Bibel bot nicht die richtige Orientierung Tag, Monat, Jahr. Wie ist unser Kalender entstanden?

Von Thomas Vogtherr (Gastautor)

Thomas Vogtherr ist Professor am Historischen Seminar. Foto: PentermannThomas Vogtherr ist Professor am Historischen Seminar. Foto: Pentermann

Osnabrück . Der amerikanische Astrophysiker Guy Consolmagno leitet eine Sternwarte. Pater Joseph – das ist sein Ordensname als Jesuit – ist Direktor der vatikanischen Sternwarte. Warum „um Himmels willen“ unterhält der Vatikan eine Sternwarte? Gegründet wurde sie 1578 von Papst Gregor XIII. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, den aus den Fugen geratenen Julianischen Kalender zu reformieren, und dafür brauchte er Fachleute, Mathematiker und Astronomen. Was aber war aus den Fugen gegangen?

Im Jahre 46 v. Chr. hatte Julius Caesar einen Kalender eingerichtet, der uns heute bekannt vorkommt: ein Jahr mit 365 Tagen, alle vier Jahre einen Schalttag mehr, Jahresbeginn am 1. Januar. Auf den Rat ägyptischer Astronomen vertrauend hatte er diesen leidlich präzisen Rahmen für die künftigen Kalender festgesetzt. Aber er war eben nicht wirklich genau. In Wahrheit ist das Sonnenjahr elf Minuten kürzer, und dieser Fehler summiert sich alle 128 Jahre zu einem ganzen Tag.  (Weiterlesen: Wenn Professoren im Vier-Minuten-Takt kniffelige Fragen beantworten müssen)

Präziser Kalender war zwingend

Kein Wunder, dass der Kalender nachgebessert werden musste, und das ist seit dem 4. Jh. n. Chr. die Sache von Kirche und Theologen geworden.

Den Kalender möglichst präzise am Umlauf der Sonne um die Erde – so dachte man ja sehr lange – zu orientieren, das war deswegen unerlässlich, weil das höchste Fest der Christenheit, das Osterfest, von Sonnenstand und Mondumlauf abhängig ist. Ein präziser Kalender als Grundlage für die Osterfestberechnung war zwingend.

12. Osnabrücker Wissensforum

Beim 12. Osnabrücker Wissensforum im November 2019 haben wieder zahlreiche Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag:  Tag, Monat, Jahr. Wie ist unser Kalender entstanden?
Die Filmbeiträge zu den einzelnen Vorträgen sind unter www.uni-osnabrueck.de/wissensforum abrufbar.
Das nächste Osnabrücker Wissensforum wird am 13. November 2020 stattfinden.

Zwingend war auch, den Beginn der Jahreszählung festzulegen. Das war nicht als trivial, denn die Bibel bot nicht die rechte Orientierung. Wann genau hatte die Schöpfung stattgefunden? Es gab so viele Lösungen wie Theologen. Da also die Schöpfung als Ausgangspunkt nicht infrage kam, versuchte man, das Datum vom Christi Geburt zu berechnen, und fing die Jahreszählung damit an. 

Italienischer Mönch hat sich verrechnet

Deswegen gibt es auch kein Jahr null: Es ist logisch unnötig und unmöglich. Einer Geburt mögen stundenlange Wehen vorausgehen, aber irgendwann einmal, in einem Augenblick, ist das Kind auf dieser Welt. Und von diesem Augenblick der Geburt Christi an gerechnet, zählt unser Kalender die Jahre. Alles, was vorher war, wird in Jahren vor Christi Geburt gezählt. Der Erfinder der Rechnung, ein italienischer Mönch, hat sich verrechnet. Aber wollen wir ihm das ernstlich vorhalten? Wir haben uns daran gewöhnt, dass die Leben-Jesu-Forscher uns sagen, Jesus von Nazareth sei in Wahrheit zwischen 7 und 4 v. Chr. geboren.

Tage sind einfach ausgefallen

Pater Joseph Consolmagnos Sternwarte entstand 1578. Zu diesem Zeitpunkt wichen Sonnenstand und Kalender wieder um zehn Tage voneinander ab. Deswegen ließen die Experten der Kalenderreform im Jahr 1582 so viele Tage aus dem Kalender heraus: Niemals gab es in der Weltgeschichte die Tage vom 5. bis 14. Oktober 1582; sie sind einfach ausgefallen. Nur nicht bei den Protestanten: Sie lehnten im 16. Jahrhundert alles ab, was vom Papst kam, mochte es auch richtig sein. Jahrzehntelang standen zwei Kalender in Mitteleuropa gegeneinander. Erst 1700 war Schluss damit, und seither gilt der Gregorianische Kalender fast überall. Nur galt er nie im zaristischen Russland, und deswegen fand die Oktoberrevolution eben im November statt.

Kalender waren immer eine Sache von Schamanen, Priestern und Theologen. Sie setzten den Rahmen für das menschliche Alltagsleben, bis heute. Unser christlicher Kalender legt davon Zeugnis ab, auch davon, wie sehr dieser Entstehungshintergrund vergessen werden kann, weil er so völlig alltäglich geworden ist.


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