Ornithologe: Dramatische Veränderung Den Brutvögeln in Osnabrück geht es nicht gut: Einige Arten sind bereits verschwunden

Die Brutvögel im Blick hat der Osnabrücker Ornithologe Dr. Gerhard Kooiker. Sein Brutvogelatlas von 2005 ist allerdings mittlerweile veraltet, da sich die Bestände in nur wenigen Jahren stark verändert haben.Die Brutvögel im Blick hat der Osnabrücker Ornithologe Dr. Gerhard Kooiker. Sein Brutvogelatlas von 2005 ist allerdings mittlerweile veraltet, da sich die Bestände in nur wenigen Jahren stark verändert haben.
Carolin Hlawatsch

Osnabrück. Die Vogelwelt in Osnabrück verändert sich rasch und dramatisch. Das sagt der Ornithologe Gerhard Kooiker, der die Brutvogelbestände in der Stadt seit vielen Jahren im Blick hat und 2005 den „Brutvogelatlas Stadt Osnabrück“ verfasst hat. Das gerade einmal gut 15 Jahre alte Werk ist bereits stark veraltet.

Viele Arten, wie zum Beispiel Rebhuhn, Kuckuck, Gelbspötter, Waldlaubsänger oder Girlitz, seien als Brutvögel komplett aus Osnabrück verschwunden, stellt Kooiker fest. Andere Arten hingegen seien neu hinzugekommen, oder hätten sich insgesamt vermehrt, darunter Weißstorch, Wanderfalke oder Graureiher.

Die Gründe für diese Veränderungen sind vielfältig und von Vogelart zu Vogelart zu unterschiedlich, hängen nach Kooikers Überzeugung aber letztlich alle mit dem Klimawandel und menschengemachten Umweltveränderungen zusammen.

Bernhard Volmer
Der Kuckuck ist 2010 in Osnabrück als Brutvogel ausgestorben. 2007 brütete er noch im Gretescher Feuchtbiotop. Ihm fehlt es an Nahrung, den benötigten Großinsekten, und auch seine Wirtsvögeln (Sumpf- und Teichrohrsänger), in deren Nester er seine Eier legt, verzeichnen einen Rückgang.

Im Gespräch mit unserer Redaktion gibt Kooiker erst einmal einen Überblick: Rund 250 Vogelarten sind ihm zufolge von 1900 bis heute in Osnabrück gesichtet worden, darunter 150 „Durchzügler“, auch Gastvögel genannt, sowie 100 Arten, die Osnabrück tatsächlich zu ihrem Brutrevier auserkoren haben. 

Von 2000 bis 2003 sammelte der promovierte Ökologe zusammen mit zwei weiteren Fachleuten Daten über Vorkommen, Anzahl und Verbreitung der Brutvögel. Dafür kartierte er das Stadtgebiet und zog in der Zeit von Mitte März bis Ende Juni täglich kurz nach Sonnenaufgang los, um in den einzelnen Gebieten zu beobachten und dem Gezwitscher zu lauschen. Es entstand der von der Stadt Osnabrück in der Reihe „Umweltberichte“ herausgegebene Brutvogelatlas. 

„In den letzten 20 Jahren aber hat sich so viel verändert, dass der Brutvogelatlas hinsichtlich vieler Arten angepasst werden muss“, betont der Vogel-Experte. Dazu wird es allerdings voraussichtlich nicht kommen. „Für eine Aktualisierung, die wir zwar ebenso wie der Autor wichtig finden, sind sicherlich erneut zwei Jahre feldornitholgische Arbeit nötig. Dafür können wir derzeit leider weder personelle noch finanzielle Mittel zur Verfügung stellen“, bedauert Wiebke Holste, Fachdienstleiterin Naturschutz und Landschaftsplanung bei der Stadt Osnabrück.

Carolin Hlawatsch
99 Arten sind im Brutvogelatlas der Stadt Osnabrück beschrieben. Eine dazugehörige Grafik zeigt an, wo und in welcher Anzahl der jeweilige Vogel im Stadtgebiet vorkommt.

Gerhard Kooiker blättert durch seinen leider bereits veralteten Brutvogelatlas und hält beim Kiebitz inne: „72 bis 87 Brutpaare sind im Buch verzeichnet. Heute gibt es in Osnabrück höchstens noch 6“. Konnte man die Ackerbrüter mit dem lustigen Schopf auf dem Kopf 2001 noch auf den Feldern zwischen dem Rubbenbruchsee und dem Flugplatz Atterheide, an Sutthauser Straße, Feldstraße und Knollstraße sowie in der Feldmark zwischen Hellern und Hasbergen beobachten, kommen sie heute nur noch vereinzelt im Gretescher Feuchtbiotop und In der Strothe in Eversburg vor. Intensive Landwirtschaft und Flächenverbauung machen diesem Vogel sehr zu schaffen, von dem angenommen wird, dass er in Osnabrück bald ausstirbt. Sein Verschwinden bestätigt den mitteleuropäischen Trend eines seit Jahrzehnten starken Rückgangs des Kiebitzes, der Experten zufolge auf einen Schwund an Feuchtwiesen und Ödlandflächen zurückzuführen ist.

Bernhard Volmer
Der Kiebitz wird laut Einschätzung des Vogel-Experten Kooiker in ein paar Jahren in Osnabrück nicht mehr brüten. Ihm fehlt es an geeigneten Boden-Brutplätzen in geschonten Feuchtwiesen.

Der Steinkauz hingegen gehört laut Kooiker in Osnabrück zu den wenigen „Gewinnerarten“: Aus den damals 4 gezählten Brutpaaren sind heute 20 bis 25 geworden. Dieser Erfolg sei vor allem den Schutzbemühungen des Steinkauz-Experten Friedhelm Scheel aus Westerkappeln zuzuschreiben, der zusammen mit seiner AG Naturschutz-Jugend zahlreiche Niströhren an geeigneten Standorten anbringt und stetig kontrolliert. „Unsere kleinste heimische Eulenart fühlt sich dort am wohlsten, wo es ein bisschen so aussieht wie bei Hempels unterm Sofa, also in unaufgeräumter Natur- und Kulturlandschaft“, erklärt Kooiker. Friedhelm Scheel bezeichnet den Steinkauz augenzwinkernd als „Fußsoldat unter den Eulen“. Steinkauze benötigten durch Vieh abgeäste Gras- und Krautflächen, um Nahrung am Boden zu erbeuten. An großen Maiskulturen sei der Steinkauz nicht anzutreffen. Brutplätze und Jagdwarte finde er auf Bäumen der selten gewordenen offenen Streuobstwiesen oder auch auf knorrigen Kopfweiden.

Von 99 Brutvogelarten, die Kooiker Anfang der 2000er-Jahre bestätigte, sind heute 10 Arten komplett als Brutvogel aus Osnabrück verschwunden, 9 Arten haben sich neu angesiedelt, 39 haben im Bestand abgenommen, 12 zugenommen. Zu den „Verlierer“ zählen neben dem Kiebitz unter anderem die Rauchschwalbe und die Nachtigall. Als „Gewinner“ könnte man neben dem Steinkauz auch den Uhu und den Weißstorch aufführen. 

Bernhard Volmer
Der Uhu konnte sich in den vergangenen Jahren etwas erholen. Die Zahl der Brutpaare in Osnabrück ist von 2 (2002) auf 4 bis 5 (2021) gestiegen. Zuvor war er in der Region nahezu ausgestorben. Nach Wiederansiedlung konnten 1985 erste Erfolge im Steinbruch am Piesberg festgestellt werden. In jüngster Vergangenheit brütete der Uhu auch am Osnabrücker Dom und im Turm der Katharinenkirche.

Was sind die Gründe für das Verschwinden der Brutvögel?

„Viele Vogelarten, insbesondere Bodenbrüter, leiden darunter, dass es kaum mehr Feuchtwiesen gibt, stattdessen intensiv genutzte Landwirtschaftsflächen“, sagt Kooiker. Wenig gemähte oder schonend beweidete Feuchtwiesen mit ihrem Pflanzen- und Insektenreichtum bieten vielen Arten Nahrungs- und Brutraum. In Osnabrück fehlen sie, in der näheren Umgebung findet man sie noch am Dümmer. 

Weiteren Leidensdruck übt der starke Insektenmangel aus, der dem Experten zufolge unter anderem durch den Einsatz von Insektiziden und dem Anlegen von landwirtschaftlichen Monokulturen entstanden ist. Das wirkt sich vor allem auf Brutvogelarten wie Gartenrotschwanz oder Trauerschnepper aus, die reine Insektenfresser sind. Zudem fehlt es heute an offenen Scheunen, Nischen, Misthaufen, die für viele Arten Unterschlupf sind und Nahrung bieten. Und dann sei da noch die Sache mit den Zugvögeln: „Sie sind doppelt schlecht dran, denn nicht nur bei uns, sondern auch in ihren Überwinterungsgebieten verändert der Mensch die Natur zum negativen“, beklagt Kooiker. So würden beispielweise in vielen Überwinterungsquartieren Westafrikas Sümpfe und Flussdeltas für den Reisanbau trockengelegt. In anderen Gebieten wie der Sinai-Halbinsel würden Zugvögel sogar intensiv bejagt. 

Joachim Schmitz
Außergewöhnlicher Brutplatz: In einer Dog-Station am Rubbenbruchsee brütet entweder die Blau- oder die Kohlmeise. Als Höhlenbrüter nutzt diese Vogelart auch schonmal Lampenmasten, Eisenrohre, Briefkästen und Mauerlöcher als Brutstandort.

Und warum konnten sich einige Brutvogelarten trotz allgemeiner Verschlechterung der Umweltbedingungen positiv entwickeln? Einige Vögel, die früher in Niedersachsen bejagt wurden, werden inzwischen ganzjährig geschont, so zum Beispiel der Kolkrabe. Andere, wie Steinkauz und Weißstorch, werden im Rahmen von Projekten aktiv geschützt. Die Zahl der Wasservögel habe insgesamt zugenommen, da im Laufe der Jahre mehrere neue Gewässer in Osnabrück entstanden sind, zumeist Abgrabungsgewässer durch den Autobahnbau (Rubbenbruchsee, Attersee). Hinzu gekommen sind außerdem vom Menschen eingeschleppte oder aus Tierfarmen oder -Gehegen geflüchtete Arten („Neozoen“). Diese gefiederten Neubürger, wie die Nilgans oder die Kanadagans, können zur Bereicherung der heimischen Artenvielfalt werden – sie aber auch verdrängen.

Nicht nur Gerhard Kooiker ist überzeugt: Die Natur ist stetig im Fluss, Veränderungen gehören dazu – aber ein derartig starker Wandel, wie er an den Brutvogelbeständen Osnabrücks zu erkennen ist, unterstreicht, dass das weltweite Artensterben durch Naturzerstörung, Verlust natürlicher Lebensräume und Erderwärmung inzwischen auch vor unserer Haustür angekommen ist.

Bernhard Volmer
Der Stieglitz gehört zu den wenigen „Gewinnerarten“ unter Osnabrücks Brutvögeln. Das könnte laut Gerhard Kooiker daran liegen, dass heute mehr Wildkräuter im Stadtgebiet zu finden sind als noch vor zehn Jahren und dass die Stadtgärtner kein Gift mehr spritzen. So findet der Körnerfresser ausreichend Nahrung.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN