ob die Wissenschafts- und Meinungsfreiheit in Deutschland zunehmend eingeengt wird, dreht sich auch das nächste „Osnabrücker Friedensgespräch“: Am Donnerstag, 6. Mai, 19 Uhr, diskutieren die Expertin für Integration und Frauenpolitik Naïla Chikhi, der Rechtswissenschaftler Professor Oliver Lepsius und der Politikwissenschaftler Professor Herfried Münkler über das Thema „Die Freiheit anders Denkender“. Die Veranstaltung kann als Livestream im Internet unter www.ofg.uni-osnabrueck.de/live verfolgt werden.


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