Es ist noch ein Zimmer frei Wie in Osnabrück eine WG mit schwerstbehinderten jungen Männern funktioniert

Am Küchentisch wird in der WG am Springmannskamp zusammen gegessen und getrunken. Sonntagabends sind auch Eltern vor Ort. (Foto von links: Jonas, Manfred Müller, Lukas und Theo). Foto: Thomas OsterfeldAm Küchentisch wird in der WG am Springmannskamp zusammen gegessen und getrunken. Sonntagabends sind auch Eltern vor Ort. (Foto von links: Jonas, Manfred Müller, Lukas und Theo). Foto: Thomas Osterfeld
Thomas Osterfeld

Osnabrück. Die fünf jungen Männer, die eine Wohngemeinschaft im neuen Sparkassen-Gebäude am Springmannskamp bilden, können zwar nicht miteinander reden, aber sie leben dort harmonisch zusammen. Sie weisen einen hohen Pflegebedarf auf, da sie Formen von Down-Syndrom, Autismus und Mutismus aufweisen. Ein Besuch.

Sonntagabends ist viel Trubel in der WG. Die fünf männlichen Mitbewohner werden dann nach einem Wochenende bei ihren Eltern nach Hause gebracht. Das soll noch bis Jahresende so gehandhabt werden – zur Entwöhnung. Dabei ist nicht ganz klar, wer sich entwöhnt. „Ich war schon sehr ängstlich, ob es überhaupt funktioniert“, sagt Manfred Müller. Sein Sohn Theo lebt in der WG. Er ist mit 27 Jahren der Älteste der Gruppe. Und Theo ist entwaffnend ehrlich.

 „Das zeigt, dass es funktioniert“

Theo spricht seit ein paar Jahren nicht mehr, versteht aber die Fragen, die ihm gestellt werden. Als er gefragt wird, ob er seinen Papa in der Woche vermisst, schüttelt er den Kopf. Manfred Müller lacht. „Das zeigt, dass es funktioniert.“ Er ist wie seine Frau Margitta Schneider erleichtert. Sie haben 2006 eine Eltern-Initiative gegründet und suchen seit zehn Jahren ein zweites Zuhause für ihren Sohn. Für Menschen mit einer Behinderung ist es offenbar nicht so einfach, in Osnabrück eine Wohnung zu bekommen.

Theo. Foto: Thomas Osterfeld

Auch andere Eltern sehen den Auszug ihrer Sprösslinge mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Plötzlich war da ein leeres Zimmer“, sagt Simone Leimbach. Ihr Sohn Jonas (24) lebt wie alle anderen seit Oktober in der WG. Er kann – im Gegensatz zu seinen Wohnis – Sätze formulieren. Aber oft verstummt er, nachdem er seinen Satz zu Ende gesprochen hat. Manchmal, so sagt er, vermisse er seine Eltern. „Aber das ist nicht schlimm. Ich bin froh, dass ich hier bin.“

Schritt in die Selbständigkeit

Letztlich sind auch die Eltern froh, dass ihre Jungs dort sind. Es ist ein Schritt in die Selbständigkeit, in ein selbstbestimmtes Leben, so wie ihn Millionen andere junge Männer in ihrem Alter vollziehen. Da Theo, Jonas, Michael (23), Jonas-Finn (24) und Lukas (22) einen hohen Pflegebedarf haben, ist immer eine Betreuung vor Ort.

Lukas und Jonas (re.). Foto: Thomas Osterfeld

Jüngst an einem Sonntag kurz vor Weihnachten hat Rebecca Katius diesen Job übernommen. Sie ist eine von acht Betreuerinnen, die immer da ist, wenn die „Jungs“ da sind, wie sie sie nennt. „Sie sind höflich und zuvorkommend“, sagt sie über sie. Zwar sei die Kommunikation schwierig, aber sie können sich bemerkbar machen, wenn sie etwas wollen. Katius sieht ihren Dienst als eine Art Anleitung. „Wir geben Hilfestellung, um die Selbstständigkeit zu fördern.“ Wie die anderen fünf Betreuerinnen und zwei Betreuer ist Rebecca Katius nachts in der WG. Sie hat ein eigenes Zimmer mit einem eigenen Bad.

Außergewöhnlich sauber

Zusätzlich sorgt eine Putzkraft für Ordnung. Sie erledigt ihren Job ausgezeichnet. Für eine Männer-WG ist es außergewöhnlich sauber. Aber das ist ja nicht der einzige Unterschied zu einer „normalen“ Wohngemeinschaft.

Ab 16 Uhr kommen die jungen Männer von der Arbeit bei der Heilpädagogischen Hilfe nach Hause. Später essen sie zusammen. Rebecca Katius berichtet, dass Theo der Koch ist und Jonas dabei hilft. Die Lieblingsspeise ist Pizza. Alle Mitbewohner essen abends zusammen am großen Küchentisch. Anschließend gehen sie in ihre Zimmer und widmen sich ihren Hobbys. Theo schaut gern die Serie „H2O“, Jonas spielt Computerspiele. Manfred Müller hatte an diesem Sonntag eine Überraschung parat: Ein Fernseher soll aufgestellt und für mehr Gemeinschaft sorgen. Die „Jungs“ freuen sich über diese verfrühte Weihnachtsüberraschung.

Zusammenspiel von Institutionen

Anders als die Geschenke vom Weihnachtsmann ist die Wohngemeinschaft nicht vom Himmel gefallen. Sie geht auf die Initiative der Eltern zurück, deren Söhne jetzt am Springmannskamp leben. Sie sind in dem 1963 gegründeten Verein Lebenshilfe organisiert, der sich an den Bedürfnissen der Menschen mit Behinderung und ihrer Familien in der Osnabrücker Region orientiert. Dass die WG am Springmannskamp gegründet werden konnte, ist dem Zusammenspiel mehrerer Einrichtungen und der Sparkasse zu verdanken. Ursprünglich wollte das Geldinstitut eine Campus-nahe Einrichtung mit Studenten-Wohnungen in dem Neubau errichten. 

Die fünf Wohnis: Jonas, Lukas, Theo, Jonas-Finn und Michael. Foto: Thomas Osterfeld

Als die Idee, eine WG für Menschen mit hohem Pflegebedarf in dem Haus einzurichten, an Sparkassen-Vorstand Johannes Hartig herangetragen wurde, hat dieser sofort zugestimmt. Das inklusive Wohnen soll auch schon Früchte getragen haben. Beim Einzug seien spontan die anderen Hausbewohner zu dem Quintett gekommen und hätten ein wenig den Einzug gefeiert, berichtet Manfred Müller.

Mitbewohner gesucht

Neben der Sparkasse sind die Heilpädagogische Hilfe (HHO) und das Stephanswerk maßgeblich am Entstehen der WG beteiligt gewesen. Die HHO sorgt vor allem für die Betreuung; das Stephanswerk ist als Verwalter und Vermieter verantwortlich. Die Finanzierung der Wohnung und der Pflege ist über die Grundsicherungsansprüche für den Lebensunterhalt einschließlich der Wohnkosten und weiterer Aspekte wie der Pflegeversicherung gewährleistet, erklärt Manfred Müller. Er betont, dass die Eltern-Initiative immer das Wohlwollen aller Akteure hatte, die für die Realisierung notwendig waren – auch das der Verantwortlichen und Mitarbeiter der Osnabrücker Sozialbehörden. Müller sagt auch, dass in der WG noch ein Zimmer frei ist. Der potenzielle neue Mitbewohner könne sich unter www.hho-wohnen.de bewerben. Voraussetzung sei aber, dass ein hoher Pflegebedarf bestehe, so Müller.


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