Die Interpreten des Wahnsinns Stehende Ovationen für Matthias Brandt und Jens Thomas

In die seelischen Abgründe des Komponisten Robert Schumann tauchen Jens Thomas (links) und Matthias Brandt am Sonntag im Theater ein. Foto: Swaantje HehmannIn die seelischen Abgründe des Komponisten Robert Schumann tauchen Jens Thomas (links) und Matthias Brandt am Sonntag im Theater ein. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. Ihr Faible für Psychogramme leben Matthias Brandt und Jens Thomas am Sonntagabend ein weiteres Mal im voll besetzten Theater am Domhof aus. Nachdem sie bereits mit ihren Programmen „Psycho“ und „Angst“ in Osnabrück gastierten, tauchen sie nun in die seelischen Abgründe des Komponisten Robert Schumann ein.

Fragend blicken sich Matthias Brandt und Jens Thomas zu Beginn ihres Auftritts an. Thomas spielte improvisiert Klavierklänge, Brandt dreht sich zum Zuschauerraum und schaut streng und starr ins Publikum. Als er zu lesen beginnt, ist er atemlos, stockend, der Wahnsinn von Robert Schumann ist von der ersten Silbe präsent. Thomas spielt dunkle Töne auf dem Flügel dazu, er moduliert Klänge mit seiner Stimme, als hätte er ein Didgeridoo in der Kehle. Dann singt er „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“ mit stotternder Stimme.

Hommage an Peter Härtling

Es ist keine musikalische Lesung, eher eine Performance, ein in sich geschlossenes Spiel, das Matthias Brandt und Jens Thomas auf die Bühne bringen. Ihr Programm „Krankenakte Robert Schumann“ basiert auf der Biografie „Schumanns Schatten“ von Peter Härtling. Der 2017 gestorbene Schriftstelle hat brillante Künstlerbiografien in Romanform geschrieben, auch über Schubert, Verdi oder Hölderlin. Matthias Brandt, Schauspieler und Kanzler-Sohn, und der Pianist und Komponist Thomas konzentrieren sich auf die letzten Lebensjahre Schumanns, die er in der Psychiatrie in Endenich bei Bonn verbrachte, wo er wegen „Melancholie mit Wahn“ behandelt wurde.

Der Verfall Schuberts

Die berühmte Romanze zwischen Robert und Clara Schumann wird nur am Rande gestreift. Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen dem Komponisten und seinem Pfleger Klingenfeld. Der schildert den stetigen Verfall Schumanns, sein Abdriften in den Wahnsinn, aber auch seine klaren Momente. Der Text von Peter Härtling wird durch Brandt lebendig. Der Schauspieler kann nicht einfach nur lesen, seine Mimik beleuchtet die dunklen Seiten des Komponisten, der das Opfer seines Wahnsinns wird.

Zwischen Jazz, Klassik und Pop

Thomas changiert irgendwo zwischen Jazz, Klassik und Pop. Er singt das romantische Lied „Ich hab im Traum geweinet“ mit hoher Stimme, lässt verspielte Noten auf dem Flügel erklingen und Anklänge von Schumanns Melodien in seine Improvisationen einfließen. Und immer wieder schaukeln sich Brandt und Thomas hoch, erklimmen eine neue Stufe von Schumanns Wahnsinn.

Doch die beiden Akteure verlieren sich nicht in dem seelischen Horror Schumanns. Am Ende ihrer 75-minütigen mutigen Performance zeigen sie, welch wahnsinnig traurige Geschichte sie da vortragen: Ein Genie wie Robert Schumann hat seine Musik verloren.

Stehende Ovationen

Das Publikum zollt der intensiven und eindringlichen Darbietung Matthias Brandts und Jens Thomas‘ großen Applaus, schließlich gibt es sogar stehende Ovationen – zu Recht. Das perfekt aufeinander eingespielte Duo nimmt seine Zuhörer mit auf die Höhen und Tiefen des am Ende dahinsiechenden Robert Schumann. Brandt verkörpert den Komponisten, der am Ende die Aufnahme von Nahrung verweigerte, auch ohne große Gesten genial. Er bringt den Wahnsinn zur Tatort-Zeit ins Osnabrücker Theater.


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