Wissen über sich selbst Selbstwahrnehmung. Hat Künstliche Intelligenz ein Bewusstsein?

Von Kai-Uwe Kühnberger (Gastautor)

Kai-Uwe Kühnberger ist Professor am Institut für Kognitionswissenschaft. Foto: PentermannKai-Uwe Kühnberger ist Professor am Institut für Kognitionswissenschaft. Foto: Pentermann

Osnabrück . Selbstwahrnehmung könnten wir als Wissen um die eigene Person eines Agenten beschreiben. Sie ist im Wesentlichen eine erkenntnistheoretische Kategorie über eine reflexive Zuschreibung von Eigenschaften.

Die verschiedenen Dimensionen der Bedeutung des Begriffs des Bewusstseins sind allerdings komplexer: So können kognitive Agenten damit gemeint sein, die Gedanken haben, die Wahrnehmungen „erleben“ können, die Entscheidungen treffen können, oder die um sich selbst wissen. Wenn wir die Frage vereinfacht auf der Ebene der reflexiven Zuschreibung von Eigenschaften verstehen, ist eine Übertragung dieser Konzeptualisierung auf Maschinen und Programme möglich.  (Weiterlesen: Wenn Professoren im Vier-Minuten-Takt kniffelige Fragen beantworten müssen)

Wissen über sich selbst

Der künstliche Agent, die Künstliche Intelligenz (KI), soll sozusagen also Wissen über sich selbst haben. Die KI soll wissen, was sie glaubt, was sie weiß, welche Wahrnehmungen sie gerade hat, in welchem emotionalen Zustand sie gerade ist oder warum sie eine bestimmte Entscheidung getroffen hat. Zudem sollte sie in der Lage sein, sich selbst Ziele zu setzen, sie sollte also in einem gewissen Sinne autonom sein. Dies bedingt einige notwendige Voraussetzungen: Eine solche KI sollte handeln und damit ihre Umwelt verändern können. Sie sollte Wahrnehmungen interpretieren können. Sie sollte innere Zustände haben, die analog zu emotionalen Zuständen des Menschen interpretiert werden können. Und sie sollte aus Erfahrung lernen können und gewisse soziale Fähigkeiten haben.

Nur ein Eintrag in einer Wissensbank

Gibt es solche Systeme schon heute? In Ansätzen würde ich sagen: Ja, solche Systeme gibt es. KI-Systeme können Wissen über die Umgebung haben, sie können Entscheidungen treffen, sensorische Inputs interpretieren und vieles mehr. Zwar tun sie das nicht im menschlichen Sinne, aber sicherlich können sie das aus einer Maschinen-Perspektive.

12. Osnabrücker Wissensforum

Beim 12. Osnabrücker Wissensforum im November 2019 haben wieder zahlreiche Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Selbstwahrnehmung. Hat Künstliche Intelligenz ein Bewusstsein?
Das nächste Osnabrücker Wissensforum wird am 13. November 2020 stattfinden.

Haben dann solche KI-Systeme ein Bewusstsein und eine Selbstwahrnehmung? Hier muss man einen wichtigen Punkt voranschicken: Die Wahrnehmung eines Roboters mittels einer Kamera unterscheidet sich von einer menschlichen visuellen Wahrnehmung, das Treffen einer Entscheidung funktioniert psychologisch anders als dies in einer KI realisiert wird, und etwas zu wissen heißt für Menschen, von etwas überzeugt zu sein – für die KI ist das nur ein Eintrag in einer Wissensbank. 

Eigenschaften sind grundverschieden

Insofern: Die zuvor genannte reflexive Zuschreibung von Eigenschaften kann es sowohl bei Menschen als auch bei einer KI geben, allerdings sind diese Eigenschaften grundverschieden in ihrer Realisation. Deswegen ist das Bewusstsein einer KI kein menschliches Bewusstsein. Es ist vielmehr eine Simulation von Bewusstsein, mit Modellen, die Konzepte nachbilden, die wir aus der Psychologie und der Kognitionswissenschaft entlehnen und durch Methoden der Informatik realisieren.  

Die meisten gegenwärtigen KI-Systeme haben diese reflexiven Eigenschaften nicht, und folglich haben sie noch nicht einmal eine rudimentäre Form einer Simulation von Bewusstsein. Zukünftig könnte ich mir aber in der Tat vorstellen, dass solche originär menschlichen Fähigkeiten in KIs so natürlich simuliert werden können, dass wir Menschen einem Roboter intuitiv sofort abnehmen würden, dass er sich gerade freut, dass er beleidigt ist, ähnliche Wahrnehmungen hat wie wir und „menschliche“ Entscheidungen trifft. Wir schreiben dies einer gut funktionierenden Maschine relativ schnell zu.

Insofern: Ja, KIs werden in Zukunft Selbstwahrnehmung und Bewusstsein simulieren können, „menschliches“ Bewusstsein haben sie aber deswegen noch nicht.


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