Spannungsgefüge zwischen Rom und deutscher Ortskirche Reformbischöfe ausgebremst? Ist der Papst ein Hardliner?

Von Margit Eckholt (Gastautorin)

Papst Franziskus. Foto: Gregorio Borgia/AP/dpaPapst Franziskus. Foto: Gregorio Borgia/AP/dpa
Gregorio Borgia

Osnabrück . Papst Franziskus hatte am 29. Juni 2019 einen „Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ gesandt, ein Zeichen für die aufgeregten Debatten in Rom über die Entwicklungen in der deutschen Ortskirche, vor allem den im Frühjahr dieses Jahres verabschiedeten „synodalen Weg“.

Die Kritiker des Reformwegs haben die Worte des Papstes als Mahnung verstanden, keinen deutschen „Eigenweg“ einzuschlagen, die Befürworter sehen sich von Papst Franziskus bestätigt, im Sinne der „Kirche im Aufbruch“ neue Wege im Dienst der Evangelisierung einzuschlagen. (Weiterlesen: Wenn Professoren im Vier-Minuten-Takt kniffelige Fragen beantworten müssen)

Spannungsgefüge ist nicht neu

Sicher kann die Frage gestellt werden, ob die Reformbischöfe ausgebremst werden; Kardinal Reinhard Marx wurde vor Beginn der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im September 2019 zu einem Gespräch nach Rom einbestellt. Aber dieses Spannungsgefüge zwischen der deutschen Ortskirche und Rom ist nicht neu. Gerade weil Papst Franziskus kein „Hardliner“ ist, können sich vielfältige und auch widersprechende Stimmen melden: Ein – sicher spannungsreicher – Raum des Aushandelns von Wegen in die Zukunft tut sich auf. 

Margit Eckholt ist Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie am Institut für Katholische Theologie. Foto: Pentermann

Das war in Zeiten von Papst Johannes Paul II. anders; hier wurde die deutsche Ortskirche in massiver Weise ausgebremst: Wir erinnern uns an die Besetzung von Bischofsstühlen wie 1988 in Köln, 1993 das Abblocken des Vorschlags der Bischöfe der oberrheinischen Kirchenprovinz zum Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene, und 1999 der auf römische Anweisung erfolgte Ausstieg der deutschen Bischöfe aus der gesetzlichen Schwangerenkonfliktberatung mit Ausstellung des Beratungsscheins. 

12. Osnabrücker Wissensforum

Beim 12. Osnabrücker Wissensforum im November 2019 haben wieder zahlreiche Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag:  Reformbischöfe ausgebremst? Ist der Papst ein Hardliner? 
Das nächste Osnabrücker Wissensforum wird am 13. November 2020 stattfinden.

Die deutschen Bischöfe haben mit Mehrheit für einen synodalen Weg gestimmt, der zusammen mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken beschritten wird. Und auf diesem Weg werden sich Experten und Expertinnen aus Kirche und Wissenschaft mit „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“, mit „Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“, mit der „priesterlichen Existenz heute“ und mit „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“ auseinandersetzen.  

Ein offener Prozess

Sicher, dieser synodale Weg ist ein offener Prozess, er kann ausgebremst werden, unklar ist der Umgang mit den Ergebnissen, die aus den Diskussionen erwachsen. Aber dieser Weg wird die Kirche in Bewegung halten; Papst Franziskus hat kein Redeverbot erteilt, was Fragen von Macht, Sexualität oder Frauen in kirchlichen Ämtern angeht; er selbst hat mehrfach den Klerikalismus angeprangert und fordert eine Reform der Kirche, die sich an den Werten des Evangeliums orientiert. Damit bestärkt er die Aufbrüche des 2. Vatikanischen Konzils.

Erneuerungen nicht absehbar

Bei Ankündigung des Konzils durch Johannes XXIII. im Januar 1959 war überhaupt noch nicht abzusehen, welche Erneuerungen dieses Konzil bedeuten wird. Und es waren gerade die deutschen Bischöfe, durch deren beharrlichen Einsatz am Beginn des Konzils die Reformthemen der Moderne – Freiheitsrechte, Menschenwürde, Demokratie, Religionsfreiheit und Dialog mit anderen christlichen Kirchen, Religionen, der säkularen Gesellschaft – auf die Agenda kamen und Abschied von einer hierarchischen, exklusivistischen katholischen Ekklesiologie genommen werden konnte.

Ähnliche Hoffnungen werden heute in einer weltkirchlichen Perspektive mit dem Reformweg der deutschen Bischöfe verbunden – hoffen wir, dass dieser Weg Mut macht für weitergehende Aufbrüche in anderen Ortskirchen der Welt, im Dienst des Evangeliums Jesu Christi und eines Miteinanders in Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit.


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