Erinnerung an die Pogromnacht von 1938 Gedenkveranstaltung in Osnabrück für die Opfer des Nationalsozialismus

Zentrale Gedenkfeier 2019 zum 9. November 1938 in Osnabrück: Kranzniederlegung am Denkmal Alte Synagoge. Foto: Andre HavergoZentrale Gedenkfeier 2019 zum 9. November 1938 in Osnabrück: Kranzniederlegung am Denkmal Alte Synagoge. Foto: Andre Havergo

Osnabrück. Unter dem Motto "Das Gedenken in die Stadt tragen" haben Schüler der Osnabrücker Thomas-Morus-Schule am Sonntag an die Opfer der Pogromnacht am 9./10. November 1938 erinnert. Die Veranstaltung unterstrich die Wichtigkeit einer lebendigen Erinnerungskultur.

Die Schlossaula der Universität war voll besetzt, als um 11.30 Uhr die Feier zum Gedenken an die Pogromnacht von 1938 begann. Unter denen, die im Saal Platz nahmen, waren neben Schülern, Eltern und Studenten auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Seit 2001 beteiligen sich die weiterführenden Schulen Osnabrücks im jährlichen Wechsel an den Gedenkveranstaltungen. In diesem Jahr war die Thomas-Morus-Schule an der Reihe. 

Bei der Eröffnung der Veranstaltung betonte Bürgermeisterin Birgit Strangmann (Grüne) vor allem die Wichtigkeit von Respekt, Solidarität und Verantwortung im Miteinander der Religionen und Kulturen. Die Erinnerungskultur sei heute wichtiger denn je, betonte sie.

Synagoge in Osnabrück durfte nicht gelöscht werden

Wie in vielen anderen Städten brannte in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 auch in Osnabrück die Synagoge, die sich an der Rolandstraße befand, die in diesem Bereich heute Alte-Synagogen-Straße heißt. Nach einem nächtlichen Telegramm, das eine "spontane Aktion" gegen jüdische Bürger befahl, hatten sich zuvor etwa 200 bis 300 SA-Männer auf dem Marktplatz versammelt. Viele von ihnen stürmten in Kleingruppen die Wohnungen und Häuser jüdischer Familien. Ein anderer, großer Teil der Gruppe machte sich auf den Weg, um die 1906 eingeweihte Synagoge in Brand zu stecken. Feuerwehr und Rettungskräfte hatten die Anweisung, sich zurückzuhalten. Erst, als das Gebäude in den Morgenstunden völlig ausgebrannt war, wurden die Überreste abgelöscht.

Hier stand vor der Nacht vom 9. auf den 10. November noch die Osnabrücker Synagoge. Die SA ließ sie damals völlig ausbrennen. Foto: Andre Havergo

Strangmann erinnerte daran, dass das jährliche Gedenken an die Gräuel der nationalsozialistischen Diktatur nicht örtlich gebunden sei. Sie betonte die deutschlandweite Verantwortung, diesen Teil der Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und sprach auch den Anschlag in Halle an. Dort hatte am 10. Oktober ein rechtsextremer Täter unter anderem die örtliche Synagoge und einen türkischen Imbiss angegriffen und zwei Menschen getötet. 

Stellung beziehen, Antisemitismus bekämpfen

Der Antisemitismus fasse in Deutschland wieder Fuß, warnte Strangmann und fragte gleichzeitig: "Aber wo ansetzen?" Mit konsequentem Entgegenstellen gegen antisemitische Strömungen und Empathie mit den jüdischen Gemeinden, lautete ihre Antwort. Zum Schluss appellierte sie ans Publikum: "Lassen Sie uns, die wir immer noch die Mehrheit bilden, mehr denn je Stellung beziehen."

Weiter ging es mit dem Programm der Schüler. Diese hatten schon im Vorhinein und dem Motto "Das Gedenken in die Stadt tragen" Stolpersteine in Osnabrück poliert und Passanten über die Geschichten der Osnabrücker Juden aufgeklärt. Die in den Boden eingelassenen quadratischen Messingtafeln erinnern an vertriebene und ermordete Menschen, die früher an den jeweiligen Orten lebten – neben Juden unter anderem auch Sinti und Roma, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen und Regimegegner. Um ihrer zu gedenken, hatten sich die Schüler mit Metallpolitur, Schwämmen und alten Zahnbürsten auf den Weg gemacht, um die Steine zu putzen. Bilder der Aktion wurden nun auf der Gedenkfeier gezeigt. Im Hintergrund lief das Lied "Stolpersteine" des Rappers Trettmann: "Hier könnt' jeder Name stehen. Irgendeiner, irgendeiner, doch hier steht deiner. Was ist wohl passiert?"

"Das Gedenken in die Stadt tragen" lautete das Motto unter dem Schüler Passanten auf die Schicksale von Osnabrücker Juden im Nationalsozialismus aufklärten. Foto: Andre Havergo

"Diese Zeit darf nie wiederkommen."

Auch auf der Bühne lagen angedeutete Stolpersteine. Eine Gruppe Schüler lasen die dazugehörigen Kurzbiografien der aus Osnabrück deportierten Juden vor. Begleitet wurden sie von zwei Klarinetten. Selbst die jüngsten auf der Bühne wirkten ernst. Sie haben offenkundig verstanden, um was es hier geht. Die Jugendlichen betonten die Erinnerung an die Opfer, die ihre Mörder letztlich überdauert haben: "An die Namen der Täter in den Konzentrationslagern erinnern wir uns nicht."

Ein weiterer Film wurde abgespielt. "Passantengespräche" stand auf der Leinwand. Dann waren Interviews zu hören, die die Schüler im Vorfeld mit Passanten geführt hatten. In einem davon wurde zum ersten und einzigen mal an diesem Tag die AfD namentlich genannt. Ein weiteres Interview rührte einige im Publikum zu Tränen. Die Stimme, die zu hören war, ist zittrig. Es klang, als spreche die Frau auf der Aufnahme unter Tränen: "Da ist so viel Leid passiert. Ungerechtes. Diese Zeit darf nie, nie wiederkommen."

"Es ist nicht vorbei"

Unter dem Titel "Es ist nicht vorbei" lasen die Schüler im Anschluss Berichte von Anschlägen und einzelnen Gewalttaten gegen Juden in den vergangenen 20 Jahren vor – zuletzt nannten sie den Anschlag in Halle. Ein Schüler sagte: "Der Antisemitismus ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen." Ein Schülerin antwortete: "Nein, nicht angekommen. Er war ja nie weg."

Anschließend gingen die Teilnehmer gemeinsam zum Mahnmal Alte Synagoge, wo Angela Müllenbach-Michel von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Osnabrück an die Details der Nacht vor 81 Jahren erinnerte – und an das Erbe der jüdischen Gemeinden in Deutschland: "Unsere Wissenschaft und Kultur verdankt sehr viel dem Judentum, auf allen Gebieten." Sie sei dankbar dafür, dass Erinnerungskultur in Osnabrück gut funktioniere und rechte Parteien hier politisch bislang kaum Fuß fassen konnten.

Angela Müllenbach-Michel erinnert an die Details der Pogromnacht in Osnabrück. Foto: Andre Havergo

Nach dem Niederlegen der Kränze durch Stadt, Land, jüdische Gemeinde, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, der Hans-Calmeyer-Initiative und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft sprach Michael Grünberg, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, zum Abschluss das sogenannte Kaddisch – ein Gebet für die Seelen der Verstorbenen. Der Einsatz der Schüler lasse ihn hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, sagte Grünberg. Es sei an der Zeit, sich aktiv gegen Antisemitismus einzusetzen. Dazu gehöre vor allem auch eine lebendige Erinnerungskultur: "Jeder, der nur ein wenig Respekt vor den Opfern des Holocaust hat, wird sich an sie erinnern."

Foto: Andre Havergo


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