Nicht jede Silbe ist gleich wichtig Wortfeuerwerk. Haben Sprachen unterschiedliche Geschwindigkeiten?

Von Alexander Bergs (Gastautor)

Alexander Bergs ist Professor am Institut für Institut für Anglistik/Amerikanistik. Foto: Hermann PentermannAlexander Bergs ist Professor am Institut für Institut für Anglistik/Amerikanistik. Foto: Hermann Pentermann

Osnabrück . Für die meisten von uns klingt Japanisch oder auch Französisch erst einmal ziemlich „schnell“, Deutsch oder Mandarin hingegen eher langsam. Linguisten können dies sogar messen, indem sie zum Beispiel untersuchen, wie viele Silben pro Sekunde ein durchschnittlicher Sprecher produziert.

Für Japanisch sind dies im Schnitt acht Silben pro Sekunde. Spanisch kommt auf ein ähnliches Ergebnis. Deutsch kommt auf rund fünf Silben pro Sekunde. Dabei sollte klar sein, dass diese Messungen sehr schwierig und umstritten sind. Denn: Was ist zum Beispiel der Durchschnitt? (Weiterlesen: Wenn Professoren im Vier-Minuten-Takt kniffelige Fragen beantworten müssen)

17 Sprachen verglichen

Dieter Thomas Heck lag sicherlich nahe am Japanischen. Rüdiger Hoffmann repräsentiert das andere Ende des Spektrums. Aus dieser Sicht empfinden wir Sprachen also als unterschiedlich schnell oder langsam. Verstärkt wird dieser Effekt auch dadurch, dass wir viele Sprachen nicht kennen. Ein Sprecher des Urdu, der noch nie Deutsch gehört hat, würde auch dies wahrscheinlich als schnell empfinden, auch wenn es faktisch eher zu den langsamen Sprachen gehört.

Aber heißt das auch, dass schnelle Sprachen effektiver sind und Informationen schneller und besser übermitteln? Hierzu hat eine Studie 17 Sprachen aus dem europäischen und asiatischen Sprachraum untersucht. Es wurde unterschieden zwischen der Informationsdichte (in bit) und der Sprechgeschwindigkeit (in Silben pro Sekunde). 

12. Osnabrücker Wissensforum

Beim 12. Osnabrücker Wissensforum im November 2019 haben wieder zahlreiche Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Wortfeuerwerk. Haben Sprachen unterschiedliche Geschwindigkeiten?
Das nächste Osnabrücker Wissensforum wird am 13. November 2020 stattfinden.

Es zeigte sich, dass die Informationsdichte bei allen Sprachen konstant bei 39,15 bit pro Sekunde lag. Wie ist das möglich? Nicht jede Silbe ist zum Sprachverständnis gleich wichtig. Wenn man im Französischen das Wort parce que ‚weil‘ anschaut, so sieht man, dass nach der ersten Silbe parce die Sache klar ist und nur ein que folgen kann. 

Nicht jede Silbe ist gleich wichtig

Der informative Gehalt der zweiten Silbe que ist somit gleich null. Nicht jede Silbe ist also gleich wichtig. Dies kann man nun für alle 17 untersuchten Sprachen berechnen und entdeckt, dass Japanisch rund fünf bit pro Silbe übermittelt, also eine Chance von 1:32 besteht, die nächste Silbe korrekt vorherzusagen. Englisch hingegen hat rund sechs bit pro Silbe, Vietnamesisch stolze acht (aber nur fünf Silben pro Sekunde – also ziemlich langsam).  

Menschen sind ziemlich langsam

Es zeigt sich also ein umgekehrt proportionales Verhältnis: je höher die Sprechgeschwindigkeit (in Silben pro Sekunde), desto geringer die Informationsdichte pro Silbe und umgekehrt. Und interessanterweise konvergieren praktisch alle untersuchten Sprachen bei einem Mittelwert von rund 39,15 bit pro Sekunde. Damit sind wir als Menschen immer noch ziemlich langsam. Zum Vergleich: Eine DSL-Verbindung mit 25Mbit/s überträgt 25.600 bit pro Sekunde und wäre für die meisten Online-User immer noch zu langsam. Warum es diese konstante Übertragung von 39,15 bit pro Sekunde in der menschlichen Sprache gibt, ist Anlass für viel Spekulation.

Kognitive und biologische Ursachen

Am plausibelsten erscheint dabei immer noch die Annahme, dass dies kognitive und biologische Ursachen haben könnte. Bei weniger als 39 bit/s gelingt es nicht immer, wichtige Informationen schnell genug zu übermitteln. Unsere Vorfahren wären da schon längst vom Löwen gefressen worden, bevor die Nachricht überhaupt ankam! Mehr als 39 bit/s sind wahrscheinlich für die menschliche Kognition nicht einfach und sicher zu verarbeiten. Dies wäre auf Dauer ziemlich anstrengend und fehleranfällig. 39 bit/s scheint also die optimale Datenmenge zur Verarbeitung zu sein, egal ob wir nun Sprachen als schnell oder langsam empfinden. Und so sind alle Sprachen und Menschen doch irgendwie gleich.


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