Jahresprogramm 2020 vorgestellt Osnabrücker „Forum Migration“ diskutiert über Asyl und Zivilgesellschaft

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David Ebener

Osnabrück. Das „Forum Migration“ des Museumsquartiers Osnabrück hat sein Veranstaltungsprogramm für das Jahr 2020 vorgelegt. Der Schwerpunkt liegt auf zivilgesellschaftlichem Engagement in Osnabrück im Kontext von Flucht und Asyl.

„Der ,Lange Sommer der Migration‘ im Jahr 2015 ging in die Geschichte ein“, heißt es dazu in einer Pressemitteilung des städtischen Presseamtes. „Etwa eine Millionen Menschen machten sich, in erster Linie über die sogenannte Balkanroute, auf den Weg nach Deutschland, um Asyl und Schutz zu suchen.“ Als unmittelbare Reaktion darauf habe das Land eine große Welle des zivilgesellschaftlichen Engagements erlebt, aber auch eine zusehends restriktivere Gesetzgebung sowie die Zunahme rassistischer Übergriffe.

Das „Forum Migration“ des Museumsquartiers Osnabrück wolle sich vor diesem Hintergrund Fragen wie diesen widmen: „Wo stehen wir heute, fünf Jahre später? Was hat sich seitdem verändert? Was meint ,zivilgesellschaftliches Engagement‘? Warum ist es auch im Jahr 2020 noch von Relevanz?“ Dabei sollen auch  lokale Aspekte zur Sprache kommen, unter anderem im Hinblick auf sogenannte „widerständige Praktiken“, womit beispielsweise vorübergehende Blockaden oder die Verhinderung von Abschiebungen gemeint sein können.

Das Programm

Am Donnerstag, 27. Februar 2020, 17 Uhr, findet in der Villa Schlikker im Museumsquartier an der Lotter Straße ein offener Diskussionsabend unter dem Titel „Osnabrücker Initiativen der Zivilgesellschaft im Kontext Flucht und Asyl“ statt. 

Gemeinsam mit den Initiativen solle der erste Termin des Jahres genutzt werden, um zu diskutieren, wie Osnabrück als solidarische Stadt in Zukunft zu gestalten ist. Zu Beginn sollen eingeladene Initiativen sich und ihre Arbeit kurz vorstellen. Im Anschluss soll darüber gesprochen werden, warum solidarische und widerständige Praktiken zivilgesellschaftlichen Engagements auch im Jahr 2020 wichtig seien. Zu den Fragen, über die debattiert werden soll, gehören auch diese: „Welchen Einfluss nimmt dabei die Osnabrücker Stadtgesellschaft? Wie kann eine Stadtgesellschaft, in der alle solidarisch miteinander leben, zukünftig aussehen?“ 

Demonstration für die Seenotrettung im Juli 2019. Foto: Elvira Parton

Am Dienstag, 24. März, 19 Uhr, gestaltet die Bühne für Menschenrechte Berlin unter dem Titel „Die Mittelmeer-Monologe – Dokumentarisches Theater“ das Forum Migration, das im Veranstaltungssaal des Museumsquartiers stattfindet. Die „Mittelmeer-Monologe“ erzählen der Ankündigung zufolge von Menschen, die den riskanten Weg übers Mittelmeer auf sich nehmen, in der Hoffnung, in Europa in Sicherheit leben zu können, von libyschen Küstenwachen, italienischen Seenotrettungsstellen und deutschen Behörden, die dies verhindern und von Aktivistinnen und Aktivisten, die dem Sterben auf dem Mittelmeer etwas entgegensetzen.

In der Mitteilung heißt es weiter: „Es ist, als ob die Schauspielerinnen und Schauspieler die Menschen im Publikum direkt ansprechen, ihnen die Hand reichen und sie hineinziehen in eine Welt, die sie von nun an nicht mehr kalt lassen wird: Verwickelt, verschlungen, verbunden und vernetzt mit den Protagonistinnen und Protagonisten, folgt das Publikum – ganz nach dem diesjährigen Motto der Internationalen Wochen gegen Rassismus ,Gesicht zeigen – Stimme erheben‘ – gespannt den Wegen der erzählten Geschichten. Die deutlich werdende rassistische Haltung gegenüber Geflüchteten, die zur Abschreckung ertrinken gelassen werden, wird hinterfragt.“

Karten im Vorverkauf kosten 10 Euro, an der Abendkasse 12 Euro, ermäßigt 5 Euro bzw. mit Kukuk-Karte 1 Euro. Die Veranstaltung ist eine Kooperation von Museumsquartier, Seebrücke Osnabrück, dem Netzwerk „Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung“ (Kritnet) sowie dem Büro für Friedenskultur der Stadt Osnabrück im Rahmen der „Internationalen Wochen gegen Rassismus“. Unterstützung kommt vom Osnabrücker Exil-Verein. Weitere Informationen unter Telefon 0541/323-2322 erhältlich. 

„Umkämpfte Räume des Asyls in Osnabrück“ ist der Titel eines Impulsvortrags mit anschließender Diskussion mit Sophie Hinger am Donnerstag, 23. April, 17 Uhr, in der Villa Schlikker. Hinger ist Sozialgeographin am Osnabrücker Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (Imis). Sie gibt Antworten auf die Frage, welche Rolle „pro-migrantische zivilgesellschaftliche Initiativen“ für den Umgang mit (Flucht-)Migration vor Ort spielen. Mit einem besonderen Fokus auf die Aufnahme und Unterbringung von Geflüchteten werde Hinger die Entstehung, Dynamiken und Folgen zivilgesellschaftlichen Engagements für und mit Geflüchteten in Osnabrück nachzeichnen. „Dabei schlägt sie den Bogen von der Entstehung solidarischer Initiativen und Proteste rund um die Eröffnung der ersten Sammelunterkünfte für Geflüchtete Anfang der 1980er-Jahre bis zu den Reaktionen auf den ,Langen Sommer der Migration 2015‘.“

Im Verlauf der Straße Kamp in Osnabrück stand Ende September 2018 dieses Holzkreuz mit der Aufschrift "Seenotrettung jetzt – #Seebrücke". Foto: Arne Köhler

Beim Impulsvortrag und der anschließenden Diskussion mit Margret Pues (Referentin für Flüchtlingshilfe beim Caritasverband) und Pastor i. R. Frieder Marahrens geht es am Donnerstag, 18. Juni, 17 Uhr, in der Villa Schlikker um „Rückblick und Ausblick zum zivilgesellschaftlichen Engagement am Beispiel des Kirchenasyls“.  Dazu heißt es in der Ankündigung: „Das Kirchenasyl steht in einer jahrhundertealten Schutztradition und ist als ,ultima ratio‘ immer Nothilfe in einem konkreten Einzelfall. Es dient dazu, Gefahren für Leib und Leben, drohende Menschenrechtsverletzungen oder individuell unzumutbare Härten für die geflüchtete Person abzuwenden.“

Das erste Kirchenasyl der Neuzeit in Osnabrück sei 1996 gewährt worden. Dazu hätten Vertreter aus Zivilgesellschaft und Kirchen das ökumenische Netzwerk „Asyl in der Kirche“ gegründet. „Im Rahmen des christlichen Engagements für Geflüchtete kommt es auch heute immer wieder dazu, dass Kirchengemeinden und Ordensgemeinschaften von Zurück- oder Abschiebung Bedrohte vorübergehend in kirchlichen Räumen aufnehmen, um ihnen in einer konkreten Notsituation beizustehen.“

Am Donnerstag, 27. August, 17 Uhr, findet im Akzisehaus im Museumsquartier unter dem Titel „Mach’s doch selbst!“ eine Projektvorstellung und ein Workshop mit den Ehrenamtskoordinatorinnen des Exil-Vereins Lara Benteler und Maria Neunteufel statt.

Der Ankündigung zufolge möchte das Museumsquartier Osnabrück im Projekt „Mach’s doch selbst!“ das ehrenamtliche Engagement beim Exil-Verein stärken. „Es sollen sowohl Menschen mit Fluchterfahrung dazu ermutigt werden, sich zu engagieren und dabei unterstützt werden, eigene Projektideen umzusetzen, als auch Menschen ohne Fluchterfahrung in ihrem Engagement gefördert werden.“ In ihrem Workshop möchten Benteler und Neunteufel „Ergebnisse“ von „Mach’s doch selbst!“-Projekten präsentieren und sie als Objekte mit Migrationsgeschichte vorstellen, die Eingang in das Virtuelle Osnabrücker Migrationsmuseum finden können.

Foto: Jörn Martens

Am Donnerstag, 1. Oktober, 17 Uhr, findet im Akzisehaus unter dem Titel „Trauma und Flucht – Psychosoziale Versorgung von Geflüchteten in Niedersachsen“ ein Impulsvortrag mit anschließenden Diskussion statt. Referentin ist Sandra Steinkühler vom Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen (NTFN).

Viele Geflüchtete seien von Ereignissen in den Kriegszonen ihrer Herkunftsländer sowie Ereignissen auf ihrem Fluchtweg tief traumatisiert, heißt es dazu. In Osnabrück wurde im November 2017 ein Psychosoziales Zentrum des NTFN eingerichtet. Steinkühler wird über die aktuelle psychosoziale Versorgungslage von Geflüchteten in und um Osnabrück berichten und darauf hinweisen, wie die Zivilgesellschaft traumatisierte Menschen mit Fluchterfahrung unterstützen kann.

 „‚Wir wollen keine Angst vor Abschiebung haben! Wir wollen gleiche Rechte für alle!‘ Proteste gegen Dublin-Abschiebungen in Osnabrück (2014-2017)“ ist der Titel eines weiteren Impulsvortrags mit anschließender Diskussion, der am Donnerstag, 26. November, 17 Uhr, im Akzisehaus geplant ist. Den Vortrag hält die Maren Kirchhoff, die derzeit mit einem Stipendium der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung an der Universität Osnabrück promoviert.

Die Ankündigung der Stadtverwaltung verweist darauf, dass das „Bündnis gegen Abschiebungen Osnabrück“ 2014/15 zahlreiche Dublin-Abschiebungen verhindert habe. „Seine Strategie war es, sich vor Unterkünften zu versammeln und so die Überschreitung der in der Dublin-Verordnung festgeschriebenen sechsmonatigen Überstellungsfrist herbeizuführen.“ 2015 habe der Deutsche Bundestag im Rahmen des Asylpakts ein Ankündigungsverbot für Abschiebetermine beschlossen. „Dennoch konnten Bewohnerinnen und Bewohner der Unterkunft am Ickerweg mehrere Abschiebungen kollektiv verhindern und feierten im September 2017 ,100 Tage abschiebefrei‘.“ In ihrem Vortrag werde die Referentin kurz in die Dublin-Verordnung einführen, die Funktionsweise der Proteste gegen Dublin-Abschiebungen in Osnabrück erläutern und diese in den größeren gesellschaftlichen Kontext einordnen.

Foto: Archiv/Michael Gründel

Das Forum Migration wird gefördert durch die Stiftung Stahlwerk Georgsmarienhütte und Stiftung Niedersachsen. 


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