Audiovisuelles Spiel: Wer steckt hinter der Maske? Figurentheater zeigt „Wilde Wilde Wesen“ in Osnabrück

In fremder Haut? Gonzalo Barahona (links) und Alessandro Maggioni machen Objekttheater in der Hasestadt. Foto: Swaantje HehmannIn fremder Haut? Gonzalo Barahona (links) und Alessandro Maggioni machen Objekttheater in der Hasestadt. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. Figürlich, performativ, assoziativ: Vielschichtig und facettenreich geriet das Gastspiel „Wilde Wilde Wesen“ im Osnabrücker Emma-Theater.

Das Figurentheater in der Alten Fuhrhalterei hat das Objekttheaterstück gemeinsam mit dem T-Werk Potsdam und unterstützt durch die Schaubude Berlin, wo es im April unter der Regie von Magali Tosato uraufgeführt wurde, produziert – ist aber für die Osnabrücker Premiere umgezogen. Warum, wurde schnell deutlich, als Autor Alessandro Maggioni von einem großen Projektionstisch aus handgemacht im Stil eines Schattentheaters zweidimensionale Figuren auf einen großen schwarzen Vorhang übertrug, während der Raum davor von seinem Partner Gonzalo Barahona für darstellendes Spiel genutzt wurde. 

Er müsse quasi das „ausbaden“, was Maggioni sich ausgedacht habe, sagte Dramaturgin Lydia Dimitrow beim anschließenden Publikumsgespräch im Foyer des Emma-Theaters. Und dafür kam ihm der große Raum gerade recht. Eigentlich aus der bildenden Kunst kommend, aber mit einiger tänzerischer Vorerfahrung, lotete Barahona erstaunlich bewegungssicher das weite Feld zwischen Mensch und Tier aus, indem er zunächst im selbst entworfenen Hasenkostüm unter der Regie des Projektionsleiters scheinbar herauszufinden suchte, ob er sich denn wohl fühlt in dieser, seiner Haut. 

Zusammenspiel zwischen Person und Projektion. Foto: Swaantje Hehmann

Später streifte er sie ab und ein neues Wesen kam darunter zum Vorschein – nicht zufällig just in dem Moment, als das essenzielle Thema dieses audiovisuellen Spiels mit Bewegung, Masken, Formen, Farben und Tönen buchstäblich zur Sprache kam. Plötzlich hörte man nämlich nicht mehr nur Musik, sondern Stimmen, die in vielen verschiedenen Sprachen Worte über die Zumutungen verloren, die eine Gesellschaft oder ein soziales Umfeld für den einzelnen Menschen bereithält. 

Metamorphosen der Identität

Wissen wir selbst, was unter unserer gesellschaftskonformen Oberfläche steckt und wie viel Maske dürfen wir ablegen, wie viel unseres wahren Ichs zeigen? – Um diese Fragen drehte sich das bildstarke Zusammenspiel zwischen Person und Projektion. Und ließ sie letztlich offen. Denn obwohl der Hase sich selbst gehäutet hat, blieb am Ende ein gehörntes Menschentier ratlos zurück, während im Hintergrund die Entstehung einfachen Lebens projiziert wurde – diesmal digital. Zuvor wurden per Hand Formen und Abbildungen buchstäblich bunt zusammengemischt und dabei gar zumindest ansatzweise Geschichten erzählt, mitunter in einem wahrhaftigen, symbolischen Rahmen, der sich mal verschiebt und aus dem mal jemand fällt.  

Die zweite Haut. Foto: Swaantje Hehmann

Ob der Spagat zwischen der Anpassung an bestehende gesellschaftliche Verhältnisse oder soziale Erwartungen und der Wahrung der eigenen Identität, die dadurch nicht unversehrt bleibt, nicht auch rein visuell hätte dargestellt werden können, fragten sich einige Zuschauer im Anschluss. Tatsächlich wurden die sprachlichen Elemente erst im späteren Verlauf des „Findungsprozesses“ um eine angemessene Spielform hinzugefügt, verriet daraufhin die Dramaturgie. Aber egal, ob man nun die verbale Verstärkung für notwendig oder überflüssig hielt: Eine neuartige, so vorher nie gesehene Form des Theaters war es für die meisten Besucher wohl allemal.


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