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Experiment an der Universität Osnabrücker Psychologie-Studenten untersuchen die Kontaktscheu von autistischen Kindern

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Nele Erkens (links) und Daina Crafa untersuchen in Spielsituationen die typische Kontaktscheu von Autisten. Der neunjährige Joey Schmittmann allerdings geht offen auf Fremde zu. Seine Mutter Judith Schmittmann (hinten) beobachtet das Experiment. Foto: Elvira PartonNele Erkens (links) und Daina Crafa untersuchen in Spielsituationen die typische Kontaktscheu von Autisten. Der neunjährige Joey Schmittmann allerdings geht offen auf Fremde zu. Seine Mutter Judith Schmittmann (hinten) beobachtet das Experiment. Foto: Elvira Parton

Osnabrück. Will man Autismus so kurz wie möglich erklären, dann so: Autisten leben in ihrer ganz eigenen Welt. Doch warum eigentlich? Dass Autisten Kontakt zu anderen Menschen meiden, hat die Wissenschaft jahrelang mit Desinteresse erklärt. Nun aber vertreten immer mehr Forscher eine ganz andere Meinung: Autisten hätten schlicht Angst vor Sozialkontakten. Eine Gruppe von Osnabrücker Psychologiestudenten untersucht, welche These stimmt.

Ausnahmen bestätigen die Regel – eine Ausnahme heißt Joey und überhäuft gerade eine Handvoll Psychologiestudenten mit Fragen. „Wenn er soziale Angst hätte, würde er nicht zu fünf Leuten in einen engen Raum gehen“, sagt Joeys Mutter Judith Schmittmann.

„Wir erleben hier ein unglaublich vielfältiges Verhalten. Viele autistische Kinder wollen Kontakt, reden auch viel, so wie Joey“, sagt Nele Erkens. Zusammen mit sechs Kommilitonen untersucht sie die typische Kontaktscheu der meisten Autisten. Ausnahmen, wie gesagt, bestätigen die Regel. Um zu prüfen, ob Gleichgültigkeit oder doch eher Angst die Ursache ist, beobachten die Osnabrücker Forscher autistische Kinder eineinhalb Stunden lang beim Spielen. Dabei konstruieren sie verschiedene soziale Situationen, während immer ein Elternteil dabeisitzt.

Was genau hinter der Tür passiert, darf Nele Erkens nicht verraten. „Das Experiment ist neu, andere Forscher könnten das Konzept nachmachen“, sagt sie.

Neben der Uni Osnabrück beteiligen sich auch Universitäten aus Kanada und den USA an der Studie.

Wenn dabei herauskommen sollte, dass die meisten Autisten tatsächlich Angst vor anderen Menschen haben – was bedeutet das? „Das ist sehr relevant für die Therapie“, sagt Nele Erkens. Wie sich die Behandlung von Autisten ändern müsste, können die Osnabrücker Psychologiestudenten nicht sagen. Sie leisten zunächst einen wichtigen Beitrag, indem sie wissenschaftlich das überprüfen, was viele Ärzte und Eltern aus ihren Erfahrungen im Umgang mit autistischen Kindern berichten.

Das Forschungsprojekt ist nicht in Osnabrück entstanden, die amerikanische Austausch-Studentin Daina Crafa hat es mitgebracht. Sie hat bereits in den USA das Experiment mitbetreut und leitet nun die Osnabrücker Forschungsgruppe. „Ich bin in Amerika sehr gut ausgebildet worden und konnte den anderen hier sicher einiges über die wissenschaftliche Auswertung beibringen“, sagt Crafa. Im Gegenzug hätten die Osnabrücker Studenten ihr vor allem viel über kulturelle Besonderheiten beigebracht – und das sei enorm wichtig für das Experiment. Nachdem sie die Studie in beiden Ländern betreut hat, erkennt Daina Crafa wesentliche Unterschiede zwischen deutschen und amerikanischen Eltern. „In beiden Ländern waren sie sehr kooperativ. Die amerikanischen Eltern waren aber immer viel stärker gestresst und haben uns auch oft das Gefühl gegeben, dass wir ihre Teilnahme am Experiment besonders wertschätzen müssen“, sagt sie. Über die deutschen Eltern sagt sie – im Vergleich zu Amerikanern erstaunlich –, dass viele sehr viel Wert auf die außerschulische Bildung ihrer Kinder legen würden. Da das Experiment auch eine Kontrollgruppe mit Nicht-Autisten untersucht, hat Daina Crafa eine sehr gemischte Gruppe von Eltern und Kindern kennengelernt.

Wenn die Autisten in der Osnabrücker Studie auch manchmal gar nicht kontaktscheu waren, so ähnelten sich die Versuchsteilnehmer aber doch in einer Hinsicht: „Die meisten hier sind total technikbegeistert“, sagt Nele Erkens. Das gilt auch für Joey, der ständig vor den Computern steht. Wie anstrengend Autisten in ihrer Technikbegeisterung sein können, hat Joeys Mutter gerade im Experiment beobachtet: „Der hat erst mal an allen möglichen Spielzeugen die Scharniere gelöst und die Teile auseinandergebaut.“

Für ihre Studie suchen die Forscher Jungen mit und ohne Autismus im Alter von sechs bis zwölf Jahren. Interessierte können sich an Daina Crafa wenden. E-Mail: crafalab@gmail.com, Telefon: 0176/70333790. Weitere Informationen gibt es auch auf der Website http://autismusforschung.tumblr.com/


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