Das Persönliche eines Körpers Osnabrücker Porträtsommer: Fotografien von Ragnar Gischas in der Belmer Galerie Entwicklungsraum

Ein Blick, versteckt hinter einem tätowierten Arm: So oder anders sieht Ragnar Gischas seine Models für die Ausstellung „Seelenräume“. Foto: Klaus LindemannEin Blick, versteckt hinter einem tätowierten Arm: So oder anders sieht Ragnar Gischas seine Models für die Ausstellung „Seelenräume“. Foto: Klaus Lindemann

thb Osnabrück. Wenn man sich die neue Ausstellung in der Galerie Entwicklungsraum anschauen will, genügt es nicht mehr, in die Lohstraße 40/41 zu fahren. Die Fotogaleristen Nina Müller und Ragnar Gischas haben jetzt ihr Zuhause in Belm zum Atelier und zur Galerie umfunktioniert.

Da es sich bei dem Gebäude um einen alten Kotten handelt, treffen zwei Welten aufeinander: hier die Exponate moderner Fotografie, dort das unperfekte, rurale Umfeld. Doch wenn Gischas seine eigenen Werke ausstellt, passt dieser Kontrast schon wieder gut, denn er hat sich darauf spezialisiert, Menschen zu porträtieren, die sich nicht in gestyltem Luxus-Ambiente bewegen, sondern eher in abbruchreifen Industriebrachen. Durch seinen Umzug in ländliche Gefilde hat er seine Kamera jetzt aber auch in freier Natur in Anschlag gebracht.

Bei einigen Arbeiten entfernt er sich vom klassischen Porträt, das nur Kopf und Schulter eines Models zeigt, und er bezieht den gesamten Körper mit ein, zum Teil nackt und vor allem ohne irgendwelche Retuschen. So entstehen intensive, entwaffnende Porträts von Frauen, die durch die Fotografie zu sich selbst finden, eine Identität bekommen.

Das ist einer der Gründe, warum André Lindhorst, der Leiter der Kunsthalle Dominikanerkirche, die Galerie Entwicklungsraum mit den Fotos von Ragnar Gischas in den „Porträtsommer“ aufnahm. „Es handelt sich hier um eine sehr direkte, von der Persönlichkeit des Models und der psychologisierenden Arbeitsweise des Fotografen gesteuerte Form der Porträtaufnahme“, so Lindhorst, der durch seine Ausstellung mit Werken von Michael Dannenmann zu der Idee animiert wurde, mit dem „Porträtsommer“ regionale Fotografen und ihre speziellen Aspekte des Porträtierens an sieben weiteren Ausstellungsorten zu präsentieren.

„Seelenräume“ nennt Ragnar Gischas nun seine Selektion von Arbeiten, mit denen sich seine Models offenbaren. Sie zeigen ihre eigene Verwundbarkeit, indem sie sich wie eine zerbrochene Schaufensterpuppe in eine marode Raumecke zwängen. Sie recken ihren ausgemergelten, gepiercten und tätowierten Körper demonstrativ in die Kamera. Oder sie blicken hilflos suchend in das Objektiv und werden so zum Sinnbild ihrer eigenen Einsamkeit.

Wie humorvoll erscheint da ein ganz aktuelles Foto, das eine junge Frau auf einem winterlichen Acker zeigt, die sich, nur mit einem Holzfällerhemd bekleidet, auf einen alten Besen stützt und selbstbewusst eine Zigarette raucht: ein ironisierender Blick auf die moderne Landfrau.

Galerie Entwicklungsraum (Belm, Belmer Straße 445): „Seelenräume“. Fotografie von Ragnar Gischas. Ausstellung im Rahmen des „Porträtsommers 2012“ in Kooperation mit der Kunsthalle Dominikanerkirche. 7. Juli (Eröffnung um 19 Uhr) bis 31. August, Fr. 15-19 Uhr, Sa. 11-16 Uhr, So. 15-18 Uhr und nach Vereinbarung unter Telefon 05406 - 675 96 05.


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