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Immer wieder haben verheerende Regenfälle die Region heimgesucht Als die Hühner im Stall ertranken

Von Frank Henrichvark



Osnabrück. Wenn das Wasser kommt, dann kommt es mit Macht. Diese Erfahrung haben die Menschen in Osnabrück und der Region immer mal wieder machen müssen. Aber die Rückschau zeigt auch: Noch niemals ist so viel Regen vom Himmel gefallen wie in den Tagen um den 26. August 2010.

Von „Wasserkatastrophe“ und „Rekordmengen“ schreiben die Zeitungen zwar auch immer wieder gern, selbst wenn ein lokales Gewitter „nur“ 20 Liter Wasser in kurzer Zeit brachte. Gleichwohl konnte auch ein solches Ereignis spektakuläre Folgen haben. Am 27. Mai 1964 war nach Blitz, Donner und Platzregen die Baustelle für den Neumarkt-Tunnel abgesoffen. Der Bagger stand verloren in der Baugrube in einem riesigen See. Die Wasseroberfläche war bedeckt von schwimmenden Kanthölzern und Dämmmaterial.

52 Liter, immer bezogen auf den Quadratmeter, fielen am 22. Juli 1950 binnen zwei Stunden vom Himmel. Diese „Wasserkatastrophe“ brachte erstmals nach dem Krieg Überschwemmungen in weiten Teil der Wüste und der Neustadt. 2000 Einsätze verzeichnete die Feuerwehr, in manchen Kellern soll das Wasser zwei Meter hoch gestanden haben. Und den Kleingärtnern in der Wüste ertranken die Hühner im Stall.

Nur vier Jahre später dasselbe Bild nun auch in weiten Teilen des Altkreises. 70,6 Liter Niederschlag waren am 15. August 1954 die Ursache dafür, dass Düte, Hunte und Hase weiträumig über die Ufer traten, Straßen und Brücken beschädigt wurden. Spätestens jetzt wurde auch deutlich: Der längst nicht abgeschlossene Wiederaufbau nach dem Krieg hatte alle Kräfte absorbiert, dabei war allerdings die Infrastruktur nicht mitgewachsen. Es reichten die Querschnitte der Abwasserkanäle nicht mehr aus. Auch Feuerwehr und Katastrophenschutz müssten dringend ausgebaut werden, lautete eine Erkenntnis.

Ein Sturmtief mit 60,2 Liter Regen löste dann am 4. Dezember 1960 wirklich eine Katastrophe aus. Mit 105 Stundenkilometer peitschte der Regen über das Land, weshalb in Melle vom Oberkreisdirektor angesichts weiträumiger Überschwemmungen Katstrophenalarm ausgelöst wurde.

Osnabrück brachte dieses Hochwasser der Hase wirklich nahe an den Rand einer Katastrophe. Nicht nur weil Teile der Altstadt am Vitihof oder in der Neustadt und am Pappelgraben unter Wasser standen. Schlimmer noch: Der Leitdamm der Hase unterhalb des ORV-Bootshauses wurde überspült und brach auf 50 Meter Breite. Plötzlich floss das Hasewasser in den tiefer liegenden Stichkanal und hob dort den Wasserspiegel an.

Verheerende Folge: Das Wasser unterspülte die Hollager Schleuse und grub sich ein neues Bett. Das Pumpenwärterhaus wurde in den Kanal gerissen, die Brücke zerstört. Zwischen Haster Schleuse und Hollager Schleuse lief der Stichkanal aus, drei Schiffe lagen plötzlich auf dem Trockenen. Es dauerte Monate, bis der Schaden repariert war und der Kanal wieder befahren werden konnte.

Weitere Regenspitzen verzeichnet die Chronologie der Überschwemmungen dann am 14. Juni 1966, als in einem Gewitter urplötzlich 108 Liter Regen, vermischt mit dicken Hagelkörnern, vom Himmel prasselten. Tausende Keller wurden überflutet, das Telefon und der Autoverkehr brachen zusammen, Großbetriebe wie Karmann mussten die Produktion stilllegen, und die gerade eingerüstete Baustelle für den Betondeckel Öwer de Hase wurde weggerissen.

In der Zeitung meldeten sich wenig später die Landwirte aus der Düteniederung zu Wort. Der Fluss sei nicht nur durch die Industrieabwässer biologisch tot, sondern auch durch die zunehmende Versiegelung mit seiner Aufgabe als Vorfluter völlig überlastet: „Unsere Betriebe können es auf Dauer nicht verkraften, wenn die Weiden verderben und das Heu auf den Wiesen wegschwimmt.“

Erst im Jahr 1981 spitzte sich die Hochwasser-Lage erneut zu: Als im März in vier Tagen 80 Liter Wasser zusammenkamen, konnte die Stadt immerhin vermelden, dass sich die 24 mittlerweile angelegten Regenrückhaltebecken bewährt hatten. Größere Schäden im Stadtgebiet blieben aus, allerdings floss die Hase an der altbekannten Stelle erneut in den Stichkanal. Am 29./30. Juni 1981 pladderten erneut 106 Liter in 24 Stunden vom Himmel. „Osnabrück steht das Wasser bis zum Hals“, titelte die Neue OZ.

Angesichts der unvermeidlichen flächigen Überschwemmungen mit allen Folgen für die betroffenen Haushalte forderte der Tiefbau-Amtsleiter Kurt Jäger mit allem Nachdruck mehr Geld für sein Fachgebiet: Die weiträumige Umstellung der Kanalisation auf Trennkanäle sei unvermeidlich. Die Investitionen in die Vorsorge zahlten sich aus. Spätere Gewittergüsse gingen relativ glimpflich aus.

Gegen eine solche Wasserflut von fast 200 Litern allerdings, wie sie Osnabrück in den Tagen vom 22. bis 27. August verkraften musste, war die Stadt nicht gewappnet. Mit 47,6 Litern in den ersten vier Tagen waren die Regenrückhaltebecken und die Flüsse bereits ausgelastet. Dann kam die „Jahrhundertflut“ vom 26. mit 128 Litern hinzu. Und das war dann einfach zu viel.


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