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Erfolgreich mit Tabu-Produkt Osnabrücker Firma Kulmine stellt wiederverwertbare Hygieneartikel aus Stoff her

Von Stefanie Hiekmann


Osnabrück. Seit 20 Jahren gibt es das Unternehmen von Petra Sood in Osnabrück. Warum die meisten Bürger von ihr und ihrer Firma Kulmine wahrscheinlich trotzdem noch nie etwas gehört haben, liegt an der Ware, die Sood herstellt und vertreibt: Damen-Hygieneartikel wie Slipeinlagen und Binden gehören nach wie vor zu der Sorte von Produkten, über die nicht viel gesprochen wird. Doch Petra Sood spürt eine Veränderung: „Nach 20 Jahren wird das Tabu um das Thema endlich ein wenig kleiner.“

Die von Kulmine in Osnabrück produzierten Waren werden europaweit in ausgewählten Naturdrogerien vertrieben. Auch die Edel-Kette Manufactum führt sie. Gemessen an diesem Erfolg, erscheint die Produktionsstätte von Damen-Hygieneartikeln und Taschentüchern im Stadtteil Sonnenhügel fast ein bisschen niedlich. Sie ist in einem ganz gewöhnlichen Einfamilienhaus untergebracht. Das reicht aber auch. Schließlich beschäftigt das Unternehmen gerade mal drei Mitarbeiter. Neben Petra Sood sind das ihr Sohn Amitab Sood, im gleichen Hause auch Shiatsu-Therapeut, und eine Näherin.

Die 56-jährige Sood hat in Düsseldorf Sozialpädagogik studiert, Schwerpunkt: Sexualpädagogik. „Ich habe schon seit Ende meines Studiums Seminare und Kurse gegeben, auch Fortbildungen habe ich angeboten.“ Zielgruppe waren immer Frauen, die durch Stress erkrankt waren und eine Ergänzung zur Schulmedizin suchten.

Produkte für Frauen

„Für mich ist das eine Art Berufung, meine Tätigkeit geht für mich weit über den Verdienst des Lebensunterhalts hinaus“, stellt Sood klar. In der Regel seien Frauen meist eher bereit, langfristig etwas für ihre Gesundheit und sich selbst zu tun. „Das möchte ich unterstützen.“ Wenngleich sie sich auch sicher sei, dass auch für Männer eine individuelle und differenzierte Gesundheitsförderung nötig und sinnvoll ist. Jeden Menschen individuell betrachten, das sei ihr wichtig. Sie hat sich auf die Frauen spezialisiert.

„Seit Anfang an arbeite ich mit Allgemeinmedizinern und Frauenärzten zusammen“, berichtet Sood.

Vor gut 20 Jahren kam eine gute Freundin aus Amerika zurück und berichtete ihr von Stoffbinden und Slipeinlagen aus Baumwolle, die sie in den Vereinigten Staaten entdeckt hatte. „Ich fand diese Idee sofort großartig, und der Gedanke, selbst solche Hygiene-Produkte aus Stoff anzubieten, kam sehr schnell.“ Die Osnabrückerin entschied sich dafür, ihre Waren aus Bio-Baumwolle und Seide herzustellen. Exklusiv sollte es sein. Hochwertig, ökologisch und individuell. Per Hand bastelte sie sich Schablonen und Vorlagen und schnitt auch den Stoff selbst per Hand zurecht. Eine Näherin kümmerte sich schließlich um den Rest.

„Das Geschäft lief – aber schleppend und nur in Verbindung mit meinen Kursen und Beratungen“, erinnert sich Sood an die ersten Jahre. Und das, obwohl schnell Fernsehteams, unter anderem von Spiegel TV, Radiosender und überregionale Zeitungen auf das außergewöhnliche Angebot der Osnabrückerin aufmerksam geworden waren. Doch nicht immer wurde aus einem Journalistenbesuch auch ein Bericht. „Viele waren erst hier und durften die Beiträge hinterher nicht senden, weil auf dem Thema ein viel zu großes Tabu lag. Weiblichkeit, Menstruation – nein, darüber wird nichts gezeigt und schon gar nichts geschrieben!“

Mittlerweile kann Petra Sood darüber lachen. Denn die Zeiten änderten sich, und mit ihrem Geschäft ging es stetig bergauf. „Natürlich sehr, sehr langsam, es war eine lange Durststrecke, aber die Richtung stimmte. Deswegen habe ich auch durchgehalten.“

Auf die „Ökos“ gesetzt

Seit gut einem Jahr sei es nun endlich so, dass die Produktion von Hygieneartikeln für „Kulmine“ wirtschaftlich tragfähig sei – ohne die Seminare als Stütze. Dass ihr dabei der aktuelle Zeitgeist in die Karten spielt, leugnet Petra Sood keinesfalls. „Ich habe ja schon damals auf die Ökos gesetzt – nur war das Thema bei ihnen ein Tabu wie bei allen anderen auch.“ Mittlerweile hat sich das Blatt gewendet. Das zahlungskräftige Bürgertum entdeckt zunehmend die grünen Themen Ökologie und Klimaschutz. Dieser Trend beflügelt das Unternehmen. Nachhaltigkeit – auf dieses Argument setzt Petra Sood besonders. „Auf unsere Binden garantieren wir eine Haltbarkeit von zehn Jahren – rechnet frau sich aus, was sie in dieser Zeit für Papierprodukte ausgegeben hätte, wird sie sehen, was günstiger ist.“

Vor einigen Jahren sei sie von einer Greenpeace-Gruppe angesprochen worden, erinnert sich Petra Sood. „Sie wollten, dass ich ihnen Stofftaschentücher mache. Na gut, habe ich damals gedacht: Ich habe genug Produkte, die sich schwer verkaufen lassen, warum nicht mal was Einfaches?“ So kamen die Seidentaschentücher ins Sortiment. „Und ehrlich gesagt: Sie lassen sich noch besser verkaufen als ich dachte“, berichtet die Unternehmerin. Der Markt für wiederverwertbare Drogerieartikel sei mittlerweile offensichtlich da. Dass das Versandhaus Manufactum Kulmine-Produkte in sein Sortiment aufgenommen hat, gibt Sood recht. „Das ist schon eine Auszeichnung für uns.“

Von Anfang an werden die Produkte der Firma Kulmine in Handarbeit produziert. Petra Sood und ihr Sohn Amitab schneiden die Stoffe am Sonnenhügel zu. In Bramsche werden sie dann in Handarbeit genäht. Die Osnabrückerin ist frohen Mutes, dass sich der Aufwärtstrend ihrer Produkte weiter fortsetzt: „Wir merken im Moment, dass auch das Inkontinenz-Problem ein Markt für uns ist.“ Im Moment seien es ausschließlich Privatpersonen, die wiederverwertbare Hygiene-Vorlagen bei ihr kaufen. Pflegeeinrichtungen zeigten sich derzeit noch skeptisch. „Sie glauben, dass durch das Waschen der Produkte zu viel Arbeit auf sie zukäme“, sagt Petra Sood. Doch sie will sich nicht entmutigen lassen. Kulmine macht das Angebot – und ist optimistisch, dass auch für dieses Angebot die Nachfrage mit der Zeit schon kommen wird.