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225 Jahre Rohlfing Musikland Deutschlands ältestes Klavierhaus steht in Osnabrück

Von Sebastian Stricker | 16.05.2015, 07:56 Uhr

Ein Klavier hat 88 Tasten: 52 weiße und 36 schwarze. Seinem Klang dennoch viele Farben zu geben, ist echte Handwerkskunst. In Deutschland beherrscht sie keiner so lange wie das Unternehmen der Gebrüder Rohlfing aus Gegründet 1790, feiert es am 16. Mai sein 225-jähriges Bestehen. Allerdings nur, weil mit den Tammens heute eine andere Osnabrücker Familie den Ton angibt.

„Musik ist Leben“. Ein Satz, drei Wörter, dreizehn Großbuchstaben, blutrot in die weiße Wand tätowiert, dick unterstrichen. Firmenphilosophie fortissimo – direkt vor der Tür des Chefs. Dagegen wirkt das Büro von Wilfried Tammen ganz piano, wenngleich es gespickt ist mit Klavierkitsch: Spiegel und Zettelklammer in den Umrissen eines Flügels, hier ein verziertes Notenblatt von Otto Siegls „Morgenandacht“, dort ein Kunstdruck, das die berühmte „Play it again“-Szene aus dem Film Casablanca zeigt. Prunkstück ist ein Leuchtrahmen hinter dem Schreibtisch: Auf Knopfdruck erhellt, erzählen historische Fotos und Zeichnungen sowie ein Stammbaum von Gründern, Standorten und Modellklassikern der Firma Rohlfing.

Orgeln und Klaviere von Weltruf

Und auf 225 Jahren Firmengeschichte könnte man schier endlos herumklimpern. Die Kurzfassung geht so: Ostfriesischer Orgelbauer gründet 1790 in Quakenbrück, Heimat seiner Ehefrau, eine Instrumentenwerkstatt. Tochter heiratet Gesellen namens Johann Christian Rohlfing. Enkel Anton Heinrich Rohlfing zieht mit der Firma 1846 nach Osnabrück und beteiligt seine Brüder Friedrich und Hermann. Seit 1865 firmierend als „Gebrüder Rohlfing“, erlangen ihre Orgeln und Klaviere Weltruf.

Ende des 19. Jahrhunderts bauen sie eine Fabrik an der Großen Straße. Das Unternehmen blüht, wird vererbt, doch Erster Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise setzen ihm zu. Abspaltung der Orgelsparte in den 1920er-Jahren, parallel zur Klavierherstellung Aufbau eines Musikhandels. Ende des Zweiten Weltkriegs liegt der Betrieb in Trümmern. Zusammen mit seinem Vater baut ihn Hermann Albert Friedrich Rohlfing neu auf. Rohlfing-Klaviere werden danach in Osnabrück allerdings nicht mehr gefertigt – sie kommen heute aus China. Stattdessen liegt das Gewicht in den Nachkriegsjahren auf Wartung und Reparatur, auf dem Handel mit Instrumenten sowie zunehmend auch auf dem Verkauf von Schallplatten und Rundfunkgeräten. So steigt Rohlfing rasch wieder zum „ersten Musikhaus am Platze“ auf, wie es in einer Firmenchronik von 1990 heißt, das Schallplattenlager soll sogar „eines der größten in Norddeutschland“ gewesen sein. Zeiten in Dur. Doch die folgenden, vielleicht bedeutsamsten Einschnitte in der Jahrhunderte währenden Firmengeschichte können sie nicht verhindern.

Verliebt in die Arbeit

Wilfried Tammen, heute 60, ist acht, neun Jahre alt, als er anfängt, Klavier zu spielen. Vor die Berufswahl gestellt, liebäugelt der Sohn eines Kirchenorganisten – dem Handwerk nicht minder zugeneigt als der Musik – mit Klavierbau. Um sich restlos dafür zu begeistern, bedarf es jedoch des eindeutigen Beweises, dass man davon auch leben kann. Eines Mercedes 280 SE zum Beispiel.

Meister Otto Twiehaus, der damals regelmäßig zum Stimmen vorbeikommt, fährt ein solches Auto. „Da dachte ich, so schlecht kann das Klavierbau-Geschäft nicht sein!“, erinnert sich Wilfried Tammen. Also geht er 1971 bei Twiehaus in die Lehre. Und verliebt sich in seine Arbeit. „Es ist die Vielseitigkeit, die ich am Klavierbau so schätze: der Umgang mit Holz und Metall, das Künstlerische beim Gestalten von Tönen und Klangfarben. Ich habe das auf Anhieb richtig schön gefunden.“ Nach der Ausbildung verfeinert Tammen in Bielefeld seine Fertigkeiten im Stimmen („Das A und O für jeden Klavierbauer“). 1980 kehrt er nach Osnabrück zurück – und heuert als Werkstattleiter bei Rohlfing an. Wo er mehr als drei Jahrzehnte später zum großen Hoffnungsträger werden sollte. Wo er aber zunächst hautnah jene Schrumpfkur miterlebt, der sich der Familienbetrieb kurz darauf unterzieht.

Klavierwerkstatt als Anker

Denn es ist die Zeit, in der aufkommende Selbstbedienungsmärkte im Bereich der Unterhaltungselektronik traditionellen Einzelhändlern die Kunden abjagen. Ab Mitte der 1980er-Jahre kann und will sich Rohlfing der wachsenden Konkurrenz nicht länger stellen. Die Firma trennt sich von Brauner Ware, entlässt viele Dutzend Mitarbeiter, siedelt über an den Neuen Graben 17. Um sich dort unter dem Namen „Rohlfing Musikland“ auf das Geschäft mit Klavieren und anderen Musikinstrumenten zu besinnen. Auch die Klavierwerkstatt bleibt erhalten. Seit 1992 in der Schepelerstraße, ist sie bis heute das wichtigste Standbein.

Wo auch immer in und um Osnabrück ein Klavier verstimmt ist, ein Pedal quietscht oder ein Flügel transportiert werden muss: Rohlfing ist zur Stelle. Hochschule, Stadthalle und Theater schwören auf das Können des Traditionsunternehmens, und Privatkunden nehmen zig Kilometer Anreise in Kauf, um sich im Rohlfing Musikland beraten zu lassen. Denn bei Preisen zwischen 3000 und 35.000 Euro kauft man Klaviere nicht nebenbei. Wilfried Tammen: „Das Klaviergeschäft ist ein sehr langfristiges Geschäft. Wir begleiten unsere Kunden durch das halbe Leben, wenn nicht das ganze.“ Mit manchen würden „schöne Bindungen“ entstehen, einige seien sogar „freundschaftlich“. Die Gleichung von Musik und Leben scheint also aufzugehen bei Rohlfing. Erst recht seit dem 30. Juni 2003, als eine Ära endete – und eine neue begann.

Übergabe nach 213 Jahren

Seit diesem Tag ist Wilfried Tammen der Inhaber von Rohlfing Musikland. Weil die Gründerfamilie in ihren eigenen Reihen keinen Nachfolger mehr fand, legte sie das Unternehmen in seine Hände. Nach 213 Jahren. „Das war für mich sehr überraschend, und eigentlich wollte ich das auch nie“, gesteht Tammen. „Aber ich bin froh, dass es so gelaufen ist. Sonst wäre die Firma nicht mehr existent.“ Nun besteht der Laden weiter, und mit ihm die geschichtsträchtige Marke Rohlfing – wie Schimmel, Sauter oder Grotrian-Steinweg eine der klangvollsten im deutschen Klavierbau. Alles „Tammen“ zu nennen, sei für ihn nie eine Option gewesen. „Das brauche ich nicht für mein Ego.“ Außerdem gebe es ja eine Reihe von Mitarbeitern, die nicht Tammen heißen – ohne die der Laden aber auch nicht laufen würde. So bleibt der Benz, den sich der Chef wie einst Meister Twiehaus heute leistet (wenngleich als GLK), vielleicht das einzig sichtbare Statussymbol.

Überhaupt sagt Wilfried Tammen: „Tradition ist wichtig, aber dafür kann ich mir nichts kaufen. Innovation ist wichtiger.“ Gelegentlich zeigt sich der Hang zum fröhlichen Experimentieren sogar im Schaufenster: wie bei der Fußball-WM 2014, als das Rohlfing Musikland Ukulelen im Oranje-Look verschleuderte und Klaviere in den Deutschland-Farben anbot. Vor allem aber erneuert sich der Betrieb hinter den Kulissen. Denn mit den Tammens wächst eine ganz neue Klavierbauer-Dynastie in Osnabrück heran.

Kinder in den Startlöchern

Dabei hilft, wo die Gene nicht genügen, die Liebe nach: So heiratete Wilfried Tammens Sohn Andreas (31) , der seine Meisterprüfung 2012 als Jahrgangsbester in ganz Deutschland abschloss, seitdem Werkstattleiter bei Rohlfing ist, nun sogar stellvertretender Geschäftsführer und für den Vater „designierter Nachfolger als alleiniger Chef“, mit Kirsten (32) ausgerechnet eine Klavierbauerin. Wie auch Tammens Tochter Annika (28), bei Rohlfing zuständig für die Buchhaltung, dem Klavierbauer Max-Ole (28) das Jawort gab. Der wiederum der erste Lehrling seines Schwagers Andreas war.

Wilfried Tammen ist begeistert: „Vier Klavierbauer in der Familie – das ist höchst selten. Ich wüsste nicht, dass es das schon einmal gegeben hat!“ Sicher, es habe auch Bedenken gegeben, ob das gut geht. Viele hätten ihn gewarnt, sagt Tammen. Und sogar intern herrschten Zweifel: „Ich habe lange über den Einstieg in die Firma nachgedacht“, räumt Schwiegertochter Kirsten Tammen ein. Jetzt genieße sie es, ein Teil des Familienbetriebs zu sein. „Die Zusammenarbeit klappt super, sie ist ein Geschenk. Und wir mögen uns auch nach Feierabend.“

Musik, Leben.