Tierpfleger im Zoo Osnabrück Ein Fall für Fays: Ein tierisches Vergnügen



Osnabrück. Tierpfleger machen ihren Beruf aus Berufung. Das sagen sie nicht nur, das strahlen sie auch aus. Obwohl es knochenharte Arbeit ist, würden sie ihren Beruf für kein Geld der Welt gegen einen Bürojob eintauschen. Als ich meinen Arbeitstag im Rahmen meiner Serie „Ein Fall für Fays“ im Kamelrevier des Osnabrücker Zoos beginne, ist Grastag. Nie hätte ich gedacht, dass Grashalme so schwer sein können.

Ich wurde darauf vorbereitet, festes Schuhwerk mitzubringen. Dass ich aber bereits morgens um acht Kamelköttel zusammenkehren soll, überrascht mich dann schon. Die Leiterin des Kamelreviers, Tanja Boss, drückt mir zur Begrüßung den Besen in die Hand. Sie hat schon vorher angefangen und trotz der wenig Vergnügen versprechenden Tätigkeit dieses beschwingte Lächeln auf den Lippen, an das ich mich heute wohl erst noch gewöhnen muss. Noch kann ich nicht genau ausmachen, woran das liegt. Einerseits könnte es die auch nach 25 Jahren als Kamelpflegerin immer noch nicht verblasste Liebe zum Beruf sein. Andererseits könnte es am Dromedar-Jungtier Basima liegen, das ständig am Besen in ihrer Hand nagt oder versucht, sie abzulecken. „Basima hat keine Geschwister. Deshalb ist sie sehr anhänglich und spielfreudig“, erklärt Tanja.

Herr im Haus

Basima nähert sich auch mir ohne Skepsis. Sie lässt sich streicheln und leckt meine Finger, als ich ihr durch das dichte Fell am Hals fahre. So eine freundliche Begrüßung motiviert, denn von den Tieren mit dem störrischen Ruf hätte ich das nicht erwartet. Tanja zeigt mir, wie ich den Besen halten muss, um auch bereits platt getretene Köttel aus den Rillen der Pflastersteine zu entfernen. Ich kehre sie auf einen Haufen. Tanja schaufelt sie auf die Schubkarre. „Sehr gut. Das fängt ja schon mal gut an“, lobt Tanja. „Dann wollen wir mal sehen, wie Alpaka-Hengst Franco auf dich reagiert.“ Der Hengst sei in der Brunst gerade gegenüber Männern aggressiv. Der Tierarzt habe das schon mehrere Male leidvoll erfahren müssen, berichtet Tanja. „Doch der ist nicht so groß wie du. Vielleicht hat Franco mehr Respekt vor dir.“ Als ich das Tor des Alpaka-Stalls öffne und der weißhaarige Franco vorweg stolziert, mustert er mich kurz – beschließt dann aber, seinen Harem in das Gehege zu führen, anstatt mir zu zeigen, wer Herr in seinem Hause ist.

Neben dem Revier der Alpakas liegt das der Trampeltiere, den Kamelen mit den zwei Höckern. Auch dort steht Ausmisten auf dem Programm. „Und keine Angst, wenn dir Mignon nah kommt. Die will nur schnuppern, wie du riechst. So oft sind hier keine Männer“, warnt Tanja. In der Tat kommt die Kameldame, die schon seit 16 Jahren im Zoo Osnabrück ist, mir bereits näher, als ich gerade erst mit dem Fegen angefangen habe. Ich rühre mich nicht von der Stelle, als ich den Atem und die Nüstern des etwa 500 Kilo schweren Tieres in meinem Nacken spüre. Tanja behält recht. Nach etwa einer Minute zieht das Trampeltier davon. Denn bei allem Respekt. Ihr französischer Name hält nicht, was er verspricht. Niedlich ist Kameldame Mignon nun wirklich nicht.

Rohes Fleisch

Danach holen Tanja, die Gesellin Ricarda und ich uns einen Wagen, gefüllt mit rohem Rindfleisch, Fisch, Küken und Gemüse. Den nehmen wir mit auf die Futterroute durch das Kamelrevier. Das Füttern der Sikahirsche, Rothunde und Wölfe übernehmen Tanja und Ricarda, ich kümmere mich um die Polarfüchse. Die kleinen Wildhunde sind so süß, dass ich fast vergesse, dass es sich um Raubtiere handelt. Ich lege den beiden Tieren eine Schale mit toten Küken, Sprotten und Nektarinenstückchen ins Gehege. Als ein Fruchtbrocken aus der Schale in den Sand fällt, hebe ich es auf und halte es Bijou, der Polarfuchsdame mit dem weißen Fell, vor die Schnauze. Sie schnappt zu – und ich ziehe reflexartig meine Hand zurück, sodass meine Finger verschont bleiben. Tanja fragt noch: „Soll ich schnell etwas zum Desinfizieren holen?“ Doch ich beruhige sie und zeige, dass noch alle Finger dran sind. Den Rest der Fütterung schaue ich mir lieber hinter der Scheibe an. Baldur macht sich einen Spaß daraus, die Verstecke aufzuspüren, die sich Bijou zuvor für Fleisch und Fisch ausgesucht hat. Als Baldur sich über eins der leblosen, gelben Knäuel hermacht, ruft ein Kind: „Das arme Küken.“ Die Zoopädagogin Birgit Strunk, die die Fütterung kommentiert, zeigt wenig Verständnis und sagt: „Wenn Du eine Bratwurst isst, dann war das vorher auch ein süßes armes Ferkelchen.“

Feuchtes Gras

Als wir wieder bei den Kamelen sind, werden auch die gefüttert. „Es ist Grastag“, erklärt Tanja trocken. „Das ist einer der anstrengendsten Tage.“ Ein Trecker kommt mit einer Ladung, von der Alkapas, Dromedare und Trampeltiere zwei Tage zehren müssen. Er lädt einen riesigen Grasberg auf dem Asphalt ab. „Das sind 200 bis 300 Kilo. Je nachdem, wie feucht das Gras ist“, sagt der Fahrer. Tanja zeigt mir kurz, was sie vorhat, verteilt das Gras etwas, drückt mir dann ihre Forke in die Hand und erteilt den Auftrag: „Ich habe noch etwas zu erledigen und komme in einer halben Stunde wieder. Bis dahin verteilst du bitte das Gras vor den Alpakas, den Dromedaren, den Trampeltieren und auf dem gesamten Asphalt.“ Als ich die ersten Grashalme verteile, merke ich, dass das Gras heute sehr feucht ist. Jeder Stich in den Grashaufen zieht in den Unterarmen. Unter meinem Pullover komme ich mächtig ins Schwitzen. Doch der Lohn der harten Arbeit ist: Den Kamelen schmeckt es hervorragend. Selbst Basima lässt sich nicht ablenken, obwohl das fünf Monate alte Jungtier noch gut ein halbes Jahr die Brust von der Mutter Kathi bekommen könnte.

Lola rennt

Nach der Mittagspause arbeite ich beim Leiter des Südamerikahauses, Daniel Chirico. Der 52-Jährige leitet das Revier seit 31 Jahren und kennt hier jeden Winkel. Besonders stolz ist er auf seine Flachlandtapire. „Das sind die Flaggschiffe dieses Hauses“, betont er. „Schließlich sind das die größten Säugetiere Südamerikas.“ Besonders mag er die Älteste, die 22-jährige Olivia, Spitzname „Olli“. Den anderen hat er Namen gegeben wie „Lola rennt“, Elvira oder Alice. Mir schärft er ein: „Lola rennt immer weg, Alice ist die größte und hat ein abgehacktes Ohr. Olli hat Arthrose und kann nicht mehr so gut laufen. Alle sind aber sehr umgänglich. Du wirst sie gleich füttern.“ Daniel drückt mir einen Eimer mit Äpfeln und Bananen in die Hand und bläut mir ein: „Die Bananen nur für Olli, die kann nicht mehr so gut kauen.“ Dann lässt er mich in ihr Gehege. Bei den Tapiren riecht es wegen ihres starken Harndrangs etwas streng, aber die Tiere sind sehr zutraulich und lassen sich gerne streicheln. Die Äpfel und Bananen werfe ich aus wenigen Zentimetern Entfernung in ihre rüsselartige Schnauzen und streichel ihnen über den Rücken. Es ist ohne Zweifel der bisherige Höhepunkt des Tages.

Eierdiebe

Doch dann hat Daniel eine noch bessere Idee. Er führt mich zum südamerikanischen Laufvogel, dem Nandu. Vor dem Gehege liegen zwei große gelbe Eier. Ich frage Daniel: „Was ist das?“ Er antwortet: „Dazu kommen wir später.“ Er zeigt mir, wie der Hahn im Gehege auf dem Boden sitzt und brütet. „Er denkt, er brütet Eier, doch die haben wir ihm weggenommen. Das sind die gelben Eier. Die verfüttern wir gleich.“ Nandu-Nachwuchs im Zoo aufzuziehen wäre zu aufwendig, erklärt Daniel. Sie benötigten Unmengen an Futter und wären den Pflegern und den Guanakos gegenüber sehr aggressiv. Also verfüttern wir die Eier mit einem Eiweißgehalt von etwa 15 Hühnereiern an die sieben Nasenbären, die in ihrem Gehege sonst fast nur auf dem Baum sitzen. Als ich unter ihnen aber zwei Nandu-Eier in Schalen aufschlage, sind sie in wenigen Sekunden bei mir und fressen mir aus der Hand. Diese süßen Tiere rühren mich. In diesem Moment verstehe ich wirklich, warum Tierpfleger nicht nur Beruf, sondern Berufung ist.


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