Verrohung in der Gesellschaft Digitaler Faschismus. Warum funktioniert der Hass im Netz so gut?

Von Christoph Rass (Gastautor)

Symbolfoto: Fabian Sommer/dpaSymbolfoto: Fabian Sommer/dpa
Fabian Sommer

Osnabrück . In den 1450er Jahren hat Johannes Gutenberg mit seinen beweglichen Lettern die Informationstechnologie revolutioniert. 1486 hat Heinrich Kramer den Hexenhammer veröffentlicht. Ein Manifest voller Hass auf Frauen zur Rechtfertigung der Inquisition mit furchtbarer Wirkung über Jahrhunderte.

Das Internet ist nun 50 Jahre alt geworden. Es ist ein Ort globaler Kommunikation, aber auch ein Instrument eitler Selbstbespiegelung, hasserfüllter Diffamierung und selbstreferenzieller Radikalisierung. (Weiterlesen: Wenn Professoren im Vier-Minuten-Takt kniffelige Fragen beantworten müssen)

Digitaler Faschismus wuchert

Neue Medien schaffen neue Möglichkeitsräume für Gutes und Böses. Gesellschaften müssen immer wieder neu lernen, das eine zu gestalten und auf das Andere einzugehen. Im Analogen haben wir schon einige Übung. In der sich rasant und expansiv wandelnden digitalen Welt stehen wir am Anfang. Warum also wuchert der Digitale Faschismus. Warum funktioniert der Hass im Netz so gut?  

12. Osnabrücker Wissensforum

Beim 12. Osnabrücker Wissensforum im November 2019 haben wieder zahlreiche Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Digitaler Faschismus. Warum funktioniert der Hass im Netz so gut?
Die Filmbeiträge zu den einzelnen Vorträgen sind unter www.uni-osnabrueck.de/wissensforum abrufbar.
Das nächste Osnabrücker Wissensforum wird am 13. November 2020 stattfinden

Faschismus ist ein autoritäres, ultranationalistisches Gesellschaftsmodell, in dem „Volk“ und „Führung“ ein Heilsversprechen von vermeintlicher „Reinheit“ und „Einheit“ ableiten. Sein Vehikel ist die scharfe Abgrenzung eines imaginierten „Wir“ durch rassistische, kulturalistische oder sexistische Differenzproduktion. Anfällig für Faschismus machen Angst, Enttäuschung, Unterlegenheitsgefühle oder Krisenerfahrungen. Wachsende Diversität in liberalen, demokratischen, weltoffenen Gesellschaften schafft diesem Denken sein aktuelles Feindbild. 

Hoher Grad an Vernetzung

Die Digitalisierung hat einen hohen Grad an Vernetzung ermöglicht. Soziale Interaktion verlagert sich ins Netz und verläuft dort in neuen Rahmungen: sehr öffentlich oder sehr heimlich, zwischen Einzelnen, Gruppen oder massenmedial. Die Verbindung mit Künstlicher Intelligenz ermöglicht Information oder Desinformation, Aufklärung oder Diffamierung in neuen Dimensionen.

Das spielt faschistoider Hassproduktion in die Hände. Bisher marginalisierte Akteure mit extremen Einstellungen organisieren sich digital, können sich abschotten, radikalisieren – und so selbstermächtigt losschlagen. Die Täter handeln aus dem Verborgenen. Als digitaler Mob mit digitalen Waffen. Zugleich erlauben es soziale Medien – etwa rechtsradikalen Politiker/innen – Räume, in denen Rassistisches oder Antisemitisches sagbar wird, und damit letztlich reale Gewalt in einer Art auszuweiten, auf die wir noch keine Antwort finden.

Christoph Rass ist Professor am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien, Foto: Hermann Pentermann

Menschenfeindliches geht zu vielen, digital enthemmt, leicht von der Hand, erreicht großes Publikum und wird geheuchelt relativiert, wenn der Schaden angerichtet ist. Tweet um Tweet frisst sich Verrohung in unsere Gesellschaft.  

Strategien fehlen

Das Netz hält ein neues Arsenal für Radikalisierung, Bedrohung und Propaganda bereit. Wir verstehen die Mechanismen. Noch aber fehlen uns Strategien, digitale Subkulturen der Menschenfeindlichkeit einzuhegen. Dazu wäre es gut, nicht in Echokammern der Selbstbestätigung abzudriften, sondern plural informiert zu zivilisiertem Streit fähig zu bleiben. Dazu wäre es gut, durch Konventionen und Werkzeuge digitale Desinformationskampagnen, Bots und Trolle zu entlarven. Dazu wäre es gut, ein Handeln zur Normalität zu machen, mit dem wir jeder Produktion von Hass widersprechen, die Akteure deutlich, öffentlich und ganz unaufgeregt benennen und nicht einmal durch Schweigen zu Komplizen und Komplizinnen werden.

Unsere Gesellschaft lernt, mit dem ambivalenten Potenzial der neuen Medien umzugehen. Hoffentlich geht es schneller als beim Hexenhammer. Der ist heute nur noch Gegenstand kritischer Forschung.


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