Auf dem Hof Hawighorst in Wallenhorst Knochenjob Spargelstecher: Erntehelferin für ein paar Stunden

Von Lea Becker

Knochenjob: NOZ-Redakteurin Lea Becker versucht sich als Spargelstecherin auf dem Hof Hawighorst in Wallenhorst.Knochenjob: NOZ-Redakteurin Lea Becker versucht sich als Spargelstecherin auf dem Hof Hawighorst in Wallenhorst.
Michael Gründel

Osnabrück. Ist Spargestechen so ein anspruchsvoller Knochenjob, wie die Bauern immer sagen? Und tut einem danach wirklich jeder Knochen weh? Unsere Redakteurin Lea Becker hat es ausprobiert und ein paar Stunden als Erntehelferin auf dem Hof Hawighorst in Wallenhorst gearbeitet.

Spargelstechen ist nicht leicht. Bauern wollen lieber erfahrene Erntehelfer als ungeübte – aber durchaus willige – Hilfskräfte. Das war in letzter Zeit viel zu hören, als die Arbeiter aus Osteuropa wegen der Coronapandemie nicht mehr einreisen durften. Doch ist es wirklich so ein anspruchsvoller Knochenjob? Ein Selbstversuch auf einem Spargelfeld im Landkreis Osnabrück.

Michael Gründel, Lea Becker

Meine Karriere als Spargelstecherin beginnt mit einem Video – um genauer zu sein mit mehreren. Jeder, der auf dem Hof Hawighorst in Wallenhorst zum ersten Mal Spargel sticht – egal ob Saisonarbeiter oder Hilfskraft – muss sich zunächst ein Schulungsvideo anschauen. Also sitze ich abends auf meinem Sofa, schaue ein Video nach dem anderen und versuche mir genau zu merken, worauf es beim Stechen ankommt: Loch um die Spargelstange buddeln, Messer ansetzen, einmal zustechen, Stange rausziehen, Loch zuschütten, fertig. Ganz einfach. Zumindest in der Theorie.

Doch schon in den Videos wird klar: So einfach ist es in der Realität nicht. Und so breitet sich Unsicherheit in mir aus. Statt mich gut vorbereitet zu fühlen, habe ich eher Angst, alles falsch zu machen. Also schaue ich lieber noch ein paar Videos mehr. Doch das Gefühl bleibt. Am Morgen dann das nächste Problem: Was zieht man zur Arbeit auf dem Acker an? Ich entscheide mich für meine Trekkinghose, zwei Laufshirts und uralte Turnschuhe. 

Michael Gründel, Lea Becker

Schon von weitem erkenne ich das Spargelfeld mit seinen langen weißen und schwarzen Folien. Als ich dort ankomme, drückt mir Spargelbauer Heiner Hawighorst ein paar schwarze – recht dünne – Arbeitshandschuhe, ein langes, scharfes Spargelmesser und eine silber glänzende Kelle in die Hand. Ich stehe am Anfang einer Reihe. 350 lange Meter liegen vor mir. Acht Erntehelfer befinden sich etwa auf der Hälfte. Sie ackern bereits seit ein paar Stunden auf dem Feld.

Ich habe Glück: Auf dem Hof Hawighorst wird mit sogenannten Spinnen gearbeitet. Die Maschinen heben die Folie für einen hoch und lege sie hinter einem – mal mehr mal weniger ordentlich – wieder auf dem Damm ab. Außerdem kann man mehrere Spargelkisten darauf stapeln. Das erleichtert die Arbeit deutlich und spart Zeit und Kraft. Das werde ich später noch zu schätzen wissen.

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Normalerweise hat jeder Spargelstecher seine eigene Reihe und seine eigene Spinne. Doch ein Anfänger wie ich wäre damit überfordert. Also werde ich zusammen mit Adrian Krzaczkowski arbeiten. Für den kräftigen, gutmütig lächelnden Mann in Jogginghose, Gummistiefeln und gestreifter Sweatjacke ist es die erste Saison als Spargelstecher. Eigentlich arbeitet er in Polen als Restaurantmanager. Doch wegen der Coronapandemie steht der 41-Jährige in seiner Heimat Breslau vor dem Nichts. Durch einen Freund hat er den Weg nach Wallenhorst zum Hof von Heiner Hawighorst gefunden. Die Einreise verlief trotz Corona unproblematisch. "Da hatten wir noch Glück", sagt Hawighorst.

Adrian ist einer von acht polnischen Erntehelfern in diesem Jahr. Normalerweise arbeiten etwa doppelt so viele auf den Wallenhorster Spargelfeldern. Zudem ackern in dieser Saison drei deutsche Studenten für Hawighorst. Sie teilen sich die Arbeitstage untereinander auf und ersetzen so im Prinzip eine volle Arbeitskraft. "Aber eigentlich bräuchten wir sie nicht unbedingt, weil wir gar nicht so viel absetzen können wie sonst", sagt Hawighorst. 40 Prozent der Absatzwege fehlen – die komplette Gastronomiebranche. Ganze Reihen liegen deshalb brach und werden gar nicht erst geerntet. "Uns war klar, dass wir sie nicht brauchen und auch nicht mehr brauchen werden", sagt Hawighorst resigniert.

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Ich stehe zwischen zwei Reihen, wo frische, weiße Stangen aus der Erde sprießen. Doch ein paar Meter weiter sehe ich unzählige verkommene Spitzen aus der Erde ragen. Auch meine Reihe wird in den kommenden Tagen sich selbst überlassen. "Hier wurde schon viel geerntet, jetzt lohnt es sich nicht mehr", sagt Hawighorst. Doch der gute Spargel will vorher noch aus der Erde geholt werden. Also heißt es für mich: Bücken, Loch graben, zustechen, Stange raus ziehen und das Loch wieder verschließen. Der Spargelbauer macht es mir ein paar Mal vor, ich schaue ihm aufmerksam über die Schulter und versuche dann selbst mein Glück.

Als ich das erste Loch um eine Stange mit meiner kompletten Hand buddel, schreitet Hawighorst direkt ein. „Das ist schon der erste Fehler.“ Nur mit Zeige- und Mittelfinger wird eine Art Kralle gebildet. Damit zieht man die Erde am Spargelstamm weg. "Sonst könnte man schon beim Graben andere Stangen beschädigen", erklärt Hawighorst. Ich setze das lange Spargelmesser möglichst parallel zur Stange in die Erde, das scharfe, leicht gebogene Ende verschwindet tief darin. Ich winkel das Messer an und steche blind aber kraftvoll zu. Mit der linken Hand ziehe ich am Spargelkopf – doch die Stange bewegt sich keinen Zentimeter. Dann macht es plötzlich "Knack" und ich habe nur den Kopf in der Hand. "Mist", entfährt es mir.

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"Da war zu viel Kraft im Finger. Aber das passiert am Anfang", beruhigt mich Hawighorst. Vor allem, weil der Boden durch die lange Trockenheit sehr hart ist. Mehrmals zustechen sollte man trotzdem nicht. "Unten sitzt die Knolle mit vielen Trieben. Sticht man vorbei, trifft man automatisch eine, die daneben sitzt." Das Resultat ist deutlich zu sehen. Immer wieder brechen Stangen durch die Erdoberfläche, aber ohne Kopf. "Das ist schlecht", schimpft Hawighorst. Denn dieser Spargel ist "kaputt" und nicht mehr verwertbar. "Das kommt, weil alle immer nur schnell 'Zack-Zack-Zack' machen." Adrian nimmt es gelassen. "Chef, ich mache es wie im Video, aber das machen nicht alle", verteidigt er sich.


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Ich starte den nächsten Versuch: ausgraben, Messer rein, anwinkeln, zustechen. Wieder nichts. Ich setze neu an und steche erneut zu. Diesmal macht es unten an der Stange "knack". Vorsichtig ziehe ich den Spargel heraus und präsentiere ihn stolz Adrian und Hawighorst. Doch meine Freude wird schnell getrübt: Die Stange ist zu kurz, ich habe zu weit oben abgeschnitten – ein typischer Anfängerfehler. „Beim ersten Mal ist alles schwer", gibt der Bauer zu. Ich verschließe das Loch wieder, weiter geht es.

Bei manchen Stangen klappt es dann ganz gut, bei anderen überhaupt nicht. Meine zwei größten Probleme: Entweder treffe ich den Spargel beim Stechen nicht, oder er ist zu kurz. An manchen Stangen verzweifel ich regelrecht. "Aaaahh! Das gibt es doch nicht", stöhne ich ein ums andere Mal. Und immer geht die Angst mit, andere Stangen kaputt zu machen. Erfolgserlebnisse – die Stange getroffen zu haben – und Enttäuschung – die Stange ist zu kurz – wechseln sich ständig ab. Und ich bin viel zu langsam. Normalerweise würde die Spinne – von Adrian liebevoll "mein Pferd" genannt – ununterbrochen weiterlaufen. Für mich hält der Pole sie aber alle paar Meter an, damit ich den Spargel in Ruhe stechen kann.

In der Reihe neben uns überholt uns Patrick. Der durchtrainierte Pole sticht in Sekundenschnelle eine weiße Stange nach der anderen – und alle sind perfekt. Jeder Handgriff sitzt. Spargelstechen ist bei den Profis Akkordarbeit. Im Schnitt schafft ein Erntehelfer rund 100 Kilogramm pro Tag. Morgens und abends ackern sie in zwei Schichten, bis zu zehn Stunden am Tag, sechs Tage die W​oche. Ein Knochenjob. Die Erntehelfer bekommen normalerweise Mindestlohn, bei Hawighorst ist es mit 9,50 Euro etwas mehr. Zusätzlich gibt es eine Prämie, wenn die Kisten am Abend besonders voll sind. "Dann müssen sie aber auch mehr als 15 Kilogramm pro Stunde schaffen", sagt Hawighorst.

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Adrian und ich sind mittlerweile am Ende der Reihe angekommen. Er hievt seine zwei bis zum Rand gefüllten Kisten – und meine halbvolle – in den Transporter, kennzeichnet sie mit seiner "Personalnummer" und bringt leere Kisten wieder mit. Wir machen uns an die nächsten 350 Meter. Als ich mir meinen Schnürsenkel neu binden muss, Zittern meine Finger. Mein Rücken macht sich erstaunlicher Weise noch kaum bemerkbar. Dafür eher die Unterarme von den ungewohnten Bewegungen. 

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Das Stechen wird langsam selbst bei mir routinierter. Da in dieser Reihe noch nicht so viel Spargel reif ist, können wir sogar ab und zu die Spinne für ein paar Meter laufen lassen. Ein gutes Gefühl – endlich schaffen wir etwas. "Jetzt arbeiten wir richtig", sagt Adrian mit einem breiten Grinsen. Das stetige Surren der Spinne hat etwas beruhigendes. Trotzdem habe ich die ganze Zeit über ein schlechtes Gewissen, weil ich Adrian ausbremse und seinen Schnitt ruiniere. Während ich noch eine Stange freilege, hat er bereits drei gestochen. Das setzt mich unter Leistungsdruck. Doch der Pole ist geduldig. Und wenn ich mal wieder verzweifle, weil ich nicht treffe, sticht er beherzt zu. Bei ihm sieht es immer so einfach aus.

Mit seinem mittlerweile schon erfahrenen Blick sieht Adrian auch die Stangen, die noch ganz knapp unter der Oberfläche sind, aber schon feine Risse in der trockenen Erde hervorrufen. Ich steche mit ihm weiter, Stange für Stange. Der Wind treibt mir den Sand in die Augen. Ich merke meinen unteren Rücken immer mehr. Aber ich werde auch besser – denke ich jedenfalls. Denn immer, wenn es gerade gut läuft, folgt der nächste Rückschlag. "Der will wieder nicht" oder "Ah, schon wieder zu kurz" muss sich Adrian ein ums andere Mal von mir anhören. 

Michael Gründel, Lea Becker

Nach knapp zwei Stunden sind wir tatsächlich am Ende der Reihe angekommen. "Ich hätte nicht gedacht, dass wir soweit kommen", sagt Adrian etwas überrascht. Mir geht es ähnlich. Die anderen Spargelstecher warten bereits im Bulli auf ihren Kollegen. Doch wir müssen erst noch die 350 Meter zurück laufen. Und Adrian lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Er erzählt mir von seiner Heimat und seiner Familie und zeigt mir Fotos auf seinem Smartphone. Monatelang ist er von Frau und Kind getrennt, jeden Abend telefoniert er mit ihnen. "Ich vermisse sie sehr", sagt der 41-Jährige. Ob er im nächsten Jahr wiederkommen werde? "Wahrscheinlich nicht", sagt er lachend. "Es ist keine einfache Arbeit." Aber es gefalle ihm trotzdem, die frische Luft sei gut für seine Gesundheit.

Michael Gründel, Lea Becker

Die Arbeiter bringen den Spargel zum Hof. Denn mit dem Stechen ist die Arbeit noch lange nicht zu Ende. Die Stangen müssen gewaschen, gegebenenfalls gekürzt oder geschält und sortiert werden. Ich genieße die Stille und lasse meinen Blick über das Feld mit den glänzenden Folien gleiten. In der Nähe läuten Kirchenglocken.

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Die Zeit verging schnell. Ich hätte sogar gerne noch etwas weiter gemacht. Die Arbeit hatte irgendwie etwas beruhigendes und befreiendes. Und man weiß am Ende, was man getan hat. Mit jedem gestochenen Spargel wurden meine Handgriffe routinierter. Auch Adrian war überrascht, dass es so gut geklappt hat. Aber es ist harte Arbeit. Ich spüre meinen Rücken, wenn auch nicht so schlimm wie befürchtet. Meine Hände, die trotz Handschuhen pechschwarz sind, und meine Unterarme schmerzen ebenfalls.

Michael Gründel, Lea Becker

Im Gegensatz zu Adrian und seinen Kollegen war ich gerade mal für ein paar Stunden Spargelstecher. Zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche könnte ich mir das nicht vorstellen. Und ich hatte Glück mit dem Wetter: die Sonne schien, es war angenehm warm. Die Erntehelfer müssen auch im strömenden Regen aufs Feld.

Text: Lea Becker

Fotos: Michael Gründel, Lea Becker


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