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Wie man einen Hartz-IV-Antrag ausfüllt „Man muss aufpassen wie ein Luchs“

Von Marie-Luise Braun

Wenn die Angaben auf dem Fragebogen nicht mehr aktuell sind, muss das Jobcenter informiert werden. Sonst kann eine Sanktion verhängt werden. Foto: Archiv/ddpWenn die Angaben auf dem Fragebogen nicht mehr aktuell sind, muss das Jobcenter informiert werden. Sonst kann eine Sanktion verhängt werden. Foto: Archiv/ddp

Osnabrück. Was für ein Stapel: 63 Seiten umfassen die Anträge für Hartz IV, hinzu kommen 25 Seiten mit Hinweisen und Ausfüllhilfen. Doch um die Menge geht es Maria Lückmann gar nicht, denn mit Steuergeld solle der Staat schließlich sorgfältig umgehen. Sie moniert die Formulierungen: „Die Leute wissen nicht, wie sie und was sie ausfüllen sollen“, sagt die Sozialpädagogin, die beim Sozialdienst Katholischer Frauen auch Hartz-IV-Empfänger berät.

„Man steht da wie ein Ochs vorm Berge“, erinnert sich Marion W. an den Moment im Juni 2007, als sie das erste Mal Arbeitslosengeld II beantragt hat. Mehrfach hat sie die Unterlagen in Ruhe durchgelesen bis sie sie verstanden hat. Einige Male hat sie die Papiere wieder zur Seite gelegt, bevor sie zum Kugelschreiber griff. „Ich hatte Angst, dass ich versehentlich etwas falsch ausfülle und dann des Betrugs bezichtigt werde“, sagt die alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Zudem habe es sie Überwindung gekostet, Geld vom Staat zu beantragen.

Verunsichert erlebt auch Maria Lückmann manche Ratsuchende in ihrer Sprechstunde. „Es sind nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund, die diese Sprache nicht verstehen. Es sind auch Muttersprachler mit Abitur, die nicht wissen, was manche Fragen zu bedeuten haben.“

Wer weiß schon, was unter „verständiger Würdigung“ zu verstehen ist? Damit sind schlicht Absprachen gemeint, beispielsweise über die gegenseitige Unterstützung. Und über fast eine Seite zieht sich die Erläuterung der „Bedarfsgemeinschaft“ und deren Abgrenzung zur „Verantwortungs- und Einstehensgemeinschaft“. Angesichts solcher Formulierungen sagt Lückmanns Kollegin Gabriele Bührs: „Viele, die gut kommunizieren können, verstehen das Behördendeutsch nicht.“ Zwar sind Arbeit-Gemeinschaft (Agos) und Maßarbeit verpflichtet, beim Ausfüllen der Anträge zu beraten, aber: „Viel Zeit könnte gespart werden, wenn es verständlich formuliert wäre“, sagt Lückmann und: „Das hat auch was mit Wertschätzung zu tun.“

Immer wieder nachfragen

Die geforderten Angaben zu notieren habe letztlich nur eineinhalb Stunden gedauert, erzählt Marion W. Aufwendig war es hingegen, die gewünschten Belege zusammenzubekommen. Das sind zum einen Unterlagen über Zeiten, in denen sie erwerbstätig war, aber auch Angaben, in denen sie den besonderen Lebensmittelbedarf von zwei ihrer drei Kinder belegen muss. Problematisch dabei ist, dass die beiden Unverträglichkeiten haben. Das sei schwerer zu belegen als eine Allergie. „Aber laktosefreie Milch ist eben teurer als normale“, sagt W.

Derzeit versucht sie, den Mehrbedarf für eines ihrer Kinder erneut zu belegen. Ohne Begründung sei der aberkannt worden. Ebenso wie ihr nun Wohngeld von ihrem Hartz IV abgezogen werde, dabei erhält sie gar keines. Und auch das Wohngeldamt wisse nichts davon, dass sie welches erhalten soll. Und die 100 Euro Schulstartgeld habe sie zunächst gar nicht bekommen. Auf Nachfrage habe sie das Geld aber erhalten. Immer wieder müsse sie wegen solcher Dinge nachfragen. „Man muss aufpassen wie ein Luchs, auch wegen der Widerspruchsfristen.“

Nicht nur die Anträge, auch die Bescheide seien kompliziert formuliert, sagt Bührs. „Ich war froh, überhaupt Geld zu bekommen. Verstanden habe ich beim ersten Mal überhaupt nichts“, erinnert sich W. Erfahrene Bekannte und die Arbeitslosenselbsthilfe haben ihr dabei geholfen.

„Durch Hartz IV sollte das Arbeitslosengeld entbürokratisiert werden. Aber leichter für alle – das ist es überhaupt nicht geworden“, stellt Maria Lückmann nach fünf Jahren Hartz IV nüchtern fest.